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Es gab eine Zeit, in der der Wald vom Atlantik bis zu den Karpaten unseren ganzen Kontinent bedeckte. Der Wald ist ein Mythos, ein Natur- und Kulturraum, der einzigartig ist, unermesslich sein Reichtum an Sagen und Geschichten. Kerstin Ekmans lebenslange Beschäftigung mit dem Wald mündet in diesem gewaltigen Werk: Sie erzählt darin von der jahrtausendealten Begegnung zwischen Mensch und Wald, schreibt von Waldgeistern, Volksmärchen, Räubern, Wölfen und Dichtern. Ihre Betrachtungen reichen vom Mittelalter bis heute, von der Urbarmachung über das Jagen bis zum Wirtschaftsraum Wald. Kerstin Ekman…mehr

Produktbeschreibung
Es gab eine Zeit, in der der Wald vom Atlantik bis zu den Karpaten unseren ganzen Kontinent bedeckte. Der Wald ist ein Mythos, ein Natur- und Kulturraum, der einzigartig ist, unermesslich sein Reichtum an Sagen und Geschichten. Kerstin Ekmans lebenslange Beschäftigung mit dem Wald mündet in diesem gewaltigen Werk: Sie erzählt darin von der jahrtausendealten Begegnung zwischen Mensch und Wald, schreibt von Waldgeistern, Volksmärchen, Räubern, Wölfen und Dichtern. Ihre Betrachtungen reichen vom Mittelalter bis heute, von der Urbarmachung über das Jagen bis zum Wirtschaftsraum Wald. Kerstin Ekman streift durch die Kiefernwälder ihrer nordschwedischen Heimat, erzählt von der Heilkraft der Nadelbäume und dem Reichtum von Flora und Fauna. Reich bebildert und mit zahlreichen Zitaten versehen ist »Der Wald« ein eindrucks volles Zeugnis einer Welt, die bald verschwunden sein wird.
Autorenporträt
Kerstin Ekman, geb. 1933, gilt als die wichtigste skandinavische Gegenwartsautorin. Ihr umfangreiches literarisches Werk ist preisgekrönt, wurde vielfach verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.10.2008

Ein Wissen wie leuchtende Herbstblätter

Kerstin Ekman hat ein faszinierendes Buch über den Wald geschrieben, das wie eine große Wanderkarte zu alten Geschichten, nachdenklichen Betrachtungen und hinein ins tiefe Schweden führt.

Der erste Impuls war gewesen, hinzufahren und mit ihr zu reden, nach Schweden, dorthin, wo die Schriftstellerin Kerstin Ekman lebt, um zu sehen, wie sie ist und wie sie wohnt, und vielleicht hätte sie ja auch Zeit gehabt für einen Spaziergang durch den Wald. Über ihn, den Wald, hat sie ein Buch geschrieben, von dem man jetzt schon sagen kann, dass es ein Klassiker ist, nicht nur ein schwedischer, sondern ein Waldbeschreibungs-, ein Naturbeschreibungsklassiker. Aber so schön und herzerhebend wahrscheinlich ein solcher Besuch in Schweden nördlich von Stockholm gewesen wäre, er ist wirklich nicht notwendig, um dieses Buch zu verstehen. Und wahrscheinlich ist so ein Besuch grundsätzlich auch zu laut für dieses Buch, das ein stilles Buch ist und deswegen vielleicht hierzulande gar nicht in dem Maße wahrgenommen wird, wie es wahrgenommen zu werden verdient.

Hierzulande gibt es wahrscheinlich auch nicht allzu viele Menschen, die sich für den schwedischen Wald interessieren. Was soll daran interessant sein, mögen sie denken, aber vielleicht stimmt das gar nicht, es fahren doch immer noch viele Menschen - zugegeben, es sind Eltern mit ihren Kindern oder Ältere - in den Sommerferien von hier nach Schweden. Vor allem deshalb, weil sie hoffen, dort in die Arme der Natur zu sinken und einmal im Jahr in das einfache Leben zu geraten, von denen die schwedischen Kinderbücher erzählen, allen voran Bullerbü, das nicht untergehen wird und in diesem Bücherherbst gerade mal wieder die Titel zweier Erziehungsbücher ziert.

