Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.03.2011Nimm's leicht mit Twitter
Jonathan Coe schickt einen Jedermann auf Reisen
Das Alltägliche ist von jeher Liebling der Literatur. Harold Bloom, die Hauptfigur des Joyceschen "Ulysses" (1922), ist genauso durchschnittlich wie der Protagonist von Charles Chadwicks "Ein unauffälliger Mann" (2005). Der Ich-Erzähler von Jonathan Coes Roman "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim" reiht sich ein in diese Riege literarischer Dutzendmenschen.
Als Kind seiner Zeit hat Max einen Facebook-Account und ein Mobiltelefon: Wozu anrufen oder gar persönlich vorbeikommen, wenn man eine SMS schreiben kann? Seine Frau hat den bindungsunfähigen Endvierziger verlassen, von seiner Tochter hat sich Sim ebenfalls entfremdet: Bei einem Besuch beschenkt er den Teenager ausgerechnet mit einem Malbuch. Während Coes voriger Roman, "Der Regen bevor er fällt" (2007), sich mit problematischen Mütter-Töchter-Verhältnissen auseinandergesetzt hatte, geht es nun um die Beziehung des Helden zu seinem nach Australien ausgewanderten Vater. Leider hat man sich nichts zu sagen, denn Maxwell Sim fürchtet sich vor zu viel Nähe: "Tagtäglich laufen wir umher, hasten hierhin und dorthin, verfehlen einander nur um Zentimeter, aber haben kaum einmal wirklich Kontakt. Alle diese Beinaheunfälle. Alle diese potentiellen Kollisionen. Beängstigend, wenn man genauer darüber nachdenkt - man sollte es besser bleiben lassen."
Sim lässt es dann aber doch nicht bleiben. Im Auftrag einer ökologisch korrekten Zahnbürstenfirma macht er sich als Vertreter zum nördlichsten Punkt des Vereinigten Königreichs, den Shetland-Inseln, auf. Unterwegs schneit er bei den Eltern seines Jugendfreundes in Birmingham herein, macht einen Kurzbesuch im Lake District bei Ex-Frau und Tochter und trifft sich in Edinburgh mit seiner ehemaligen Jugendliebe. Zu echtem Kontakt kommt es bei diesen Begegnungen kaum, am Ende zieht Max die Gesellschaft seines Navigationssystems vor: Die Stimme, die er zärtlich Emma nennt, dient ihm als Psychotherapeutin und schließlich als Geliebte.
"Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim" ist ein höchst zeitgenössischer Roman, der die lange literarische Tradition, in der er steht, jedoch nicht leugnen will. So erinnert dieses britische Roadmovie an die Reisen- und Quest-Romane Henry Fieldings, über den Jonathan Coe promoviert hat. Maxwell Sim lamentiert, dass man heute dank CCTV und Satellitenüberwachung überhaupt nicht mehr verschwinden könne, wie es dem gescheiterten Weltumsegler Donald Crowhurst, mit dem sich Sim identifiziert, noch möglich war. Doch genau so, wie Crowhurst Ende der sechziger Jahre sein Logbuch akribisch fingierte, können Geschäftsmänner ihren Ehefrauen heutzutage interkontinentale Geschäftsreisen vortäuschen, wenn es sie zu ihren jüngeren Geliebten treibt - schließlich gibt es Zeitgenossen wie Max' Bekannte Poppy, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, die Durchsagen internationaler Flughäfen aufzuzeichnen und als Hintergrund-CD für Alibi-Telefonanrufe zu verscherbeln.
Um aktuell zu sein, kann britische Literatur zurzeit kaum ohne Kapitalismus- und Konsumkritik auskommen, das belegen Sims streckenweise anstrengende Tiraden über Bankenspekulationen und Manager-Boni. Störend auch die wiederholten Schludrigkeiten der Übersetzung, die versehentlich "Du" und "Sie" durcheinanderbringt und eine Zwei-Zimmer-Wohnung als Wohnung mit "zwei Schlafzimmern" darstellt.
Bei der britischen Kritik war Coe bislang nicht allzu wohl gelitten: Seine Bücher gelten als humorvolle easy reads, als leichte Kost. Tatsächlich stellt auch der schlichte Maxwell Sim den Leser vor keine allzu großen Herausforderungen. Daran ändern auch die vier Epigraphe und die Integration unterschiedlicher Textsorten nichts. Auf den letzten Seiten seines Romans allerdings lässt Coe keinen Zweifel daran, dass literarische Helden, sosehr aus dem Leben gegriffen sie auch scheinen mögen, Leibeigene ihres Schriftstellers sind und bleiben. Gefangen sind sie in ihrer literarischen Verfasstheit wie ihre realen Entsprechungen in den Zwängen ihres jeweiligen Daseins.
MARGRET FETZER
Jonathan Coe: "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim". Roman.
