Ein unterhaltsamer, fesselnd erzählter Roman, der sich zwischen Satire, Humor und Tragik bewegt und zur gleichen Zeit eine Veranschaulichung des Grillparzerschen Verdikts über Nationalismus ist: Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität. Ein Werk der Weltliteratur von grosser Aktualität, der Klassiker aus Brasilien.
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.01.2002Hühnchen, patriotische Art
Völlerei mit Lesefrüchten: Lima Barretos brasilianischer Quijote
Immer schärfere Umrisse nimmt das Bild von Brasiliens Literatur auf der Netzhaut ihrer deutschen Leser an. Das klassische Dreigestirn, welches an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dem modernen brasilianischen Roman zum ersten Mal internationalen Glanz verlieh, strahlt jetzt vollzählig: "Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas" von Machado de Assis liegen schon seit den fünfziger Jahren auf deutsch vor, Euclides da Cunhas weit ausgreifender Romanessay "Krieg im Sertão" kam 1994 pünktlich zum Brasilien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse heraus, nun hat Berthold Zilly auch Afonso Henriques de Lima Barretos zuerst im Jahre 1911 als Fortsetzungsroman publiziertes Hauptwerk "Das traurige Ende des Policarpo Quaresma" mustergültig übersetzt und liebevoll kommentiert.
Allerdings sei die geneigte Leserschaft gleich gewarnt: Wer sich von lateinamerikanischen Romanen vor allem epische Großtaten, eine üppig wuchernde Natur, finstere familiäre Verstrickungen, die erotischen Verlockungen stets williger Mulattinnen, fremdartige Zauberrituale oder andere beliebte Ingredienzien eines mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen "magischen Realismus" verspricht, der wird bei Lima Barreto herb enttäuscht. Statt mit Samba, Condomblé und Karneval bekommen wir es mit Ärmelschonern, Aktenstaub und Vorstadtmief zu tun.
Die Titelfigur des Romans scheint der Bürokratenwelt Gogols entsprungen. Nicht einmal ein echter Major ist der Major Policarpo Quaresma, sondern seines Zeichens bloß Unteramtmann im Heereszeugamt des Kriegsministeriums, aus dem er seit dreißig Jahren nach gewissenhafter Pflichterfüllung am Schreibtisch jeden Tag Punkt 16.15 Uhr in einen verschlafenen Vorort von Rio de Janeiro zurückkehrt, wo ihm seine altjüngferliche Schwester Adelaide das Essen bereitet. Wie soll so ein Pedant, dessen Pünktlichkeit dem "Auftreten eines Himmelskörpers, einer Sonnenfinsternis, eines mathematisch determinierten Phänomens" gleicht, schon zum Romanhelden taugen? Zumal da ihm außer seiner duldsamen Schwester keine Familie, ja nicht einmal eine Geliebte beigegeben ist und das wohlgeölte Uhrwerk seines Tagesablaufes nichts Unerwartetes verheißt? Ein Spleen muß also her, der ihn allmählich aus der Bahn treibt, damit sich etwas Unvorhergesehenes ereignen kann.
Nun ist Policarpo Quaresma ohnehin keine Frohnatur, sondern ein echter Melancholiker - darauf macht uns bereits sein Name aufmerksam: Polykarp von Smyrna war ein Märtyrer des Glaubens, der im zweiten Jahrhundert nach Christus das unverfälschte Vermächtnis der Apostel zu bewahren suchte, und "quaresma" heißt auf deutsch nichts anderes als "Fastenzeit". Ironischerweise kann das griechische Adjektiv "polykarpos" mit "reich an Früchten" verdolmetscht werden. Selbstaufgabe und Enthaltsamkeit bestimmen die sterile Existenz von Policarpo Quaresma, das Eintreten für eine große Sache wird zu jenem traurigen Ende des Helden führen, welches sich bereits unheilschwanger im Romantitel ankündigt. Die einzigen Früchte, die sein Leben dann abgeworfen haben wird, sind Lesefrüchte. Diese sammelt er mit ähnlichem Eifer und ähnlich verheerenden Folgen ein wie seine europäischen Vorbilder Don Quijote und Emma Bovary, nur daß in seinem Kopf statt des mittelalterlichen Ritterideals oder der romantischen Liebe die nationale Größe Brasiliens herumspukt.
