Monika Helfers kleine Geschichten entführen den Leser in eine Welt voll Zauber und Poesie. Die Menschen, die darin vorkommen - der Mann, der selbstgemachte Filzblumen verkauft und manchmal auch verschenkt, oder ein zehnjähriges Mädchen, das sich aus seiner Zwangsheirat befreit - wirken wie verloren in dieser Welt. Sie haben alle etwas, was sie besonders macht und an unser Herz rührt. Die Texte der Autorin aus Österreich sind mit Leichtigkeit und Feingefühl erzählt und wirken lange nach in der Erinnerung.
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Samuel Moser versucht erst gar nicht, hinter den rund 120 hier versammelten Erzählungen von Monika Helfer einen Zusammenhang zu sehen. Er nimmt die kurzen Texte als Stimmen- und Geschichtengalaxie, in die sich die Autorin möglichst wenig einmischt. Eine diskrete Struktur entdeckt Moser dann doch, kleine Textgruppen, die allerdings weder thematisch noch formal eine offensichtliche Einheit bilden, sondern eher subtil Begebenheiten, Träume, Märchen variieren zu scheinen. Am meisten gefällt dem Rezensenten, wie die Autorin bei aller Konzentration doch den Verlockungen der Kürze nicht erliegt. Kein Symbolismus, keine Pointenhäufung, dafür eine Art Universalgeschichte des Kleinteiligen und, so nennt es Moder, eine Poetologie der Skepsis.
© Perlentaucher Medien GmbH
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Monika Helfer erklärt die Welt in kurzen Geschichten
Viele kleine Teile können einen großen Reiz ausüben: Viele kleine Legosteine, viele ästhetische Fragmente. Sie fordern uns auf, nach einer Ordnung zu suchen. Tun sie das nicht, wirken sie wie ein hingeworfener Haufen. Ein Haufen Fragmente oder ein Haufen Kurzgeschichten. Die österreichische Autorin Monika Helfer hat eine große Menge kurzer Geschichten geschrieben. Ein, zwei Seiten sind sie jeweils lang, mehr als hundert von ihnen sind in ihrem neuen Buch versammelt.
Naturgemäß kommen ziemlich viele Figuren in diesen Geschichten vor: Einige kehren wieder, die meisten von ihnen treten aber nur mit einer Szene hervor: Eine zwangsverheiratete zehn Jahre alte Jemenitin, eine Frau, die Angst hat, man wolle ihre Haare stehlen, ein betrügerischer Taubstummer, ein geschiedener Busfahrer, mehrere Therapeuten, Schlaflose und Magersüchtige, Voodoo-Puppen, ein avantgardistischer Regisseur und ein Liebe suchender Pfleger virtueller Pflanzen, ein attraktiver Türke an der Supermarktkasse, ein Mann, der Tannenmeisen großzieht, einer, der schweben kann, und eine Frau, die ihre Kinder verdursten lässt.
Die Figuren befinden sich in exemplarischen, gesellschaftlich randständigen Situationen, oder sie suchen nach sich, nach ihrem Leben und der Liebe: in vielen zufälligen Begegnungen, in Kindheits-, Familien- und Eheszenen. Die Figuren begeben sich in Therapien, in die Hände der Phantasie oder der Einsamkeit. Sie treffen aufeinander und erzählen von Betrug, vom Altern und vom Sterben, und sie stellen sich die letzten Fragen: "In so einer hellen Nacht denkt der Mensch manchmal daran zu philosophieren, und so dachte der Mann, mein Leben ist verschlungen wie ein Fluss im Urwald. Ich muss vermeiden, an ihm entlangzugehen, sonst verirre ich mich. Der Fluss läuft nämlich in riesigen Schleifen, da könnte es vorkommen, dass ein Weg, der bereits gegangen ist, wieder an den Anfang zurückführt." Doch der Leser stolpert über diese Darstellung der Innenwelt: So denkt ein Mensch doch nicht! Und auch das verwendete Bild funktioniert nicht: Man kann nicht am eigenen Leben entlanglaufen.
Die Erzählweisen wechseln vom Monolog zur Interview- und Gesprächsform. Berichte stehen neben Träumen, Mailwechseln und Parabeln. Briefe werden geschrieben und Märchen erzählt, Phantastisches und Groteskes hineingeworfen. Einige der Texte laufen als Fortsetzung durch den Band: Gerade dort, wo aus dem Blickwinkel verschiedener Figuren erzählt wird, zeigt sich deren allzu große Ähnlichkeit im Sprechen und Denken und nicht die Eigentümlichkeit und Vielfalt, nach der die renommierte Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Kinderbüchern strebt. Ihre nüchtern erzählten Geschichten sind manchmal unpointiert, die phantastischen Geschichten ohne Suggestionskraft, aber dort, wo der Realismus von absurden Zügen durchkreuzt wird, entsteht ästhetischer Reiz. Deshalb gehören die den Band durchziehenden Gespräche der Mutter einer toten Tochter mit einem verrückten Mann zum Besten, was das Buch zu bieten hat.
SANDRA KERSCHBAUMER
Monika Helfer: "Die Bar im Freien". Aus der Unwahrscheinlichkeit der Welt.
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. 288 S., geb., 19,90 [Euro].
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"Die Sprache ist einfach und direkt, die Poesie ergibt sich aus kleinen Wendungen, abseits des Alltäglichen. Monika Helfer geht es nie um kunstvolle Konstruktionen und Satzgebilde, ihr geht es immer um die Menschen, um das, was sie antreibt, was sie sehnsüchtig und verletzlich macht." Annette Raschner, ORF, 25.02.2012 "Zuweilen wirken die Texte wie Skizzen, manchmal wie eine Uhrmacherarbeit, fein und präzise die Rädchen ineinander drehend, Raum und Zeit in ein Miniaturformat verdichtend." Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung, 21.04.2012 "Monika Helfers kurze Texte erzählen mehr über den Lauf der Welt als viele dicke Romane. Kleine Geschichten, doch große Erzählkunst." Wolfgang Huber-Lang, APA, 23.05.2012