"Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung - nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat, nicht ein Mehr an Selbsterfahrung und Gruppendynamik, nicht die angestrengte Suche nach Identität" (Hartmut von Hentig).
Hartmut von Hentigs Forderung: Die Rückkehr zum Wesentlichen "Bildung" als zentrale Aufgabe der Schule. Sein Bildungsbegriff: Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit; Wahrnehmung von Glück; die Fähigkeit und den Willen, sich zu verständigen; ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz; Wachheit für letzte Fragen und die Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica."In diesem mitreißend formulierten Essay geht es um Fragen, die Lehrerinnen und Lehrer hautnah betreffen: Welche Bildung brauchen und wollen wir eigentlich? Was und wieviel soll Schule lehren? Was sollen Kinder und Jugendliche lernen? Latein oder Computer? Kulturtechniken oder Zukunftsprobleme?" (Deutsche Lehrerzeitung).
Hartmut von Hentigs Forderung: Die Rückkehr zum Wesentlichen "Bildung" als zentrale Aufgabe der Schule. Sein Bildungsbegriff: Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit; Wahrnehmung von Glück; die Fähigkeit und den Willen, sich zu verständigen; ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz; Wachheit für letzte Fragen und die Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica."In diesem mitreißend formulierten Essay geht es um Fragen, die Lehrerinnen und Lehrer hautnah betreffen: Welche Bildung brauchen und wollen wir eigentlich? Was und wieviel soll Schule lehren? Was sollen Kinder und Jugendliche lernen? Latein oder Computer? Kulturtechniken oder Zukunftsprobleme?" (Deutsche Lehrerzeitung).
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.10.1996Eltern und Geschwister finden nicht statt
Die Schule der Nation ist für Hartmut von Hentig immer noch die Schule / Von Konrad Adam
Das Mißtrauen und die Verachtung ihrer Zöglinge haben die Schule begleitet, solange es sie gibt. Erinnerungen an die Zeit, in der die Welt den schönen Schein des Spielerischen verlor und zum Gegenstand von Unterricht wurde, waren nur für wenige mit angenehmen Gefühlen verbunden. Indem es an solche Erfahrungen der Unzufriedenheit anknüpft, kann Hartmut von Hentigs neues Buch mit dem lapidaren Titel "Bildung" auf wohlwollende Aufnahme rechnen. Einer seiner Zeugen für die Krise, in die Erziehung, Bildung, Schule und Verwandtes geraten sind, ist Nietzsche. In seiner Verachtung für die hohle und aufgeblasene Bildungspraxis, die an den Schulen und Universitäten seiner Zeit üblich war, läßt er sich in der Tat von keinem überbieten. Mag Nietzsche auch sonst als Beistand eher verdächtig sein, als Kritiker des deutschen Bildungsbetriebs ist er bis heute brauchbar und willkommen.
Aber die Frage lohnt, was Nietzsche denn wohl in den Stand gesetzt haben mag, die Bildungsphilisterei zu durchschauen und so treffend bloßzustellen. Woher wußte er das, was er für überflüssig oder für gefährlich hielt, woher kannte er seinen Gegner so gut? Die Antwort: durch die Schule! liegt nahe, sie ist auch sicher nicht ganz falsch. Denn selbst dieser erbarmungslose Diagnostiker hat da, wo er aus der persönlichen Erinnerung schrieb, nicht durchweg unfreundlich über seine Lehrjahre gesprochen. Das gilt vor allem für seinen Bonner Lehrer, den klassischen Philologen Ritschl, auf dessen Empfehlung der junge Nietzsche eine Professur an der Universität Basel erhalten hatte.
