Theo spürt, dass er am Ende seines Lebens angekommen ist. Er ist alt und nun, nach einem Schwächeanfall, auch noch pflegebedürftig. In Gedanken zieht er Bilanz, trauert um seine früh verstorbene erste Frau, erinnert sich an nie mehr wiedergutzumachende Versäumnisse und verliert dabei seine Tochter Frieda und seine jetzige Frau Berta aus dem Blick. Erst die junge ukrainische Pflegerin Ludmila versteht es, sein Herz zu erreichen, sie kommt ihm so nah, wie Frieda es nie war. Und obwohl für Frieda diese Nähe unbegreiflich und schmerzlich ist, erfüllt sie, als Ludmila in ihre Heimat zurückkehrt, den Wunsch des Vaters, sie zurückzubringen. Doch Friedas Reise wird auch zu einer Spurensuche in die Vergangenheit ...
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Ganz eindeutig fällt Martin Lhotzkys Urteil über Anna Mitgutschs neunten Roman "Die Annäherung" nicht aus. Wie die österreichische Autorin langsam, in wechselnden Erzählperspektiven von der Annäherung zwischen Frieda und ihrem Vater Theo erzählt, der von seiner zweiten Frau Berta von der Außenwelt isoliert wird, bis er sich im hohen Alter widersetzt, gefällt dem Kritiker gut. Dass einmal mehr das Schweigen der Kriegsgeneration über ihr Verhalten während des Nationalsozialismus thematisiert wird, erscheint Lhotzky hingegen wenig "originell". Dass der Roman nicht ganz in Fahrt kommen will, kann der Rezensent angesichts einiger sehr bewegender Szenen verzeihen.
© Perlentaucher Medien GmbH
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Anna Mitgutsch begibt sich auf Spurensuche nach dem verschwiegenen Krieg
Im Sommer ist Theo 97 Jahre alt geworden. Geboren knapp vor Beginn des Ersten Weltkriegs, noch in der österreichischen Monarchie, ist er in der Zeit der Ersten Republik in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat austrofaschistische Diktatur und den vom Großteil der Bevölkerung bejubelten Einmarsch von Hitlers Truppen erlebt, im Zweiten Weltkrieg gedient und nach der Niederlage des sogenannten Großdeutschen Reiches geheiratet, eine Tochter gezeugt und wieder als Gärtner gearbeitet. Wilma, seine Ehefrau, ist früh verstorben, da war das Töchterlein Frieda noch keine zwölf. Die zweite Frau, Berta, war die richtige für ihn, glaubte, fühlte, wusste Theo, aber mit Frieda verstand sie sich gar nicht. Frieda umgekehrt auch nicht mit ihr. Als das Mädchen gerade achtzehn war, musste es das gemeinsame Haus verlassen. Theo grämte sich darüber, wollte aber keinen Streit mit der Frau riskieren. Er war immer einer, der sich im Hintergrund hielt. Manche meinten gar, ein Feigling.
Frieda ist nun über sechzig, die Versöhnung mit der Stiefmutter noch nicht wirklich gelungen, aber immerhin darf sie Theo wieder öfter besuchen. Im vergangenen Winter hatte Theo einen leichten Schlaganfall erlitten, seitdem benötigt er Hilfe. Eine ukrainische Pflegerin zieht bei dem alten Ehepaar ein. Als aber deren Vertrautheit mit Theo in Bertas Augen zu groß wird, vergrault sie auch diese junge Frau. Da reicht es dem alten Mann. "In dieser aufsässigen Stimmung fragte er zum ersten Mal nach dem Sinn eines Lebens, in dem er auf zwei Räume reduziert nur mehr vom Fenster aus die Tageszeiten beobachten und nicht ins Freie konnte, und er dachte, sagte es mitunter auch: Das ist kein Leben mehr."
Es beginnt die eigentliche Geschichte, aus der der Titel "Die Annäherung" erst verständlich wird. Anna Mitgutsch hat sich ganz langsam an diesen Punkt herangearbeitet. In fünf Teilen, den Jahreszeiten folgend von Winter bis wiederum Winter, erzählt sie in unterschiedlich langen Kapiteln vom Verhältnis zwischen Theo und Frieda, wechselt dabei von der auktorialen Beobachterposition, in der die Sichtweise des Vaters referiert wird, zur Ich-Erzählerin Frieda. Vom Herbst an dominiert die Ich-Form. Da folgen wir Frieda auf einer Reise in die Ukraine.
Wie bei generationenübergreifenden Erzählungen im deutschen Sprachraum nicht wahnsinnig originell, aber durchaus immer noch einer weiteren Verarbeitung zugänglich, ist die Haltung der Älteren in der Zeit von nationalsozialistischer Diktatur und im Weltkrieg das große Thema. Frieda, erfahren wir, wollte, seit sie mit etwa zwölf Jahren auf ein Foto gestoßen war, das eine Massenerschießung im Krieg zeigte, wissen, ob Theo ebenfalls an Verbrechen beteiligt war. Er wollte nie darüber reden. Nun, da er sich dem eigenen Tod bereits sehr nahe fühlt, bittet er sein Kind, die von Berta vertriebene Pflegerin aufzuspüren. Theo übergibt Frieda seine Lebensersparnisse: "Ich brauche nicht mehr viel, sagte er, ich habe nie viel gebraucht und es wird immer weniger. Ich möchte nur mehr das Recht haben, über mich selber zu entscheiden, wie man mich behandelt und wie ich nicht behandelt werden möchte. Kannst du mir diesen einen Wunsch erfüllen?"
Aber er tut noch mehr. Zusammen mit dem Sparbuch und einem fest verschnürten Kuvert, adressiert an Ludmila - "Bei Ivano-Frankivsk, vormals Stanislau, Ukrane . . . las ich. Du hast das i vergessen" -, übergibt Theo seiner Tochter auch ein Quartheft, sein Kriegstagebuch. Darin wird Frieda auf der ganzen Reise über Krakau und Lemberg (das heutige Lwiw) bis zu Ludmilas Dorf und zurück lesen, ihren Vater ein bisschen besser kennenlernen, aber es wird ihr einerseits nicht reichen und sie andererseits dennoch zufriedenstellen.
Anna Mitgutsch kam 1948 in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz zur Welt, zählt also selbst zur Generation der sogenannten Nachgeborenen. Familiengeschichten und -beziehungen galt von Anfang an ihr Interesse, seit sie mit "Die Züchtigung" 1985 ihr Debüt ablieferte. "Die Annäherung" ist nun ihr neunter Roman, ein bedächtiges, in Teilen zu verhaltenes Opus, das in seinen besten Momenten jedoch tief ans Herz rührt. Wenn sich ganz am Ende auch noch eine mögliche Versöhnung zwischen Frieda und deren Tochter, die auch kein besonders enges Verhältnis zueinander hatten, andeutet, ist das zwar ein bisschen viel des Guten, aber gerade eben noch nicht kitschig.
MARTIN LHOTZKY
Anna Mitgutsch: "Die Annäherung". Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 444 S., geb., 22,99 [Euro].
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"Anna Mitgutsch beschreibt ihre Figuren mit Empathie und großer Herzenswärme. Eine nuanciertere, wahrhaftigere, berührendere Familiengeschichte hat man in jüngster Zeit kaum gelesen." Günter Kaindlstorfer / Deutschlandfunk