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Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.07.2001

Und dann war ich Frau
Gewiß doch, ich hasse meinen Penis: Deirdre N. McCloskey schildert ihre Geschlechtsumwandlung

Wenn Deirdre N. McCloskey ihren Lebenslauf erzählt, beginnt sie bei einem anderen Menschen: Donald. Der Junge, der Mann, der sie war. Nicht ganz untalentiert stellte er sich den Aufgaben des Lebens, mithin denen seines Geschlechts. Knochige Ellenbogen und einen gesunden Sarkasmus ließ er sich erwachsen, lernte auszuteilen und einzustecken, lernte belachen, was weh tat. Aus dem Muttersöhnchen wurde ein strammer, bartumrahmter Ökonom, Familienvater fraglos. Daß einer wie er sein gesamtes Umfeld vor ein Rätsel stellen sollte, hätte man als letztes erwartet. Einzig den Vater seiner Braut wandelte beizeiten eine Ahnung an: "Heirate diesen Burschen nicht", riet er, "mit dem stimmt etwas nicht."

Welche Merkwürdigkeit da lauern sollte, blieb unklar, die Braut wurde zur Gattin und zum ersten Menschen, der die andere Seite des Donald erblickte: In seiner Freizeit trug er Frauenkleider. Eine Art Hobby sei dies, erklärte er der Schockierten. Crossdressing habe nichts mit Homosexualität zu tun, sagte er, auch wolle er keine Frau sein - er glaubte das damals noch selbst. Vorsichtig tauchte er ein in die Crossdressergemeinschaft: Männer, die sich hin und wieder trafen, als Frauen verkleidet, gackernd und ängstlich von einer Bar zur nächsten staksend oder daheim das Sofa besetzend, ins Gespräch über Baseball vertieft. Daß er einer von ihnen sei, ein rechter Mann im Grunde, redete Donald sich ein. Doch die Zweifel wuchsen, lange verdrängt, im Schatten heran.

Immer mehr Informationen bissen sich fest, die den operativen Weg ins andere Geschlecht wiesen. Ein Mann kann sich die knochigen Wölbungen auf der Stirn abschleifen lassen, das Gesicht wirkt dann femininer: Nur wem beim Duschen das Wasser in die Augen läuft, ist eine Frau. Auch Bartwuchs läßt sich beseitigen, eine teure und schmerzhafte Prozedur, bei der jede Haarwurzel einzeln verödet wird. Donald überlegte nicht mehr nur. 10 000 Dollar ließ der Pfennigfuchser sich den Haarstopp kosten und machte sich immer noch vor, er sei einer von jenen 97 Prozent Crossdressern, die nie im Leben ihr Geschlecht aufgeben würden. Auf einer Autofahrt bricht dann die Erkenntnis über den Zweiundfünfzigjährigen herein: Er will eine Frau sein. Er ist eine Frau.

Verheerungen im Privatleben sind die Folge, nüchtern benannt von einer Kapitelüberschrift: "Losing a family". Zwar gibt es einen Bruder und eine Mutter, die Donalds Entschluß akzeptieren (er solle weniger Ringe tragen, gibt sie ihm mit auf den Weg). Doch der Kern seines Daseins bricht fort. Seine Frau zieht sich, tief verletzt, zurück, mit ihr der Sohn und die Tochter. Verzweifelt sucht Donald den Kontakt, einmal steht er plötzlich im Wohnzimmer seiner Tochter. "Ich kann damit nicht umgehen", ruft die, zieht um und gibt ihm die Adresse nicht.

Donalds Schwester wirft ihm, statt sich abzuwenden, Steine in den Weg. Psychiaterin von Ruf, diagnostiziert sie von ferne eine Geisteskrankheit und will den Geschlechtswechsel zugunsten einer Zwangseinweisung unterbinden. Im dramatischsten Teil der Erinnerungen wird McCloskey in eine geschlossene Abteilung verbracht, wo jede Auflehnung, jede gerechte Wut nur noch mehr schaden würden. Eine Nervenprobe sondergleichen beginnt, bei einer Anhörung erlebt er, daß auch sein Sohn sich gegen ihn stellt. Wie die Schwester tut er es: aus Liebe.

