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Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.09.2012

Er kam nicht aus den schwarzen Wäldern

Von der Freundschaft zum Werk in die Gegenwart: In einer umfangreichen Biographie von Bertolt Brecht versucht Jan Knopf, die nie versiegende Aktualität des großen Schriftstellers zu ergründen.

In den ersten Jahrzehnten der beiden neu gegründeten deutschen Staaten und in den hohen Zeiten des Kalten Krieges war Bertolt Brecht eine Reizfigur und als solche deutlich über das literarische Milieu hinaus bekannt. Im Weststaat war die Frage heißumstritten, ob man seine Stücke überhaupt spielen dürfe, und ein deutscher Außenminister verglich seine späte Lyrik mit dem Horst-Wessel-Lied, wobei besonders die scheinbare Präzision, von der späten Lyrik zu sprechen, den Urheber des Vergleichs entlarvte. Brechts späte Lyrik, das sind vor allem die "Buckower Elegien", und diese haben mit dem Marschrhythmus des besagten Naziliedes wahrlich nicht das Geringste zu tun. So wurde ungewollt deutlich, dass Herr von Brentano, der Außenminister mit der Herkunft aus einer literarischen Familie (sein Bruder Bernard wollte mit Brecht zum Ende der Weimarer Zeit eine Zeitschrift herausgeben), vermutlich nie eine Zeile von Bert Brecht gelesen hat.

Im Oststaat dagegen, wo Brecht wohnte und Theaterarbeit machte, ausgestattet mit der österreichischen Staatsbürgerschaft, war er keineswegs so privilegiert, wie mancher sich das gern ausmalte. Dass zum Beispiel das Berliner Ensemble, seinem Ruhm und seinen auch internationalen Erfolgen zum Trotz, erst spät eine feste Spielstätte erhielt und dass es in der SED-Spitze durchaus Überlegungen gab, es ganz zu schließen, war wenig bekannt. Was stattdessen hängenblieb, war Brechts angebliche Ergebenheitsadresse an Ulbricht nach dem 17. Juni 1953, ein Eindruck, der auf einer radikalen Kürzung und damit Fälschung des Briefes beruhte, den er an den SED-Chef geschrieben hatte.

Inzwischen gibt es nur noch einen deutschen Staat, und der Kalte Krieg ist durch zahllose heiße abgelöst worden. Missionarischer Antikommunismus ist heute eher eine Spezialität von Gedenkstättenleitern und ansonsten weitgehend verschwunden. Mit ihm scheint auf den ersten Blick aber auch Brecht verschwunden und kein Gegenstand einer erneuerten Rezeption mehr zu sein. Gern einigt man sich auf die Formel, er habe unbestritten einige der schönsten Gedichte der deutschen Sprache geschrieben, und das war es dann.

So geht es jedoch nicht, will Jan Knopf mit seiner neuen Biographie uns sagen, laut Klappentext der ersten seit dem Mauerfall, und natürlich ist es auch keineswegs so, dass Brecht bei uns und anderswo wie ein toter Hund behandelt wird. Dazu war diese Gestalt viel zu groß, auch wenn sie selbst es mit den "großen Männern" nicht so hatte. Klaus Modicks im vergangenen Jahr erschienener Feuchtwanger-Roman "Sunset" etwa ist fast ebenso sehr ein Brecht-Roman geworden wie einer über seinen Mentor. Entgegen landläufiger Meinung werden Brechts Stücke auch nach wie vor gespielt, und zwar auf der ganzen Welt, und sind gerade bei jungen Regisseuren beliebt. Das ist leicht erklärlich: Brecht war vor allem anderen ein Theatermann und Theaterpraktiker, und seine Stücke bieten anderen Theaterpraktikern so viele verschiedene Möglichkeiten der Gewichtung und Umsetzung, dass sie sich gern daraufstürzen.

Als Mitherausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe Brechts und als Leiter der "Arbeitsstelle Bert Brecht" an der Universität Karlsruhe ist Jan Knopf selbstverständlich ein Experte ersten Ranges, wenn es um eine zeitgenössische Biographie des Augsburger Stückeschreibers geht. Sein Ansatz ist zunächst lebensgeschichtlich betont. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel "Lebenskunst in finsteren Zeiten". Nun muss man als Biograph ja immer mit Herkunftsgeschichten anfangen, in diesem Fall also mit der durchaus bürgerlichen Herkunft des Eugen Berthold Brecht; selbst in den Zeiten des Ersten Weltkrieges litt die Familie nicht wirklich Not.

