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Im vierten Band des Romanzyklus "Canopus im Argos: Archive" erzählt Doris Lessing von einem entlegenen Außenposten des canopäischen Imperiums. Eine neue Eiszeit bedroht den bislang wohlhabenden und mit mildem Klima gesegneten Planet 8. Als die ersten Schneeflocken fallen und der Kampf ums Überleben beginnt, stehen die Bewohner vor einer großen Aufgabe: Es soll ein Repräsentant geschaffen werden, der das Wesen der gesamten Bevölkerung von Planet 8 verkörpert und für die Nachwelt bewahrt. In ihrem Space-Fiction-Zyklus vereint Lessing Wissenschaft und Mystik, Analyse und Fabel, Utopie und Vernunft.…mehr

Produktbeschreibung
Im vierten Band des Romanzyklus "Canopus im Argos: Archive" erzählt Doris Lessing von einem entlegenen Außenposten des canopäischen Imperiums. Eine neue Eiszeit bedroht den bislang wohlhabenden und mit mildem Klima gesegneten Planet 8. Als die ersten Schneeflocken fallen und der Kampf ums Überleben beginnt, stehen die Bewohner vor einer großen Aufgabe: Es soll ein Repräsentant geschaffen werden, der das Wesen der gesamten Bevölkerung von Planet 8 verkörpert und für die Nachwelt bewahrt. In ihrem Space-Fiction-Zyklus vereint Lessing Wissenschaft und Mystik, Analyse und Fabel, Utopie und Vernunft.
Autorenporträt
Lessing, Doris
Doris Lessing wurde 1919 in Persien geboren und wuchs auf einer Farm im damaligen Süd-Rhodesien auf. Mit dreißig Jahren kam sie nach London und veröffentlichte dort 1950 ihren ersten Roman. Ihr umfangreiches literarisches Werk macht sie zu einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autorinnen. Im Hoffmann und Campe Verlag erschienen seit 1988 zahlreiche Werke, zuletzt ihre Romane Die Kluft (2007) und Alfred und Emily (2008) sowie das Erzählungsbändchen Die Schmuckschatulle (2007). Sie wurde mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 2013 wurde die fünfzehnbändige Werkauswahl abgeschlossen, in der u.a. Das goldene Notizbuch , Unter der Haut, Das fünfte Kind und zwei Erzählungsbände erschienen. Doris Lessing starb am 17. November 2013 in London.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.10.2009

Mit mir beginnt die Eiszeit

Wie sich die Nobelpreisträgerin Doris Lessing einmal auf fremde Planeten verirrte: In ihrem "Canopus"-Zyklus schuf sie zu Beginn der endzeitsüchtigen achtziger Jahre ein Paralleluniversum, in dem der Menschheit neue Möglichkeiten aufgezeigt werden sollten.

Es gibt Geschichten, die sind ermüdend, nicht etwa weil sie nichts zu sagen haben, sondern weil sie mit jedem Satz sagen, dass sie etwas zu sagen haben. Oft sind es Parabeln, deren Bogen so straff gespannt ist, als hätte der Autor seine Geschichte in ein Korsett gesteckt, kräftig gezurrt und die Bänder fest verschnürt, an einigen Stellen quillt etwas Aussage hervor, an manchen hält sie spürbar mühsam die Luft an.

Doris Lessing schreibt seit fast siebzig Jahren parabelhafte Werke. Das berühmteste von ihnen ist "Das goldene Notizbuch", der feministische Monumentalroman der frühen sechziger Jahre, in dem Lessing die Erfahrungen einer geschiedenen alleinerziehenden Dichterin als den Entwurf einer gebrochenen und trotzdem unängstlichen Frau aufzeichnete.

Weniger bekannt ist "Canopus im Argos: Archive", ein Zyklus von weltraummystischen Romanen, den Lessing zwischen 1979 und 1983 verfasste, einer Zeit, in der sie mit allem brach, was ihr den Ruf als Realistin eingebracht hatte, und "Space Fiction" schrieb: Geschichten aus fernen Galaxien, voller Raumschiffe, Fabelwesen und dunklerMächte mit düsteren Namen, in denen sie die wissenschaftlich-technische Detailverliebtheit der "Science Fiction" ersetzte durch ein mal märchenhaftes, mal esoterisches Ausbreiten der Empfindsamkeiten ihrer Bewohner. Roman für Roman schuf Lessing den Kosmos "Canopus", der nicht nur inhaltlich, sondern auch weltanschaulich ein Paralleluniversum sein sollte: Ihr Romanzyklus, sagte Lessing Anfang der achtziger Jahre, sei als eine Art außerweltlicher Rahmen zu verstehen, in dem sie Möglichkeiten erforsche, wie unsere Welt eine andere sein könne.

"Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8", der vierte von fünf Bänden des Zyklus, der 1982 im Original, 1985 in deutscher Übersetzung und jetzt als Teil der Werkauswahl erschienen ist, erzählt von einem Überlebenskampf. Über Jahrtausende hatten die Bewohner des Planeten ein ruhiges ländliches Leben zwischen Seen, Feldern und Yaks geführt, bis eines Tages der Schnee fiel. Dichter und dichter wurde er und legte sich eisig über die einst fruchtbare Landschaft, und als er dann die ersten Lebewesen begrub, versuchten die Bewohner verzweifelt zu verstehen, woher der Schnee kam. Außerdem standen sie vor einer weiteren, fast ebenso schwierigen Aufgabe: Es musste ein Repräsentant geschaffen werden, der das Wesen des gesamten Planeten verkörpern und für die Nachwelt bewahren konnte.

Zunächst klingt das wie eine Geschichte, die die kühne Phantastik der "Sterntagebücher" von Stanislaw Lem, die ruhige Kälte nach dem Kampf der "Sieben Samurai" im Film von Akira Kurosawa und die absurde Dramatik früher "Star Trek"-Staffeln verbindet zu einer einfachen Geschichte über Leben und Tod. Aber weil für Doris Lessing ein Schriftsteller nicht einfach nur Künstler, sondern "eine Funktion der Menschheit" ist, gibt es noch eine andere.

Zwischen Stürmen, Schnee und Eis verlieren die Bewohner die Vorstellungen von Festigkeit und Dauer. Orientierungslos machen sie sich auf zu einer Expedition über ihren untergehenden Planeten, auch wenn sie nicht verstehen, warum sie es tun. Bald ist es so kalt, dass das Eis alles Leben erstickt und sie auf den kahlen Klippen, auf die sie sich vor den Schneemassen gerettet hatten, sterben. Am Ende heißt es: "Wir sahen keine Schnee- oder Eiswüste, sondern ein endloses Sichverändern und -verschieben. Wir sahen unseren Planeten in einer Myriade von Möglichkeiten."

Welche das sind und wie sie aussehen, lässt Lessing in der Schwebe in ihrem Roman. "Alles, was wir sind, unsere Existenz, ist ein Ganzes und eine Ganzheit", sagt einer der Bewohner am Anfang. Genau dieses Beschwören einer Einheitlichkeit der Existenz wird dem Roman am Ende zum Verhängnis. Es ist, als habe Lessing beim Schreiben ein Vergrößerungsglas in der Hand gehalten - nur eben verkehrt herum: das Einzelne soll genau gesehen werden, dabei wird alles nur unscharf, eins verschwimmt ins andere, bis hin zu der Erforschung von Möglichkeiten, die doch gerade als Angelpunkt der Lessingschen Utopie-Philosophie dienen sollten, die sie im Rahmen ihrer weltraummystischen Romane entfalten wollte. "Das Bedürfnis, aus unseren üblichen Möglichkeiten auszubrechen, aus dem Käfig, in dem wir leben, der aus Gewohnheiten, Herkunft und Umständen gemacht ist, der sich als so klein, eng und tyrannisch erweist, sobald wir versuchen auszubrechen, dieses Bedürfnis ist vielleicht die stärkste Kraft, die wir besitzen", schreibt Lessing im Nachwort. Aber wie all das aussieht, das Bedürfnis, die Möglichkeiten und der Käfig, davon erzählt sie nicht. Für Lessing genügt der Hinweis, dass sie existieren. Aber genügt das auch dem Leser ihrer Literatur?

Es ist eine Leistung, einen Roman zu schreiben, der zwei Seiten hat: eine, auf der lakonisch und klar eine phantastische Erzählung steht, eine andere, auf der schemenhaft auf eine unbestimmte Einheit der Existenz verwiesen wird. Aber die Welt hat nun mal mehr Dimensionen - und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Doris Lessing nach Abschluss ihres Romanzyklus wieder dem realistischen Schreiben zugewandt hat.

MARA DELIUS

Doris Lessing: "Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8". Aus dem Englischen von Manfred Ohl und Hans Sartorius. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. 192 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit Respekt nähert sich Rezensentin Mara Delius dem vierten nun innerhalb der Werkauswahl erschienenen Teil von Doris Lessings "weltraummystischem" Romanzyklus, entstanden zwischen 1979 und 1983. Für Delius ist klar, dass wir es hier nicht mit der im Sci-Fi üblichen wissenschaftlich-technischen Detailverliebtheit zu tun haben. An ihre Stelle, so erfahren wir, setzt die Autorin Empfindsamkeit und konstruiert ein weltanschauliches Paralleluniversum. Der von Lessing "mal märchenhaft, mal esoterisch" erzählte Überlebenskampf der Bevölkerung von Planet 8 gegen die Vereisung wird für Delius allerdings zur Sackgasse. Indem Lessing einer Utopie-Philosophie folgt, der die Einheit der Existenz zugrunde liegt, wird das Geschilderte unscharf, "eins verschwimmt ins andere". Das Lessing nach Abschluss des Zyklus wieder realistisch erzählen wollte, kann Delius gut verstehen.

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