Der Exodus ist nicht mehr linear, sondern kreisförmig: Die Inbetriebnahme des weltgrößten Teilchenbeschleunigers im September 2008 markiert für Paul Virilio das Ende der anthropostatischen Sesshaftigkeit. In seinem neuesten Essay kreist der Denker der Geschwindigkeit einmal mehr um sein Kernthema: die Beschleunigung der Realität. Den titelgebenden Large Hadron Collider des CERN sieht er als Symbol der zirkulären Ausweglosigkeit, die durch den ständigen Geschwindigkeitsrausch, dem wir in der medialen Informationsflut verfallen sind, unsichtbar bleibt. Denn die erzwungene Mobilität der Menschen und Datenmengen verzerrt die natürlichen Rhythmen, was Virilio als gefährliche Abkehr von der lokalen, "menschlichen" Zeit zugunsten der globalen "Maschinenzeit" interpretiert, die wiederum die Realität jedes Einzelnen beschleunigt. Wir haben die "Zeitmauer" erreicht. Virilio ruft uns dazu auf, diese Hegemonie des ewigen Augenblicks der technologischen Moderne zu überwinden, uns vom Fortschrittsgedanken zu lösen und dem illuministischen Kult um die Lichtgeschwindigkeit abzuschwören.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension
Nicht wirklich erwärmen kann sich Christof Forderer für Paul Virilios neues Buch "Der große Beschleuniger". Die Thesen des als großen Kritiker der gesellschaftlichen Beschleunigung bekannten französischen Philosophen scheinen ihm oft sehr suggestiv vorgebracht und wissenschaftlich kaum begründet. Auch stört ihn der "apokalyptische Predigerton" des Autors. Er hält Virilios Analyse der Ursachen von problematischen Beschleunigungsprozessen Monokausalität vor. Den Empfehlungen des Autors, die Verlangsamung zum Regierungsprogramm zu machen und ein Ministerium der Zeit einzurichten, das über die Wahrung natürlicher Zeitrhythmen wacht, begegnet er mit einer Forderung nach mehr Futurismus in Politik und Gesellschaft, muten ihn Virilios Ansichten mitunter doch etwas anachronistisch an.
© Perlentaucher Medien GmbH
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