Knopf weist auf Brechts schon früh entwickeltes Talent zur (oft lebenslangen) Freundschaft hin und - hier beginnt nun langsam die Hinwendung zum Werk - auf seinen ebenfalls frühen Drang zur kollektiven Produktion, zur Arbeit mit anderen. Im Gegensatz zu seinem frühen Helden Baal brauchte Brecht Gesellschaft. Dabei spielt es keine Rolle, ob er sich selbst als primus inter pares begriff oder andere ihn so sahen. Er war jedenfalls, wie Knopf schon aus frühen Tagebüchern nachweist, zur gründlichen Selbstkritik ebenso fähig wie dazu, Kritik und Vorschläge von anderen für seine Arbeit produktiv zu machen. Er war jeglichem Geniekult abhold, und vom Tod des Autors hat er schon lange vor Barthes und Foucault gewusst: "Der ,Urheber' ist belanglos, er setzt sich durch, indem er verschwindet." Das ist Diskurstheorie avant la lettre.

Natürlich heißt das nicht, dass Brecht hinter dem "Werk" (fraglich, ob er diesen kunstreligiösen Begriff akzeptiert hätte) zurückgetreten sei. Keine Frage, dass er sich selbst gezielt inszeniert hat, was einem Mann des Theaters nicht besonders schwerfällt. Knopf führt hier eine ganze Reihe Beispiele von Interviews aus der Zeit der Weimarer Republik an, als Brechts Aufstieg begann. Brecht beteiligte sich an allen möglichen An- und Umfragen. Seine Antworten hatten oft wenig Wahrheitsgehalt, waren dafür aber wegen ihres provokativen Charakters mediengerecht. Bei solchen Inszenierungen ging es aber nicht um Geniekult, sondern um die Durchsetzung auf dem Markt.

Spätestens hier verbindet sich der Bericht von der Lebenskunst mit der Reflexion über Brechts Arbeit. Die These, die Knopf als Ausgangspunkt für diese Biographie dient, wird übrigens gleich am Anfang dargelegt. Bertolt Brecht, so lautet sie, verfolgte von Anfang das Ziel, "die bisherigen Grenzen der Künste zu überschreiten. . . Er schuf neue Genres und führte neue mediale Techniken in die Künste ein. Er war als Künstler Universalist, der alle Möglichkeiten der Ästhetik der Avantgarde erprobte und sich mit ihnen auch durchsetzte." Dieser Weg, das ist die nicht explizit ausgesprochene Fortführung der These, wurde durch den nationalsozialistischen Sieg in Deutschland gekappt und konnte im Exil nicht angemessen fortgeführt werden, da Brecht dort weitgehend von der Praxis der Theaterarbeit abgeschnitten war.

Das ist zweifellos richtig. Beim Lesen der Biographie kann jedoch der Eindruck entstehen, als schätze Knopf die späteren Stücke Brechts und auch die spätere Theaterarbeit nicht mehr so hoch ein und führe ihre Erfolge in der Nachkriegszeit gerade auf eine gewisse mangelnde Radikalität zurück. Auf der anderen Seite analysiert er durchaus etwa die ästhetisch avancierte Technik des "Guten Menschen von Sezuan" oder die spezielle Gestik im "Galilei". Die Ambivalenz bei der Bewertung der späteren Arbeit Brechts beruht auf einem missing link dieser Biographie. Es wäre hier Gelegenheit gewesen, noch einmal Brechts Theatertheorie zu erklären und zu zeigen, was denn nun das epische Theater eigentlich sei. Dass Jan Knopf das gekonnt hätte, steht außer Frage. Wenn man aber jahrzehntelang so nah dran ist am Gegenstand, hält man vielleicht manches für so selbstverständlich, dass es überflüssig erscheint, darüber zu sprechen: in diesem Fall zum Nachteil des Lesers. Ohnehin kommt das theoretische Profil Brechts, sein Nachdenken über die Bedingungen seiner Arbeit, wie es sich unter anderem auch in den Journalen niederschlug, ein wenig zu kurz. Das ist umso bedauerlicher, als Knopfs Ansatz ja selbst die Frage nach den Bedingungen für Brechts Arbeit und nach den künstlerischen Folgen stellt.