Die Frage, was den Kritiker zu seiner Kritik befähigt hat, ist damit freilich noch nicht beantwortet. Wer weiter sucht, wird auf zwei weitere Agenten stoßen, auf Nietzsches Elternhaus, vor allem auf die innige Bindung an seine Mutter, und auf das eigene, außerordentliche Talent. Das sind freilich Quellen, von denen die professionelle Pädagogik keine hohe Meinung hat, denn sie entziehen sich ihrem Zugriff. Daß es so etwas wie Begabung gibt und diese Begabung innerhalb mehr oder weniger weit gezogener Grenzen erblich sein könnte, sich also nur entwickeln, aber nicht hervorbringen läßt, haben einige Reformpädagogen als so skandalös empfunden, daß sie den Begriff der Begabung aus ihrem Sprachschatz verbannten. Und daß es ausgerechnet die Eltern, diese Laien und Dilettanten, sein sollten, die auf das Gedeihen der Kinder nachhaltiger einwirken als der ausgebildete Lehrer, erschien ihnen als Angriff auf die Berufsehre. Wie jeder andere, will auch der Pädagoge nicht gern teilen.
Hartmut von Hentig, der gebildeteste unter den deutschen Pädagogen, erweist sich hier als Mitglied seiner Zunft. Was er über das lebenslange Lernen sagt, daß es nämlich dem Menschen selbst überlassen werden könne, "wenn die Schule das Ihre getan hat", läßt sich ja sinngemäß auch vom Elternhaus behaupten: wenn es seine Sache gut gemacht hat, dann hat die Schule leichtes Spiel. Das Umgekehrte gilt natürlich auch. Daß dieser umgekehrte Fall, das Versagen der Schule als Folge einer mißglückten Früherziehung, heute immer häufiger vorkommt und nachgerade zur Regel wird, darüber erfährt man in diesem sonst so lesenswerten Buch fast nichts. Familie, Eltern und Geschwister, das sind für einen Schulmann fremde oder ferne Gestalten. Sie stehen für das, was heute selten geworden ist und was die Schule irgendwie ersetzen will.
Nur daß die Schule sich damit natürlich übernimmt. Zum großen Thema Bildung trägt sie niemals alles bei, sondern immer nur einen Teil. Sie kann, wenn alles gutgeht, in grandioser Weise entfalten, was die Kinder von Hause aus mitbringen, eine verlorene Jugend aber niemals wettmachen. Daß Wilhelm von Humboldt so rigoros auf allgemeine Menschenbildung setzen und sich zu der Behauptung versteigen konnte, im letzten zählten nur zwei Fächer, Griechisch und Mathematik: diese extreme Vereinfachung war nur deshalb möglich, weil er voraussetzen durfte, was längst nicht mehr sicher ist. Das Abzirkeln des Fächerkanons, das Trainieren von Schlüsselqualifikationen, das Fitmachen für den Beruf, alles das also, was heute im Zentrum von Bildung und Ausbildung steht, konnte Humboldt anderen überlassen. Er schrieb und dachte und plante eben nur für wenige, für eine Elite. Wer seine Gedanken heute, unter so grundlegend anderen Bedingungen, beibehalten oder retten will, muß das in Rechnung stellen. Und sich dann fragen, ob die Humboldtsche Bildungsidee zusammen mit ihren Voraussetzungen nicht endgültig verlorengegangen ist.
Die alles entscheidende Bedeutung der frühen Lebensjahre ist eine der am besten erhärteten Wahrheiten; eine der am hartnäckigsten verleugneten aber auch. Die zweite Wahrheit, der es ebenso erging, handelt von den Grenzen der Entwicklungsfähigkeit. Sie ignoriert zu haben ist eine der Ursachen für die Krisenphänomene, über die Hentig schreibt, und deshalb ist es schade, daß man in seinem Buch so wenig davon erfährt. Er glaubt an die Schule, an seine Schule, an die Bielefelder Laborschule samt Oberstufenkolleg, die von ihm geplant und jahrelang inspiriert worden war, gewissermaßen Fleisch von seinem Fleische ist.