Nachdem alle juristischen Schwitzkästen und Rempeleien überstanden sind, nachdem die werdende Frau ihre Freiheit zurück und eine vermurkste Stimmbandoperation hinter sich hat, verläßt sie die Heimat. Sie wird in den Niederlanden lehren. Hier spürt sie vom Dekan bis zum Passanten Toleranz, hier ist der Ort, um zu sich zu finden. Sie nimmt operative Eingriffe auf sich, deren Kosten sich auf 90 000 Dollar summieren, der Weg der körperlichen Umwandlung ist mit Widrigkeiten und Enttäuschungen gespickt.

Viel interessierter und sorgfältiger aber beobachtet sie die Veränderungen im eigenen Handeln und Empfinden. Stets schlecht weg kommt dabei der Mann als solcher. Deirdre singt das Hohelied auf die weibliche Solidarität, erbost sich über den männlichen Charakter, der nur Egoismus und Kampf zu kennen scheint: Frauen lächeln einander an, Männer nicht. Frauen sammeln und verteilen Geschenke, Männer jagen Trophäen. Frauen haben einen Geburtstagskalender. Männer glauben an die Fee, die immer neuen Kaffee aufsetzt.

So präsentiert uns ausgerechnet die Grenzüberschreiterin Deirdre McCloskey ein paar gute, alte Konstrukte als unverrückbar: "Frau sein heißt einfach, bestimmte Dinge tun: kümmern und sorgen, aufmerksam sein, Dinge registrieren." Das starke Geschlecht darf sich ertappt fühlen und im Sofa sitzenbleiben. Mit Vehemenz hingegen bekämpft McCloskey Vorurteile über sich und ihre geschlechtsgewandelten Schicksalsgenossinnen: Geschlechtswechsel habe etwas mit Homosexualität zu tun. Die Betroffenen seien ein Leben lang unglücklich im "falschen" Körper. Sie gründeten Familien nur zur Tarnung. Ihr Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung sei heilbar. Mediziner und Psychologen kennten sich überhaupt aus mit dem Thema. Laut McCloskey orientiert die Fachwelt sich in Wirklichkeit an einem jahrzehntealten Standardfragebogen, der echte von unechten Gendercrossern unterscheiden soll und dabei nur die Werturteile seiner Entstehungszeit perpetuiert. Denn wer anerkannt werden will, muß dem Fragebogen entsprechen.

Jeder Gendercrosser ist zum Lügen gezwungen, sagt McCloskey, sie selber hat es in Amsterdam durchexerziert, um ihre Hormonbehandlung zu bekommen: ",Gewiß doch', sagte Dee zum Psychiater der Freien Universität, ,ich hatte diese Sehnsucht schon immer. Gewiß doch, Herr Doktor, seit ich denken kann. Gewiß doch, es ist so, als sei man eine Frau im Körper eines Mannes. Gewiß doch, ich hasse meinen Penis.' Gewiß doch, Herr Doktor, was auch immer ihre idiotische Liste verlangt."

Deirdre McCloskey nutzt ihre Biographie weidlich, um der Öffentlichkeit ein reformiertes Bild der Gendercrosser nahezubringen. Was ihr aber noch mehr am Herzen liegt, ist die Havarie ihres ersten Lebensentwurfs. Immer wieder scheinen ihre Ausführungen sich an die verlorene Familie zu wenden. Bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus hat sie sich der Offenheit verpflichtet, hoffend auf größtmögliches Verständnis. Stellenweise ist ihr Exorzismus von kaum erträglicher Intimität. Doch man mag ihr das Pathos und die Rührseligkeit verzeihen. Viele geistreiche, kämpferische, witzige, berührende Momente machen "Crossing" zu einem lesenswerten Buch, und seine Geschichte hat man noch selten gelesen.

KLAUS UNGERER

Deirdre N. McCloskey: "Crossing". A memoir. The University of Chicago Press, Chicago, London 2000. 266 S., Abb., br., 15,- Dollar.

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