Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.12.2010Sachbuch I Das war schon sehr unheimlich, wie schnell die Bilder vom Golf von Mexiko nach dem Untergang der Bohrplattform Deepwater Horizon in diesem Jahr wieder vergessen waren. Ölverklebte Vögel, schwarze Strände, tote Fische - man sah sie bald nicht mehr. BP behauptete, 75 Prozent des Öls seien verdunstet, verbrannt, abgeschöpft oder von Chemikalien zersetzt. Umweltschützer hielten dagegen, 75 Prozent des Öls seien noch da und gefährlicher als vorher, BP habe das Öl nur mit hochgiftigen Lösungsmitteln auf den Meeresboden versenkt. Aber die kosmetische BP-Rechnung ging auf: Sobald die Strände wieder weiß waren, schien das allgemeine Bedürfnis, mehr über die langfristigen Folgen in Erfahrung bringen zu wollen, wie von selbst zu versiegen. Das könnte sich rächen: Der Untergang der Deepwater Horizon, schreibt die Fernsehjournalistin Sarah Zierul in ihrem beeindruckenden Reportagebuch "Der Kampf um die Tiefsee - Wettlauf um die Rohstoffe der Erde" (Hoffmann & Campe, 350 Seiten, 22 Euro), bot nur einen Vorgeschmack auf die Katastrophen, die uns bevorstehen. Denn am Meeresboden ist ein Goldrausch ausgebrochen wie einst im wilden Westen. Jeder greift sich, was er kriegen kann - ohne Rücksicht auf Regeln, Grenzen oder die Umwelt. Mit ihren Erdöl-, Gas-, Gold- und Silbervorkommen ist die Tiefsee die vermutlich größte Schatzkammer der Erde, was bei knapper werdenden Ressourcen an Land die Ausbeutungsambitionen nur antreibt. So geht es also auch darum, eine Welt zu retten, die wir
noch gar nicht richtig kennen, in die kein Sonnenlicht dringt und die der größte Lebensraum der Erde ist: "last frontier" nennen Meeresforscher die Tiefsee. Das letzte Gebiet, das der Mensch noch nicht für sich erschlossen hat.
jia
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main…mehr