Wer je in Schweden gewesen ist und nicht nur an der Südküste in der Sonne am Strand gelegen hat, was auch sehr angenehm ist, sondern weiter hinauf ins Land gefahren ist, dorthin, wo die Seen anfangen und die Wälder kein Ende zu nehmen scheinen, und man muss dahin gar nicht so lange fahren, den nun wird, wenn er Ekmans Buch daheim liest, eine große Sehnsucht ereilen: nicht nur nach jenem weiten Land, sondern auch nach dem, was dieses Land, das man eben nicht zu einer Landschaft zusammenschnurren lassen kann wie die Toskana, in einem wachruft. Diese Sehnsucht wird dann glücklicherweise von diesem Buch auch noch gestillt, man bleibt also nach der Lektüre nicht unerlöst auf dem Sofa oder sonst wo wunschdick kleben. Und man behält dieses Buch auch nicht nur in guter Erinnerung wie einen erfüllten Urlaub, sondern man hat den Eindruck, dass es zu jenen Büchern gehört, in denen man immer wieder mal lesen wird, um sich an eine bestimmte Einstellung den Dingen der Welt gegenüber zu erinnern. Es hat ein wenig von einem Stundenbuch, man kann auf diesen Seiten und in diesen Geschichten nicht nur über etwas nachdenken und etwas bedenken, sondern man kann hier gedenken - was eine bedächtige und stabile, ordnunggebende Form des inneren Sehens ist. Ekman kommt selbst einmal auf ihren mittelschwedischen Ordnungssinn zu sprechen.

Die schwedische Schriftstellerin Kerstin Ekman schreibt normalerweise Romane, aber dieses Buch, das im vergangenen Jahr in Schweden erschien, ist kein Roman - und ein Sachbuch ist es auch nicht. Es ist etwas dazwischen, eine erzählende Reflexion, worunter man ein Genre verstehen kann, das im Grunde genommen der landläufigen Lebenserfahrung entspricht, die sich in der gefühlten Fremde von Theorien und Geschichten, welche sich als geschlossene Räume präsentieren, nicht ganz aufgehoben fühlt und im Alltag gerne zu Wort findet, wenn zwei oder drei zusammensitzen und sich etwas erzählen. Ganz sicher ist dieses Buch typisch schwedisch, wenn sich darunter eine Form von Heimatkunde fassen lässt, in die ein gewisser Stolz auf das eigene Land fließt, in dem Natur und Kultur eng ineinander verwoben sind, so eng, dass die naturkundliche Expedition die angemessene Art und Weise scheint, Schweden kennenzulernen - in anderen Ländern geht man in die Städte und schaut sich die Kirchen und Museen an, oder man landet gleich in der Küche.

Diesen Eindruck, in die Tiefen des Landes hineinzugehen, dessen Eigenart die Tiefen des Landes sind, erweckt Ekmans Buch über den Wald sofort. Wie eine große Wanderkarte verzeichnet es Wege, die alle in und durch den Wald verlaufen, von dem man einfach voraussetzt, dass er ganz Schweden bedeckt; jede Schwedenkarte ist ja ganz und gar grün. Es sind Wege, die zu jahrhundertealten Geschichten führen, bei einzelnen Baumarten wie der Fichte oder in den Hütten der Holzfäller enden. Wege, auf denen die Jäger das Wild verfolgen und Spaziergänger Pilze und Blumen finden und auf ihnen selten scheinende Tiere stoßen. Was auch immer hier auftaucht, und wenn es die Forstwirtschaft ist, die den Wald als Exportschlager an das Ende des Kahlschlags treibt, und wenn es die Umweltschutzbewegung ist, die immer zu wissen scheint, was für die Natur gut und zu tun ist - die Beobachtungen, die Ekman über den Wald selbst gemacht und von Weggefährten gesammelt hat, ziehen nicht nur Stadtsteppenbewohner immer tiefer in das wundersame Dickicht hinein.

Vom Wald geht eine eigenartige Verführungskraft aus, die sich seit jeher mit der Angst paart und die sich in diesem Buch der einlullenden reflektierenden Erzählkunst Ekmans verdankt. Ihr Stil und Rhythmus sind Geschwister der Naturgeschichte, jener alten Aufzeichnungen, unter anderen eines Carl von Linné, jener alten Tierzeichnungen, unter anderen der Brüder von Wright, in denen das Auge noch ganz offen für ein genaues Sehen war. Und das war ein Sehen, das heutzutage hinter einer etwas klobigen, aber handlichen Begrifflichkeit fast verschwunden zu sein scheint, mit der die Welt erst nach-, dann zugebaut wird.

