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Zum Wendepunkt in Christofs Leben ist eine Begegnung geworden: Da ist Kai, der Taxifahrer, der die Schauspielschule abgebrochen hat und nun seine Fahrgäste mit Rezitationen provoziert, und Ina, die sich für "gender studies" interessiert, Klettern geht und bald Kais Freundin wird. Was der junge Priester, bei sich selbst bislang für Demut und Gelassenheit gehalten hat, ist ihm als großes Vakuum bewußt geworden, das sich in ihm ausgebreitet hat. In Pauls Wohnung tastet sich Christof nun langsam in die Erinnerung zurück und versucht, über das zu sprechen, was geschehen ist. Ein temporeiches,…mehr

Produktbeschreibung
Zum Wendepunkt in Christofs Leben ist eine Begegnung geworden: Da ist Kai, der Taxifahrer, der die Schauspielschule abgebrochen hat und nun seine Fahrgäste mit Rezitationen provoziert, und Ina, die sich für "gender studies" interessiert, Klettern geht und bald Kais Freundin wird. Was der junge Priester, bei sich selbst bislang für Demut und Gelassenheit gehalten hat, ist ihm als großes Vakuum bewußt geworden, das sich in ihm ausgebreitet hat. In Pauls Wohnung tastet sich Christof nun langsam in die Erinnerung zurück und versucht, über das zu sprechen, was geschehen ist. Ein temporeiches, packendes Buch - auch über die Angst vor Berührung vor den eigenen Gefühlen - und der dennoch großen Sehnsucht danach.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.10.2002

Die mystischen Leibchen Christi
Gehet hin mit Trieben: Markus Orths rennt offene Kirchentüren ein

Einmal einen Pfannkuchen aus Moltofill gebacken, es ist nie wiedergutzumachen: "Das war eine gigantische Trauer, die immer größer zu werden schien, je länger sie dauerte, eine von tiefer Schuld gespeiste Trauer, wie ich mir vorstellen konnte, und Christof gab sich ganz der Trauer hin . . ."

Was, um Himmels willen, ist passiert? Zwei Jungen aus katholischem Milieu spielen im Schuppen hinterm Elternhaus eine Messe nach. Aus Vaters Keller haben sie Wein abgezapft, von altem Weihnachtsgebäck die Oblaten gekratzt, und statt Weihrauch bringen sie eine Portion Gips zum Dampfen. Mitten im schönsten Ritual steckt die kleine Schwester ihre Nase hinein und rennt dann gleich zum Vater, die Petze. Der strenge Mann ist sehr wütend über die lästerlichen Spiele; hätte nicht der ganze Schuppen in Flammen aufgehen können? Die Jungs sinnen auf Rache an der Verräterin. Morgen hat sie Geburtstag, und wenn sie dann ihren Lieblingskuchen anschneiden will, wird sie dumm gucken. Damit das Gebäck hart wie Stein wird, füllen die Jungen Moltofill in Mutters Mehltopf; sieht genauso aus. Was für ein Spaß.

Es kommt anders. Am Abend möchte der Vater Pfannkuchen essen. Schon lange ist ihm die mangelnde Kochkunst seiner Frau ein Ärgernis. Daß die Pfannkuchen diesmal über alles Maß miserabel geraten sind, läßt ihn nicht nur zur dreifachen Menge Apfelmus, sondern auch zum Mittel des ehelichen Martyriums greifen. Unter lauten Vorwürfen schlingt er die widerwärtige Mahlzeit in sich hinein. Dann legt er sich mit zementiertem Leib ins Bett; aber es kommt kein Schläfchen, es kommt der Tod.

Auch "Corpus", der erste Roman des 1969 geborenen Markus Orths, spielt mit der Form einer katholischen Messe. Die dreiundzwanzig Kapitel reichen vom Einzug bis zur Entlassung, vom Introitus bis zum Ite, missa est. Das groteske Malheur mit den Pfannkuchen entstammt dem zweiten Kapitel, dem Confiteor vulgo Schuldbekenntnis. Mit seiner makabren Pointe ist es eine in sich geschlossene und sehr gelungene Erzählung, geschrieben in einer detailfreudigen, musikalischen Sprache, ein großer Auftakt für einen ambitionierten und doch leider mißglückten Roman.