Die Erfahrungen und Überlegungen, von denen Hentig berichtet, sind anregend und sollten von allen, die mit Kindern zu tun haben, gelesen werden. Aber gerade weil er auf Erfahrung setzt, wäre die beiläufige Erinnerung an das Debakel, das er im Lehrerkollegium seiner Mustereinrichtung erlebt hat, am Platze gewesen, genauso wie die Erinnerung an das unrühmliche Ende, das die Kollegschule mit ihrer Leitidee, der Verschmelzung von beruflicher und allgemeiner Bildung, gefunden hat. Der Glaube an die beste Schule im Singular, von dem Hentig sich nicht lösen mag, wäre dadurch freilich erschüttert worden. Und das wollte der Autor wohl nicht riskieren.
Vieles von dem, was er gegen das herkömmliche Schulwesen und seine Tendenz, über dem Stoff, der durchgenommen werden muß, die Menschen zu vergessen, die gebildet werden sollen, klingt plausibel. Aber nach etlichen Jahrzehnten, in denen alle paar Wochen das neueste und diesmal endgültige Konzept der Superschule auf den Markt gekarrt wurde, sind die Käufer vorsichtig geworden. Auf den einzelnen zu achten, den Klassenverband zu lockern und von der starren Einteilung nach Fächern abzugehen sind schöne Grundsätze. Wer sich aber vor Augen hält, was dabei herausgekommen ist, wird Hentigs Werben für "Dreihundertgliedrigkeit oder Dreitausendgliedrigkeit" freundlich überhören und der gewohnten Dreigliedrigkeit des deutschen Schulwesens den Vorzug geben. Denn besser als die Einheitsschule ist sie allemal.
Vielleicht ist die Zeit reif, nach all den hochgestochenen Entwürfen, die vom Himmel der Theorie auf den Alltag herabsahen, die Blickrichtung umzudrehen, also nicht mehr danach zu fragen, was die Fachleute für richtig halten, sondern was Schüler und Eltern wollen. Sie sind es doch, in deren Interesse das gewaltige Unternehmen abläuft, angeblich jedenfalls. Der Jammer ist, daß sich die Wirklichkeit von diesem Grundsatz meilenweit entfernt hat und Schule zu einer Veranstaltung geworden ist, die zum Wohle aller möglichen Interessenten betrieben wird, in der die Kinder aber nur noch eine Nebenrolle spielen.
Lange genug haben sie an die Schule ohne Noten und ohne Prüfungen, ohne Sitzenbleiben und ohne Klassenverband, ohne Fächereinteilungen und ohne Leistungsdruck geglaubt. Gelohnt worden ist ihnen das nicht. Wir brauchen nicht die ganz andere Schule, die uns auch dieses Buch verspricht, zum endlos wiederholten Male. Wir wären schon zufrieden, wenn das Vorhandeln funktionieren würde: so funktionieren würde, wie es einmal gedacht war.
Hartmut von Hentig: "Bildung". Hanser Verlag, München 1996. 216 S., geb., 34,- DM.
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Die Schule der Nation ist für Hartmut von Hentig immer noch die Schule / Von Konrad Adam
Das Mißtrauen und die Verachtung ihrer Zöglinge haben die Schule begleitet, solange es sie gibt. Erinnerungen an die Zeit, in der die Welt den schönen Schein des Spielerischen verlor und zum Gegenstand von Unterricht wurde, waren nur für wenige mit angenehmen Gefühlen verbunden. Indem es an solche Erfahrungen der Unzufriedenheit anknüpft, kann Hartmut von Hentigs neues Buch mit dem lapidaren Titel "Bildung" auf wohlwollende Aufnahme rechnen. Einer seiner Zeugen für die Krise, in die Erziehung, Bildung, Schule und Verwandtes geraten sind, ist Nietzsche. In seiner Verachtung für die hohle und aufgeblasene Bildungspraxis, die an den Schulen und Universitäten seiner Zeit üblich war, läßt er sich in der Tat von keinem überbieten. Mag Nietzsche auch sonst als Beistand eher verdächtig sein, als Kritiker des deutschen Bildungsbetriebs ist er bis heute brauchbar und willkommen.