Nach dem Sturz der Monarchie im Jahre 1889 hatten die brasilianischen Positivisten Auguste Comtes Motto "Ordnung und Fortschritt" auf die Flagge ihres Landes geschrieben. Für Ordnung sorgte bald das Militär, während der Fortschritt noch etwas auf sich warten ließ. Als echtes Kind des positivistischen Zeitalters ist Quaresma von einem autodidaktischen Furor beseelt. Lesend versucht er, das Wesen seines geliebten Vaterlandes zu ergründen, studiert in seiner Freizeit unermüdlich die alten Reiseberichte über die Entdeckung und Erschließung Brasiliens, die Beschreibungen der Naturschätze, die Kompendien der brasilianischen Geschichte, die Hauptwerke der Nationalliteratur. In der Kaffeepause sägt der Major gnadenlos an den Nerven seiner Kollegen und Untergebenen im Zeugamt, indem er sie über die Schönheit und Fruchtbarkeit ihrer Heimat belehrt; selbst die Wahl der Erbsensorte für die Beilage zum mittäglichen Hühnchen wird von patriotischen Rücksichten diktiert, damit kein ausländisches Gemüse auf den Tisch kommt. Ja, der respektable und musikalisch nicht im Übermaß begabte Major nimmt sogar Gitarrenunterricht bei dem fahrenden Sänger Ricardo Anderherz, um sich gewissenhaft die nationalen Klänge sentimentaler Balladen, die modinhas, anzueignen.
Zum öffentlichen Eklat kommt es, als er an das Parlament den ernstgemeinten Vorschlag richtet, statt des fremdländischen, von den Kolonisatoren eingeschleppten Portugiesisch lieber die urtümliche Indianersprache Tupi-Guarani zur Amtssprache zu erheben. Nur hat diese leider den kleinen Nachteil, ausschließlich den Indianern und Missionaren verständlich zu sein. Quaresma mußte sie sich mühsam im Selbststudium aneignen. Die Bildungsreise zu den Ursprüngen der Nation endet in der Nervenheilanstalt.
Obwohl Lima Barreto seinen Spott über den Indigenismus ausgießt, also jene weitverbreitete Begeisterung für das vermeintlich Ursprüngliche auf die Schippe nimmt, so gilt doch ähnlich wie im "Quijote" die Zuneigung des Erzählers gerade dem reinen Toren, der beim Lesen lernt, daß die Welt auch anders sein könnte, als sie nun mal ist. In seiner Narrheit stellt er die Verhältnisse bloß, an denen er unter dem Gelächter seiner phantasielosen Umgebung scheitert. So versucht Quaresma im zweiten Teil des Romans auf den Spuren von Flauberts täppischen Bücherwürmern Bouvard und Pécuchet, die neuesten agrarwissenschaftlichen Erkenntnisse in eine Praxis umzusetzen, die sich dann der Theorie gegenüber als störrisch zeigt. Das Wetter hält sich nicht an die Vorhersagen der meteorologischen Instrumente, die Blattschneiderameisen vertilgen die Ernte, die Landarbeiter dämmern apathisch vor sich hin, die Provinzhonoratioren widmen sich seelenruhig der Korruption und Wahlfälschung.
Schließlich straft die Tücke des Objekts die epische Formel von der Üppigkeit der brasilianischen Erde Lügen, während die Sehhilfe an der Blindheit gegenüber der Wirklichkeit zerbricht: "Der Major ereiferte sich, versuchte es noch einmal, ermattete, schwitzte, wurde wütend, hieb mit aller Kraft, und mehrfach brachte ihn die Hacke, wenn sie den Boden verfehlte und ins Leere ging, aus dem Gleichgewicht, so daß er stürzte und die Erde küßte, die Mutter der Früchte und der Menschen. Sein Pincenez löste sich, traf auf einen Kieselstein und zersprang."