Der Leser zieht aber genug anderen Gewinn aus dieser Darstellung. Das Bild des eingefleischten Großstädters Bertolt Brecht etwa, der sich im "vielstädtigen Berlin, über und unter dem Asphalt geschäftig" am wohlsten fühlte, bedarf leichter Korrekturen. Brecht brauchte mehrere Anläufe, um in Berlin wirklich anzukommen, und behielt während der gesamten Zeit der Weimarer Republik seine Augsburger Mansarde. Zudem zog er sich zum Arbeiten gern aufs Land zurück und verbrachte in seinen letzten Lebensjahren bekanntlich die Sommer in Buckow. Sowenig er "aus den schwarzen Wäldern" kam, so wenig war er der reine Asphaltmensch und auch in jungen Jahren nicht der Kraftmeier und Säufer, den man hinter manchen seiner Stücke vermuten könnte.

Außerdem zeigt Knopf detailliert, dass es mit dem oft beschriebenen Jahr 1926 und Brechts "Hinwendung zum Marxismus" soviel nicht auf sich hat. Als Hauptbeleg für diese Hinwendung und ihren Zeitpunkt gilt eine Aufzeichnung von Brecht selbst, in der es unter anderem heißt, er habe 1926 das "Studium des Marxismus" aufgenommen. Der Pferdefuß daran ist der, dass die Aufzeichnung aus dem Jahr 1935 stammte und zur Einführung in eine Lesung aus Brechts Werken vor Moskauer Arbeitern gedacht war. Knopf kann zeigen, dass es sich hier um eine "freundliche Stilisierung" handelt und es zwar 1926 sporadische Marx-Lektüre gegeben hat, eine intensivere Beschäftigung mit den Schriften von Marx aber erst Ende der zwanziger Jahre einsetzte. Auch das rechtfertigt es noch nicht, von Brecht als Marxisten zu sprechen, es sei denn, man würde jeden so nennen, der - auch heute noch - die Kapitalismusanalyse von Karl Marx für ziemlich brauchbar hält.

Die Biographie führt noch einmal vor, dass Flucht und Exil keine pittoresken Film- oder Romanstoffe sind, und zeigt, wie knapp Brecht mit seinem Tross bei der letzten, entscheidenden Fluchtbewegung nach Amerika entkommen ist: wahlweise den Nationalsozialisten oder den Moskauer Kommunisten. Das Exil wurde auch dadurch nicht angenehmer, dass es ein kalifornisches war. Denn es verurteilte entweder zur Untätigkeit oder aber zur Anpassung an einen Medienmarkt, dessen einziges Kriterium das der Verkäuflichkeit bildete. Knopf zeigt, wie sich das positive, beinahe enthusiastische Amerika-Bild Brechts in Los Angeles langsam in Abneigung, um nicht zu sagen Abscheu verwandelte. Allerdings hätten die Marktgesetze, wäre die erste deutsche Demokratie nicht so schnell gescheitert, vor Berlin und der Weimarer Republik nicht haltgemacht. In deren letzten Jahren hatte Brecht allerdings auf dem Markt einen sehr guten Stand, was es ihm - verkürzt gesagt - erlaubte, längere Zeit mehrere Frauen und Kinder durchzufüttern.

Was die Frauen anbetrifft, so berührt an der Biographie besonders, dass Jan Knopf ihr eine entschiedene Hommage an Brechts wichtigste Mitarbeiterin einschreibt, Margarete Steffin, die natürlich keine bloße Mitarbeiterin war, sondern eine hochbegabte Autorin: eine Tatsache, die der Autor Bertolt Brecht, der angeblich seine Umgebung vor allem für seine Arbeit ausgepresst hat, sehr wohl sah und würdigte. Er achtete bei allen, die an seinen Werken mitgearbeitet hatten, darauf, dass sie als Co-Autoren genannt wurden.

Frappierend an dieser Biographie ist schließlich, wie abrupt sie mit Brechts Tod endet. Es folgt nicht mehr der Versuch einer Würdigung und Neubewertung. Das lässt einen am Ende etwas ratlos. Die Auseinandersetzungen um die Person Brechts aus den fünfziger und sechziger Jahren sind zwar längst Geschichte, große Teile des Werkes sind es aber nicht. Dafür ist es zu vielschichtig und zeigt immer wieder seine potentielle Aktualität. Jan Knopfs Biographie vermittelt davon ein deutliches Bild. Er hätte es am Ende noch einmal aussprechen dürfen, das wäre kaum zu viel des Pathos gewesen.

JOCHEN SCHIMMANG

Jan Knopf: "Bertolt Brecht". Lebenskunst in finsteren Zeiten.

Hanser Verlag, München 2012. 560 S., Abb., geb., 27,90 [Euro].

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