Aber die Frage lohnt, was Nietzsche denn wohl in den Stand gesetzt haben mag, die Bildungsphilisterei zu durchschauen und so treffend bloßzustellen. Woher wußte er das, was er für überflüssig oder für gefährlich hielt, woher kannte er seinen Gegner so gut? Die Antwort: durch die Schule! liegt nahe, sie ist auch sicher nicht ganz falsch. Denn selbst dieser erbarmungslose Diagnostiker hat da, wo er aus der persönlichen Erinnerung schrieb, nicht durchweg unfreundlich über seine Lehrjahre gesprochen. Das gilt vor allem für seinen Bonner Lehrer, den klassischen Philologen Ritschl, auf dessen Empfehlung der junge Nietzsche eine Professur an der Universität Basel erhalten hatte.
Die Frage, was den Kritiker zu seiner Kritik befähigt hat, ist damit freilich noch nicht beantwortet. Wer weiter sucht, wird auf zwei weitere Agenten stoßen, auf Nietzsches Elternhaus, vor allem auf die innige Bindung an seine Mutter, und auf das eigene, außerordentliche Talent. Das sind freilich Quellen, von denen die professionelle Pädagogik keine hohe Meinung hat, denn sie entziehen sich ihrem Zugriff. Daß es so etwas wie Begabung gibt und diese Begabung innerhalb mehr oder weniger weit gezogener Grenzen erblich sein könnte, sich also nur entwickeln, aber nicht hervorbringen läßt, haben einige Reformpädagogen als so skandalös empfunden, daß sie den Begriff der Begabung aus ihrem Sprachschatz verbannten. Und daß es ausgerechnet die Eltern, diese Laien und Dilettanten, sein sollten, die auf das Gedeihen der Kinder nachhaltiger einwirken als der ausgebildete Lehrer, erschien ihnen als Angriff auf die Berufsehre. Wie jeder andere, will auch der Pädagoge nicht gern teilen.
Hartmut von Hentig, der gebildeteste unter den deutschen Pädagogen, erweist sich hier als Mitglied seiner Zunft. Was er über das lebenslange Lernen sagt, daß es nämlich dem Menschen selbst überlassen werden könne, "wenn die Schule das Ihre getan hat", läßt sich ja sinngemäß auch vom Elternhaus behaupten: wenn es seine Sache gut gemacht hat, dann hat die Schule leichtes Spiel. Das Umgekehrte gilt natürlich auch. Daß dieser umgekehrte Fall, das Versagen der Schule als Folge einer mißglückten Früherziehung, heute immer häufiger vorkommt und nachgerade zur Regel wird, darüber erfährt man in diesem sonst so lesenswerten Buch fast nichts. Familie, Eltern und Geschwister, das sind für einen Schulmann fremde oder ferne Gestalten. Sie stehen für das, was heute selten geworden ist und was die Schule irgendwie ersetzen will.
Nur daß die Schule sich damit natürlich übernimmt. Zum großen Thema Bildung trägt sie niemals alles bei, sondern immer nur einen Teil. Sie kann, wenn alles gutgeht, in grandioser Weise entfalten, was die Kinder von Hause aus mitbringen, eine verlorene Jugend aber niemals wettmachen. Daß Wilhelm von Humboldt so rigoros auf allgemeine Menschenbildung setzen und sich zu der Behauptung versteigen konnte, im letzten zählten nur zwei Fächer, Griechisch und Mathematik: diese extreme Vereinfachung war nur deshalb möglich, weil er voraussetzen durfte, was längst nicht mehr sicher ist. Das Abzirkeln des Fächerkanons, das Trainieren von Schlüsselqualifikationen, das Fitmachen für den Beruf, alles das also, was heute im Zentrum von Bildung und Ausbildung steht, konnte Humboldt anderen überlassen. Er schrieb und dachte und plante eben nur für wenige, für eine Elite. Wer seine Gedanken heute, unter so grundlegend anderen Bedingungen, beibehalten oder retten will, muß das in Rechnung stellen. Und sich dann fragen, ob die Humboldtsche Bildungsidee zusammen mit ihren Voraussetzungen nicht endgültig verlorengegangen ist.