Da der Patriotismus immer erst im Krieg zu sich selbst kommt, verwickelt das letzte Romandrittel Quaresma in die 1893 ausgebrochenen Kämpfe zwischen den Anhängern des diktatorischen Marschalls Floriano Peixoto und aufständischen Marinetruppen. Die satirisch überzeichnete Militärposse schlägt allerdings in blutigen Ernst um, als die Sieger an den unterlegenen Marinesoldaten Rache nehmen. Mit seinem untrüglichen Gerechtigkeitssinn kann Quaresma die willkürlichen Hinrichtungen nicht billigen und gerät deshalb selber auf die Todesliste. In erlebter Rede schwört er verbittert seinem lebenslangen Wahn ab; den so wißbegierigen Amtmann von der traurigen Gestalt sucht die Selbsterkenntnis erst heim, als es zu spät ist: "Zweifellos war das Vaterland ein irrationaler Begriff, der überprüft werden mußte."
Aber Lima Barreto macht aus einem gescheiterten Leben, das viele seiner eigenen Enttäuschungen aufbewahrt, gelungene Literatur. In der Welt der Erzählung selber bewundert die geübte Romanleserin Olga stellvertretend für uns Spätere den Opfergang ihres Paten. Die Welt der vorletzten Jahrhundertwende erweist sich in der Verbindung von brutalstmöglicher Faktengläubigkeit und bürokratischem Organisationswahn, von Sentimentalität und Gewaltbereitschaft als schon sehr modern.
MAX GROSSE.
Lima Barreto: "Das traurige Ende des Policarpo Quaresma". Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt und mit einem Nachwort von Berthold Zilly. Ammann Verlag, Zürich 2001. 336 S., geb., 21,90 [Euro].
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Völlerei mit Lesefrüchten: Lima Barretos brasilianischer Quijote
Immer schärfere Umrisse nimmt das Bild von Brasiliens Literatur auf der Netzhaut ihrer deutschen Leser an. Das klassische Dreigestirn, welches an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dem modernen brasilianischen Roman zum ersten Mal internationalen Glanz verlieh, strahlt jetzt vollzählig: "Die nachträglichen Memoiren des Brás Cubas" von Machado de Assis liegen schon seit den fünfziger Jahren auf deutsch vor, Euclides da Cunhas weit ausgreifender Romanessay "Krieg im Sertão" kam 1994 pünktlich zum Brasilien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse heraus, nun hat Berthold Zilly auch Afonso Henriques de Lima Barretos zuerst im Jahre 1911 als Fortsetzungsroman publiziertes Hauptwerk "Das traurige Ende des Policarpo Quaresma" mustergültig übersetzt und liebevoll kommentiert.
Allerdings sei die geneigte Leserschaft gleich gewarnt: Wer sich von lateinamerikanischen Romanen vor allem epische Großtaten, eine üppig wuchernde Natur, finstere familiäre Verstrickungen, die erotischen Verlockungen stets williger Mulattinnen, fremdartige Zauberrituale oder andere beliebte Ingredienzien eines mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen "magischen Realismus" verspricht, der wird bei Lima Barreto herb enttäuscht. Statt mit Samba, Condomblé und Karneval bekommen wir es mit Ärmelschonern, Aktenstaub und Vorstadtmief zu tun.
Die Titelfigur des Romans scheint der Bürokratenwelt Gogols entsprungen. Nicht einmal ein echter Major ist der Major Policarpo Quaresma, sondern seines Zeichens bloß Unteramtmann im Heereszeugamt des Kriegsministeriums, aus dem er seit dreißig Jahren nach gewissenhafter Pflichterfüllung am Schreibtisch jeden Tag Punkt 16.15 Uhr in einen verschlafenen Vorort von Rio de Janeiro zurückkehrt, wo ihm seine altjüngferliche Schwester Adelaide das Essen bereitet. Wie soll so ein Pedant, dessen Pünktlichkeit dem "Auftreten eines Himmelskörpers, einer Sonnenfinsternis, eines mathematisch determinierten Phänomens" gleicht, schon zum Romanhelden taugen? Zumal da ihm außer seiner duldsamen Schwester keine Familie, ja nicht einmal eine Geliebte beigegeben ist und das wohlgeölte Uhrwerk seines Tagesablaufes nichts Unerwartetes verheißt? Ein Spleen muß also her, der ihn allmählich aus der Bahn treibt, damit sich etwas Unvorhergesehenes ereignen kann.