Christof, die Hauptfigur und einer der beiden jungen Sünder, schlägt später einen Lebensweg ein, auf den ihn nach den kindlichen Imitationen erst recht das Schuldgefühl drängt: Er wird Priester. Das ist eine mutige Entscheidung - jedenfalls des Autors, denn die Zahl der Priester in der seriösen Literatur hat seit den Tagen Heinrich Bölls besorgniserregend abgenommen. Aber damit kommt die Kühnheit schon an ihr Ende, denn die Kontur, die Orths dem Geistlichen verleiht, erinnert eher an gewisse laue Fernsehfilme. Dort ist der zölibatäre Kleriker eine beliebte Figur, an der sich die Macht verbotener Gefühle demonstrieren läßt. Auch Orths läßt seinen Roman auf die einmal sehr berechtigte Kritik an der Körperfeindlichkeit der Kirche hinauslaufen. Mit dem Erzähler Paul verbindet Christof nicht nur das Pfannkuchen-Trauma, sondern auch eine homoerotische Urszene: vierzehnjährig sind sich die beiden bei der Arbeit an der Traubenpresse nah gekommen. Während der Erzähler später sein Coming-out so mutig wie rücksichtslos inszeniert, laboriert Christof bis auf weiteres an seinem unerledigten Gefühlsleben. Kirche und Homosexualität: Zwischen diesen beiden Koordinaten soll noch einmal die alte Parabel von der Verdrängung eine schöne Spannungskurve bilden.

Die Freunde Kai und Ina - der nur knapp verhinderte Schauspieler, der seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer verdient, und die angehende Lehrerin, deren ganze Leidenschaft der Sportkletterei gilt - leisten Christof als entschiedene Körpermenschen Hilfestellung bei der Selbstfindung. Sie begleiten seine zaghafte Initiation ins Nachtleben, wo er eine mitmenschliche Offenbarung erfährt. "Wie im Tabernakel" fühlt er sich in der Disco, er bewundert, wie sein heiliges Paar beim Tanz "einen Körper" bildet, und sehnt sich nach "Berührung" und erlösenden Worten.

Unterdessen hadert er zunehmend mit seinem Beruf und allem Kirchlichen. In einer Diskussion wirft er die Frage auf, wie es wohl bei Jesu Geburt tatsächlich zugegangen sei - im konkreten geburtstechnischen Schriftsinn. Hat Josef die Nabelschnur zerbissen oder mit einem Messer abgetrennt? Als wäre das nach zweitausend Jahren endlich nachzuholen, werden nun "alle körperlichen Verrichtungen" und "alle Gerüche", die das mythische Ereignis begleitet haben mögen, genauestens ausgemalt. Noch vor einem halben Jahrhundert hätte das provokativ gewirkt. Aber heute, wo sich längst auch die Kirchen dem leibfreudigen Zeitgeist angeschmiegt haben? Warum rennt der Autor mit Verve Türen ein, die von Ranke-Heinemann und Drewermann weit offengehalten werden?

Markus Orths schreibt gegen die vorsätzliche Leichtigkeit der Popliteratur an; er will mit Gewicht erzählen. Ein bemerkenswerter Ernst und formaler Ehrgeiz kennzeichnen sein Buch, das Pathos existentieller, unwiderruflicher Augenblicke, die gewissermaßen aus dem Zeitfluß gebrochen und in komplizierter Verschachtelung zur Darstellung gebracht werden. Sprachlich geht das nicht immer gut. Zur forcierten Schicksalsträchtigkeit gehören die vielen, am Ende allzu vielen melodramatischen Todesfälle. "Wer geht wo hinterm Sarg" hieß der Band mit Erzählungen, den der Autor zuletzt veröffentlichte, und auch "Corpus" ist ein Buch, das hinter Särgen geht. Aus einer Reihe unerhörter Begebenheiten hat Orths einen Roman konstruiert, dem vor lauter bedeutungsschwangeren Schlüsselszenen die glaubwürdige Geschichte abhanden gekommen ist.

WOLFGANG SCHNEIDER

Markus Orths: "Corpus". Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2002. 217 S., geb., 18,50 [Euro].

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