Aus dem Englischen von Walter Ahlers. DVA, München 2010. 409 S., geb., 22,99 [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Jonathan Coe schickt einen Jedermann auf Reisen
Das Alltägliche ist von jeher Liebling der Literatur. Harold Bloom, die Hauptfigur des Joyceschen "Ulysses" (1922), ist genauso durchschnittlich wie der Protagonist von Charles Chadwicks "Ein unauffälliger Mann" (2005). Der Ich-Erzähler von Jonathan Coes Roman "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim" reiht sich ein in diese Riege literarischer Dutzendmenschen.
Als Kind seiner Zeit hat Max einen Facebook-Account und ein Mobiltelefon: Wozu anrufen oder gar persönlich vorbeikommen, wenn man eine SMS schreiben kann? Seine Frau hat den bindungsunfähigen Endvierziger verlassen, von seiner Tochter hat sich Sim ebenfalls entfremdet: Bei einem Besuch beschenkt er den Teenager ausgerechnet mit einem Malbuch. Während Coes voriger Roman, "Der Regen bevor er fällt" (2007), sich mit problematischen Mütter-Töchter-Verhältnissen auseinandergesetzt hatte, geht es nun um die Beziehung des Helden zu seinem nach Australien ausgewanderten Vater. Leider hat man sich nichts zu sagen, denn Maxwell Sim fürchtet sich vor zu viel Nähe: "Tagtäglich laufen wir umher, hasten hierhin und dorthin, verfehlen einander nur um Zentimeter, aber haben kaum einmal wirklich Kontakt. Alle diese Beinaheunfälle. Alle diese potentiellen Kollisionen. Beängstigend, wenn man genauer darüber nachdenkt - man sollte es besser bleiben lassen."
Sim lässt es dann aber doch nicht bleiben. Im Auftrag einer ökologisch korrekten Zahnbürstenfirma macht er sich als Vertreter zum nördlichsten Punkt des Vereinigten Königreichs, den Shetland-Inseln, auf. Unterwegs schneit er bei den Eltern seines Jugendfreundes in Birmingham herein, macht einen Kurzbesuch im Lake District bei Ex-Frau und Tochter und trifft sich in Edinburgh mit seiner ehemaligen Jugendliebe. Zu echtem Kontakt kommt es bei diesen Begegnungen kaum, am Ende zieht Max die Gesellschaft seines Navigationssystems vor: Die Stimme, die er zärtlich Emma nennt, dient ihm als Psychotherapeutin und schließlich als Geliebte.
"Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim" ist ein höchst zeitgenössischer Roman, der die lange literarische Tradition, in der er steht, jedoch nicht leugnen will. So erinnert dieses britische Roadmovie an die Reisen- und Quest-Romane Henry Fieldings, über den Jonathan Coe promoviert hat. Maxwell Sim lamentiert, dass man heute dank CCTV und Satellitenüberwachung überhaupt nicht mehr verschwinden könne, wie es dem gescheiterten Weltumsegler Donald Crowhurst, mit dem sich Sim identifiziert, noch möglich war. Doch genau so, wie Crowhurst Ende der sechziger Jahre sein Logbuch akribisch fingierte, können Geschäftsmänner ihren Ehefrauen heutzutage interkontinentale Geschäftsreisen vortäuschen, wenn es sie zu ihren jüngeren Geliebten treibt - schließlich gibt es Zeitgenossen wie Max' Bekannte Poppy, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, die Durchsagen internationaler Flughäfen aufzuzeichnen und als Hintergrund-CD für Alibi-Telefonanrufe zu verscherbeln.
Um aktuell zu sein, kann britische Literatur zurzeit kaum ohne Kapitalismus- und Konsumkritik auskommen, das belegen Sims streckenweise anstrengende Tiraden über Bankenspekulationen und Manager-Boni. Störend auch die wiederholten Schludrigkeiten der Übersetzung, die versehentlich "Du" und "Sie" durcheinanderbringt und eine Zwei-Zimmer-Wohnung als Wohnung mit "zwei Schlafzimmern" darstellt.
Bei der britischen Kritik war Coe bislang nicht allzu wohl gelitten: Seine Bücher gelten als humorvolle easy reads, als leichte Kost. Tatsächlich stellt auch der schlichte Maxwell Sim den Leser vor keine allzu großen Herausforderungen. Daran ändern auch die vier Epigraphe und die Integration unterschiedlicher Textsorten nichts. Auf den letzten Seiten seines Romans allerdings lässt Coe keinen Zweifel daran, dass literarische Helden, sosehr aus dem Leben gegriffen sie auch scheinen mögen, Leibeigene ihres Schriftstellers sind und bleiben. Gefangen sind sie in ihrer literarischen Verfasstheit wie ihre realen Entsprechungen in den Zwängen ihres jeweiligen Daseins.
MARGRET FETZER
Jonathan Coe: "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim". Roman.
Aus dem Englischen von Walter Ahlers. DVA, München 2010. 409 S., geb., 22,99 [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main