Nun ist Policarpo Quaresma ohnehin keine Frohnatur, sondern ein echter Melancholiker - darauf macht uns bereits sein Name aufmerksam: Polykarp von Smyrna war ein Märtyrer des Glaubens, der im zweiten Jahrhundert nach Christus das unverfälschte Vermächtnis der Apostel zu bewahren suchte, und "quaresma" heißt auf deutsch nichts anderes als "Fastenzeit". Ironischerweise kann das griechische Adjektiv "polykarpos" mit "reich an Früchten" verdolmetscht werden. Selbstaufgabe und Enthaltsamkeit bestimmen die sterile Existenz von Policarpo Quaresma, das Eintreten für eine große Sache wird zu jenem traurigen Ende des Helden führen, welches sich bereits unheilschwanger im Romantitel ankündigt. Die einzigen Früchte, die sein Leben dann abgeworfen haben wird, sind Lesefrüchte. Diese sammelt er mit ähnlichem Eifer und ähnlich verheerenden Folgen ein wie seine europäischen Vorbilder Don Quijote und Emma Bovary, nur daß in seinem Kopf statt des mittelalterlichen Ritterideals oder der romantischen Liebe die nationale Größe Brasiliens herumspukt.
Nach dem Sturz der Monarchie im Jahre 1889 hatten die brasilianischen Positivisten Auguste Comtes Motto "Ordnung und Fortschritt" auf die Flagge ihres Landes geschrieben. Für Ordnung sorgte bald das Militär, während der Fortschritt noch etwas auf sich warten ließ. Als echtes Kind des positivistischen Zeitalters ist Quaresma von einem autodidaktischen Furor beseelt. Lesend versucht er, das Wesen seines geliebten Vaterlandes zu ergründen, studiert in seiner Freizeit unermüdlich die alten Reiseberichte über die Entdeckung und Erschließung Brasiliens, die Beschreibungen der Naturschätze, die Kompendien der brasilianischen Geschichte, die Hauptwerke der Nationalliteratur. In der Kaffeepause sägt der Major gnadenlos an den Nerven seiner Kollegen und Untergebenen im Zeugamt, indem er sie über die Schönheit und Fruchtbarkeit ihrer Heimat belehrt; selbst die Wahl der Erbsensorte für die Beilage zum mittäglichen Hühnchen wird von patriotischen Rücksichten diktiert, damit kein ausländisches Gemüse auf den Tisch kommt. Ja, der respektable und musikalisch nicht im Übermaß begabte Major nimmt sogar Gitarrenunterricht bei dem fahrenden Sänger Ricardo Anderherz, um sich gewissenhaft die nationalen Klänge sentimentaler Balladen, die modinhas, anzueignen.
Zum öffentlichen Eklat kommt es, als er an das Parlament den ernstgemeinten Vorschlag richtet, statt des fremdländischen, von den Kolonisatoren eingeschleppten Portugiesisch lieber die urtümliche Indianersprache Tupi-Guarani zur Amtssprache zu erheben. Nur hat diese leider den kleinen Nachteil, ausschließlich den Indianern und Missionaren verständlich zu sein. Quaresma mußte sie sich mühsam im Selbststudium aneignen. Die Bildungsreise zu den Ursprüngen der Nation endet in der Nervenheilanstalt.
Obwohl Lima Barreto seinen Spott über den Indigenismus ausgießt, also jene weitverbreitete Begeisterung für das vermeintlich Ursprüngliche auf die Schippe nimmt, so gilt doch ähnlich wie im "Quijote" die Zuneigung des Erzählers gerade dem reinen Toren, der beim Lesen lernt, daß die Welt auch anders sein könnte, als sie nun mal ist. In seiner Narrheit stellt er die Verhältnisse bloß, an denen er unter dem Gelächter seiner phantasielosen Umgebung scheitert. So versucht Quaresma im zweiten Teil des Romans auf den Spuren von Flauberts täppischen Bücherwürmern Bouvard und Pécuchet, die neuesten agrarwissenschaftlichen Erkenntnisse in eine Praxis umzusetzen, die sich dann der Theorie gegenüber als störrisch zeigt. Das Wetter hält sich nicht an die Vorhersagen der meteorologischen Instrumente, die Blattschneiderameisen vertilgen die Ernte, die Landarbeiter dämmern apathisch vor sich hin, die Provinzhonoratioren widmen sich seelenruhig der Korruption und Wahlfälschung.