Die alles entscheidende Bedeutung der frühen Lebensjahre ist eine der am besten erhärteten Wahrheiten; eine der am hartnäckigsten verleugneten aber auch. Die zweite Wahrheit, der es ebenso erging, handelt von den Grenzen der Entwicklungsfähigkeit. Sie ignoriert zu haben ist eine der Ursachen für die Krisenphänomene, über die Hentig schreibt, und deshalb ist es schade, daß man in seinem Buch so wenig davon erfährt. Er glaubt an die Schule, an seine Schule, an die Bielefelder Laborschule samt Oberstufenkolleg, die von ihm geplant und jahrelang inspiriert worden war, gewissermaßen Fleisch von seinem Fleische ist.
Die Erfahrungen und Überlegungen, von denen Hentig berichtet, sind anregend und sollten von allen, die mit Kindern zu tun haben, gelesen werden. Aber gerade weil er auf Erfahrung setzt, wäre die beiläufige Erinnerung an das Debakel, das er im Lehrerkollegium seiner Mustereinrichtung erlebt hat, am Platze gewesen, genauso wie die Erinnerung an das unrühmliche Ende, das die Kollegschule mit ihrer Leitidee, der Verschmelzung von beruflicher und allgemeiner Bildung, gefunden hat. Der Glaube an die beste Schule im Singular, von dem Hentig sich nicht lösen mag, wäre dadurch freilich erschüttert worden. Und das wollte der Autor wohl nicht riskieren.
Vieles von dem, was er gegen das herkömmliche Schulwesen und seine Tendenz, über dem Stoff, der durchgenommen werden muß, die Menschen zu vergessen, die gebildet werden sollen, klingt plausibel. Aber nach etlichen Jahrzehnten, in denen alle paar Wochen das neueste und diesmal endgültige Konzept der Superschule auf den Markt gekarrt wurde, sind die Käufer vorsichtig geworden. Auf den einzelnen zu achten, den Klassenverband zu lockern und von der starren Einteilung nach Fächern abzugehen sind schöne Grundsätze. Wer sich aber vor Augen hält, was dabei herausgekommen ist, wird Hentigs Werben für "Dreihundertgliedrigkeit oder Dreitausendgliedrigkeit" freundlich überhören und der gewohnten Dreigliedrigkeit des deutschen Schulwesens den Vorzug geben. Denn besser als die Einheitsschule ist sie allemal.
Vielleicht ist die Zeit reif, nach all den hochgestochenen Entwürfen, die vom Himmel der Theorie auf den Alltag herabsahen, die Blickrichtung umzudrehen, also nicht mehr danach zu fragen, was die Fachleute für richtig halten, sondern was Schüler und Eltern wollen. Sie sind es doch, in deren Interesse das gewaltige Unternehmen abläuft, angeblich jedenfalls. Der Jammer ist, daß sich die Wirklichkeit von diesem Grundsatz meilenweit entfernt hat und Schule zu einer Veranstaltung geworden ist, die zum Wohle aller möglichen Interessenten betrieben wird, in der die Kinder aber nur noch eine Nebenrolle spielen.
Lange genug haben sie an die Schule ohne Noten und ohne Prüfungen, ohne Sitzenbleiben und ohne Klassenverband, ohne Fächereinteilungen und ohne Leistungsdruck geglaubt. Gelohnt worden ist ihnen das nicht. Wir brauchen nicht die ganz andere Schule, die uns auch dieses Buch verspricht, zum endlos wiederholten Male. Wir wären schon zufrieden, wenn das Vorhandeln funktionieren würde: so funktionieren würde, wie es einmal gedacht war.
Hartmut von Hentig: "Bildung". Hanser Verlag, München 1996. 216 S., geb., 34,- DM.
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