Empathische Rückschau auf eine unentdeckte Zeit und Stadt
Die „Wende“ nach der Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands ist sicher eine der eindrucksvollsten Abschnitte Deutscher Geschichte. Vieles ist in der tatsächlichen aber auch der vorgeführten Euphorie dieses Ereignisses untergegangen.
Insbesondere die Beschreibung des nicht Konsumorientierten Aufschwungs und des Alltags in der lange…mehrEmpathische Rückschau auf eine unentdeckte Zeit und Stadt
Die „Wende“ nach der Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands ist sicher eine der eindrucksvollsten Abschnitte Deutscher Geschichte. Vieles ist in der tatsächlichen aber auch der vorgeführten Euphorie dieses Ereignisses untergegangen. Insbesondere die Beschreibung des nicht Konsumorientierten Aufschwungs und des Alltags in der lange geteilten nun für alle geltenden Hauptstadt Berlin.
Der Autor lässt das Leben seiner Alterskohorte kurz nach der Wende aufwallen, belegt eigene Erlebnisse und Erfahrungen mit zahlreichen Zitaten aus Interviews und Befragungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und verschafft Einblicke in eine geradezu geheim stattgefundene Kultur in Abbruchhäusern und unansehnlichen Hinterhöfen. Das liest sich oft wie ein Abenteuerbericht eines urbanen Robinson Crusoe.
Gemischt mit Hausbesetzertum und Andersromantik aber auch historischen Einlassungen – welche allerdings bezogen auf das Buchthema bisweilen zu weit in der Vergangenheit angesiedelt sind – legt der Autor die durchaus auch politisch relevanten subkulturellen Vorgänge der Um- und Aufbruchsphase in den 90er-Jahren dar. Legendäre und oft fast mystifizierte Orte werden plastisch, das Geheimnis des Augenblicks stark, denn Dokumente sind rar, wollte „die Szene“ die Einmaligkeit der Geschehnisse offensichtlich für sich behalten.
Plastisch und vorstellbar geraten die persönlichen Einzelschicksale oder Lebensbeschreibungen, die den Lesenden eine melancholische Nähe zu den so kaputten Baulichkeiten, dem anfangs so unglaublich zerstörten Umfeld, dem vermeintlichen oder auch echten Chaos und der gleichzeitig so starken Aufbau- und Ausdrucksfreudigkeit verschaffen. Eigene Erinnerungen an Ostberlin-Besuche werden wach wie der Besuch eines namenlosen, unbekannten Ortes in einem mehrstöckigen Haus, wo in drei übereinanderliegenden Wohnungen mit schwarzverschmutzten Wänden in kleinen Räumen, gering möbliert und Kerzenbeleuchtet, unerlaubt Getränke ausgeschenkt und durch das Treppenhaus dröhnender Musik gespielt wurde, eine ganz außergewöhnliche, familiäre und doch ein wenig fremdelnde und Stimmung vorherrschte. All das war neben der Erfahrung, im Jetzt an etwas teilzunehmen, das es so doch gar nicht geben kann, durchsetzt von der Frage „Wo geht das alles hin? Wo wird das alles enden?“.
Auch wenn Musik immer ein Ausdruck Zeitgeistigen Geschehens ist und im Titel vom „Sound der Wende“ gesprochen wird, gewinnt das Buch ab der Hälfte etwa etwas Übergewicht in der Darstellung der - sicher vielfältigen und einflussreichen sowie vorherrschendes Lebensgefühl beschreibenden -Club- und Musik-Szene. Hier wäre eine stärkere gesellschaftspolitische und –kulturelle Ansicht des „Außenherum“ neben den Clubs und Veranstaltungen interessant gewesen, also was war da noch an Daseinsabläufen, derer die sich nach den Clubabenden irgendwo irgendwie durchschlagen mussten?
Das emotionale Kulturbuch ist ein die Geschichtsschreibung bereicherndes und persönliches Buch, welches nicht nur die Hauptstadt in ihrer jüngsten Entwicklung beschreibt, sondern versucht, ein Gespür für das zu bekommen, was sich neben all den faktischen Sachlichkeiten in der Seele der vormals geteilten Stadt und in oder mit den Menschen dort abspielte.
(c) 7/2013, Redaktionsbüro Geißler, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.