Schließlich straft die Tücke des Objekts die epische Formel von der Üppigkeit der brasilianischen Erde Lügen, während die Sehhilfe an der Blindheit gegenüber der Wirklichkeit zerbricht: "Der Major ereiferte sich, versuchte es noch einmal, ermattete, schwitzte, wurde wütend, hieb mit aller Kraft, und mehrfach brachte ihn die Hacke, wenn sie den Boden verfehlte und ins Leere ging, aus dem Gleichgewicht, so daß er stürzte und die Erde küßte, die Mutter der Früchte und der Menschen. Sein Pincenez löste sich, traf auf einen Kieselstein und zersprang."
Da der Patriotismus immer erst im Krieg zu sich selbst kommt, verwickelt das letzte Romandrittel Quaresma in die 1893 ausgebrochenen Kämpfe zwischen den Anhängern des diktatorischen Marschalls Floriano Peixoto und aufständischen Marinetruppen. Die satirisch überzeichnete Militärposse schlägt allerdings in blutigen Ernst um, als die Sieger an den unterlegenen Marinesoldaten Rache nehmen. Mit seinem untrüglichen Gerechtigkeitssinn kann Quaresma die willkürlichen Hinrichtungen nicht billigen und gerät deshalb selber auf die Todesliste. In erlebter Rede schwört er verbittert seinem lebenslangen Wahn ab; den so wißbegierigen Amtmann von der traurigen Gestalt sucht die Selbsterkenntnis erst heim, als es zu spät ist: "Zweifellos war das Vaterland ein irrationaler Begriff, der überprüft werden mußte."
Aber Lima Barreto macht aus einem gescheiterten Leben, das viele seiner eigenen Enttäuschungen aufbewahrt, gelungene Literatur. In der Welt der Erzählung selber bewundert die geübte Romanleserin Olga stellvertretend für uns Spätere den Opfergang ihres Paten. Die Welt der vorletzten Jahrhundertwende erweist sich in der Verbindung von brutalstmöglicher Faktengläubigkeit und bürokratischem Organisationswahn, von Sentimentalität und Gewaltbereitschaft als schon sehr modern.
MAX GROSSE.
Lima Barreto: "Das traurige Ende des Policarpo Quaresma". Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt und mit einem Nachwort von Berthold Zilly. Ammann Verlag, Zürich 2001. 336 S., geb., 21,90 [Euro].
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Für den Kritiker Benedikt Erenz ist der 1911 zunächst als Fortsetzungsroman in einer Tageszeitung erschiene brasilianische "Klassiker" ein "Panoptikum opportunistischer Schwätzer und blechbarocker Miles-gloriosus Gestalten, fanatischer Rodomonteure und erloschener Karrieristen, autistischer Kümmerlinge und fideler Geldmännchen". Der Zeithintergrund des "bitterkomischen Sittenspiegels" ist das Brasilien der Jahrhundertwende und im Zentrum des Romans steht die Figur des Major Policarpo Quaresma, erläutert der Rezensent. Der Major hält stur an einer nationalen Leitkultur fest, was schließlich ins Unglück führt, so liest man auf dem Umschlag; dies lässt Benedikt Erenz sogleich an Friedrich Merz oder Roland Koch denken. Der erste Teil des Romans handelt von der nationalen Identität Brasiliens, der zweite Teil hat das Elend des brasilianischen Landlebens der 1890er Jahre zum Thema und der dritte Teil des Romans, der den "Wirren des Marineputsches von 1893/94" gewidmet ist, lässt den Rezensenten an die spätere Gattung des lateinamerikanischen Diktatorenromans denken. Da der Kritiker es mit einem Klassiker zu tun hat, sieht er von einer Wertung des Buches ab, schließt aber mit einem wie er selbst schreibt "bedenkenswerten" Zitat aus dem Buch von de Lima Baretto: "Diesem Quaresma könnte es so gut gehen, aber er hat sich mit Büchern abgegeben...Daran liegt es!"
© Perlentaucher Medien GmbH
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