Am Ende der fünfhundert Seiten langen Wanderung durch den Wald, die niemals mühevoll ist, sondern im Gegenteil immer aufregend, immer erhebend, lässt Ekman die Arme sinken, die andere, wenn vom bedrohten Wald die Rede ist, fordernd oder mahnend ständig erhoben gehalten hätten. Sie lässt sie nicht mutlos sinken, sondern nur freimütig bekennend, dass sie, die ihr Wissen vom Wald wie leuchtende Herbstblätter auf dem Boden auszulegen weiß, letztlich doch nicht zu sagen vermöge, was das Wort Wald, was das Wort Natur bedeuten soll. Man ist sich bei diesem Bekenntnis, das nicht das Ziel der Wanderungen ist, sicher, dass es sich nicht um einen philosophischen Knicks vor der umweltschonenden Nichtbegrifflichkeit handelt, sondern um eine menschenmögliche Verbeugung vor dem unerschöpflichen und unkontrollierbaren Werden - eine vor dem natürlichen Reichtum andächtige Haltung bei völlig klarem Kopf, bei der dann eben nicht aus dem Blick verlorengeht, was Menschen in ihrer Dummheit und Gewinngier im Wald hier und dort anzurichten in der Lage sind.

Sentimentalitäten liegen Ekman, die einmal, ohne mit der Wimper zu zucken, davon berichtet, wie sie beim Häuten, Ausnehmen und Zerlegen eines auf der Jagd frisch geschossenen Elches mit beiden Händen geholfen hat, völlig fern. So wie sie auch mit einer vielleicht an die Grenzen eines Grundschulunterrichts auf dem dünn besiedelten Lande erinnernden vaterländischen Selbstverständlichkeit zu erklären versteht, dass der Staat, in dem Land und Volk wie Leib und Seele miteinander verwachsen seien, den Wald hegen soll und nicht zulassen darf, "dass die Schweden . . . die durch die hohe Natur in diesen ernsten Wäldern, worin sie aufwuchsen, wurden, was sie waren, zu Eskimos und Tungusen herabsinken". Was offensichtlich für einen naturpolitisch denkenden Menschen wie Ekman der kulturelle Kahlschlag wäre. Wahrscheinlich würde in den Steppenländern nicht einmal die Auflösung aller Kultursubventionen eine solche Angstphantasie auslösen.

Manchmal tauchen in den im Sonnenstrahlenbad liegenden Lichtungen der Erzählungen, deren Helden immer in die Ferne schweifende, kämpfende, jagende, zeichnende, beschreibende und katalogisierende Männer sind, Frauen auf, die ganz bei sich sind und nur töpfern - und mit ihnen schwebt der Gedanke wie ein Vögelchen herbei, dass in Schweden noch ein paar Millionen Bäume mehr stehen würden, wenn diese Töpferinnen das Sagen übernommen hätten, die viele Jahrhunderte später sich in den Lauf der Dinge eingefügt und zum Beispiel als Köchinnen bei den Holzfällern Speckpfannkuchen gebacken haben. Aber das ist nur ein schwacher, nicht ausgesponnener Faden einer ganz anderen Geschichte, der vor der überwältigenden Fülle des Faktischen, zu der manchmal auch die schnelle oder langsame Niederlage des Schwächeren gehört, wie von alleine reißt.

Am Ende der tausendjährigen Wanderungen durch den Wald trägt der Wanderer das wärmende Gefühl mit sich, noch lange nicht alles gesehen, noch lange nicht alles verstanden zu haben - was nur bedeuten kann, dass er noch einmal aufbrechen und wieder hierherkommen muss.

EBERHARD RATHGEB

Kerstin Ekman: "Der Wald". Eine literarische Wanderung. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder. Piper Verlag, München 2008. 528 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Sylvia Staude erkennt in Kerstin Ekmans Buch eine ambitionierte Hommage an den Wald, kann sich aber eines gewissen Ärgers bei der Lektüre nicht erwehren. Die schwedische Autorin beklagt darin mit Verve die moderne Forstwirtschaft, die dem Wald die Vielfalt und die Geheimnisse ausgetrieben hat, um sich dann dem ursprünglichen Wald der Vergangenheit mit vielen Ausflügen in die überwiegend skandinavische Literatur zuzuwenden, erklärt die Rezensentin. Sie schwärmt von der stilistischen Brillanz, wenn Ekman vom blutigen Geschäft der Jagd oder den Tugenden der Fichte erzählt. Allerdings findet Staude es anstrengend, der Autorin bei all ihren Abschweifungen und Nebenerzählungen zu folgen. Richtig verstimmt ist sie darüber, dass ihr so viele vollkommen unbekannte Begriffe zugemutet werden, die sich mitunter nicht einmal durch selbständige Rechercheleistung aufklären lassen, wie sie ergrimmt berichtet.

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