John, der erfolgreiche junge Finanzjongleur, ist seiner sinnleeren Tätigkeit überdrüssig und sucht eine neue Herausforderung. Da trifft es sich gut, dass Sir Paul, der vereinsamte alternde Schriftsteller, eines willigen Helfers bedarf. Was sich als unspektakuläres Arbeitsverhältnis zwischen treuergebenem Adlatus und grimmigem Dichterfürsten anlässt, nimmt in diesem von der ersten bis zur letzten Seite packenden Dialogroman zusehends klaustrophobische, paranoide und schliesslich auch unverhohlen sadistische Züge an. An der Seite des entsetzten Protagonisten tappt der Leser immer mehr im dunkeln. Vermeintliche Gewissheiten lösen sich in Luft auf, und die stabile Ausgangslage kippt vollends in ein schaurig-vergnügliches Vexierspiel. Eine literarische Geisterbahnfahrt beginnt, in der sich virtuose Dialogtechnik mühelos mit beklemmender Spannung paart und einen Kitzel ganz eigener Art erzeugt.
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Glaubt man der Rezensentin Julia Encke, dann ist dies ein grausames Buch. Es geht einem durch und durch, wenn sie zitiert, was der blinde Dichter zu seinem jungen Sekretär sagt: "Was ich von Ihnen möchte, sind Ihre Augen." Encke liest den Roman als einen Versuch über das "Maskenspiel der Autobiografie" - denn den jungen Sekretär braucht der Dichter, um ihm seine Lebensgeschichte zu diktieren. Natürlich verrät die Rezensentin das Geheimnis dieses Krimis nicht, aber offensichtlich hat sie das Buch zum Teil auch enttäuscht. Das rohe Leben, das da in Adairs postmoderne Konstruktion einbricht, scheint nicht ganz nach ihrem Geschmack. Darum empfiehlt sie noch einmal ausdrücklich Adairs vorletztes Buch "Der Tod des Autors", eine literarische Auseinandersetzung mit Paul de Mans Begriff der "Dekonstruktion".
© Perlentaucher Medien GmbH
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Der Verlust seiner Augen hat Sir Paul isoliert. Von der Welt, deren Entsetzen ob seiner Entstellung er zu spüren meint, von seinen wenigen Freunden, denen der einst strahlende Starschriftsteller derart verunstaltet nicht gegenübertreten will, und von seiner Arbeit, der er ohne Sehvermögen nicht nachgehen kann. Doch ein letztes Buch will er schreiben, über seine Wahrheit und seine Blindheit. Denn durch die eine meint er der anderen nähergekommen zu sein. Also sucht er einen geeigneten Handlanger, der bei ihm leben und seinen Text aufschreiben soll. John Ryder scheint der perfekte Kandidat - alleinstehend, sofort verfügbar und bereit, sich auf den Alltag mit dem klaustrophobischen Autor einzulassen. Eine fremde Person im Haus bringt jedoch die akkurat geordnete Welt eines Blinden leicht durcheinander. Und so merkt Sir Paul nicht, dass John mehr verändert als die tägliche Routine. Auch der Leser ahnt das wahre Geschehen erst, wenn "Blindband" sich bereits seinem Höhepunkt nähert. Ein Puzzle setzt sich aus Teilen zusammen, welche erst durch die Auflösung der Handlung sichtbar werden und die das Buch plötzlich als Kriminalroman entblößen. Umso beeindruckender ist es, dass Gilbert Adair dieses filigrane Werk fast ausschließlich aus Dialogen konstruiert - der verschriftlichten Wahrnehmung eines Blinden. Veröffentlicht wurde das postmoderne Buch bereits 1999, doch erst die neue Übersetzung befreit "Blindband" von den Übersetzungsschwächen der deutschsprachigen Erstauflage. (Gilbert Adair: "Blindband". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Schlachter. C.H. Beck Verlag, München 2008. 238 S., geb., 18,90 [Euro].) scht
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