Dass sie, die jüngste Tochter, das zarte Kind, den Bauernhof ihrer Eltern abfackelt, ist nicht nur ein Versehen, es ist auch Notwehr. Ein Akt der Selbstbehauptung gegen die Zumutungen des Heranwachsens unter dem Regime der Eltern, einer frömmelnden, bigotten Mutter und eines Vaters mit einem fatalen Hang zu Alkohol, Pyrotechnik und Esoterik. Von den älteren Zwillingsschwestern nicht zu reden, zwei Eisprinzessinnen, die einem bösen Märchen entsprungen sind und ihr, der Infantin in Stallstiefeln, übel mitspielen, wo sie nur können. Und natürlich fehlen auch Jäger, Pfarrer und Bürgermeister nicht in dieser Heuboden- und Heimatidylle, die in den schönsten Höllenfarben gemalt ist und in der es so handfest und herzhaft zugeht wie lange nicht.Dieses Buch ist ein Fanal, ein Feuerwerk nach dem Jüngsten Gericht unter dem Watschenbaum. Es erzählt von Dingen, als gingen sie auf keine Kuhhaut. Schrill, derb, ungeschminkt, rotzfrech und hart wie das Landleben nach dem Zeltfest und vor der Morgenmesse. Eine sehr ernste Angelegenheit, ein sehr großer Spaß!
buecher-magazin.deEine Kindheit auf dem Land, die absolut nichts mit Idylle zu tun hat. Ein junges Mädchen, die Kleinste in der Familie, die vor lauter Vernachlässigung den Bauernhof in Flammen aufgehen lässt und sich in albtraumhafte Fantasiegebilde flüchtet. Und eine Familie, die sich nicht entscheiden kann, ob zwischen all dem Hass auch noch etwas Liebe übrig bleibt. In Helena Adlers Roman durchlebt die Protagonistin ein einziges Martyrium. Ihre Zwillingsschwestern verabscheuen sie bis aufs Blut und lassen ihre sadistischen Gemeinheiten jeden Tag an ihr aus, die Mutter ist abweisend und zutiefst religiös und der Vater nur ihr gegenüber liebenswürdig, ansonsten aber unzurechnungsfähig. Als auch noch ihre Urgroßeltern sterben, beginnt ein Kampf um Selbstbehauptung, bei der ihr lediglich die Wölfe zur Seite stehen. Helena Adler zeichnet eine so morbide Kindheit nach, dass das Buch eine einzige Odyssee ist. Sprachlich bewegt sie sich irgendwo zwischen Brutalismus und Skurrilität, jagt die Lesenden durch einen einzigen surrealen Albtraum, jedes Wort heftiger als das Vorangegangene, jede Seite ein Aufschrei gegen die Gewalt. Wer die abgrundtief böse Dynamik des Buches aushält, wird mit einem wahren Kunstwerk beglückt.
© BÜCHERmagazin, Ava Amira Weis
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Rezensentin Maria Frisé hat nichts zum Lachen mit Helena Adlers Familienroman. Idyllisch ist hier nichts, wenn die Autorin von ihrer Kindheit in einem Salzburgischen Bergbauerndorf erzählt, vom saufenden Vater und der schrecklichen Mutter. Wie sich Adler selbst als Infantin stilisiert, während um sie herum eine Brueghelsche Teufelsvision losbricht, findet Frisé mindestens gewöhnungsbedürftig. Provokant ja, aber nicht sehr glaubwürdig scheint der Rezensentin die Geschichte. Märchen oder doch die schreckliche Wahrheit?
© Perlentaucher Medien GmbH
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Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.11.2020Horror in den Bergen
Helena Adlers "Die Infantin trägt den Scheitel links"
Helena Adler hat mit ihrem Debütroman "Die Infantin trägt den Scheitel links" in der österreichischen Literaturszene Aufsehen erregt und ist gleich unter den Finalisten des diesjährigen Österreichischen Buchpreises gelandet. Mit Ekelwörtern und tiefschwarzen Farben hat die zuvor als bildende Künstlerin bekanntgewordene siebenunddreißigjährige Autorin ihre Herkunft aus einem Bergdorf im Salzburgischen in eine Romanwelt voller Monster, stinkendem Unrat und Verfall verwandelt. Falls es ihre Absicht war, damit Leser zu verstören, die Heimatromane und Familienidyllen mögen, so ist ihr das gelungen.
Manche Rezensenten haben allerdings sogar Humor entdecken wollen in dieser Vorhölle, der Zitate bekannter Bilder der Kunstgeschichte Glaubwürdigkeit verleihen sollen. Helena Adler, die einer Bergbauernfamilie entstammt, hat Malerei und Philosophie studiert - und Brueghel, Gauguin, Baselitz oder Bosch mit seinem "Garten der Lüste" taugen auch für teuflische Visionen.
Die Provokation geht allerdings auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Gegen dieses familiäre Schreckensnest, in dem die frömmelnde Mutter Krallen an ihren Klauen hat und einen Schnabel wie ein Hackebeil, der Vater ein Grizzlybär ist mit einer ständigen Alkoholfahne, die weiteren Verwandten, auch die tückischen Zwillingsschwestern, ohne Ausnahme boshafte Teufel sind, wird ein kleines Mädchen, das eigentlich eine Infantin, jedenfalls etwas Besonderes, Schönes, also eben am besten eine Infantin werden will, zum "Teufelsbraten". So jedenfalls wird es im Dorf genannt, und natürlich wird ihm auch zugetraut, dass es den verkommenen Familienhof abgefackelt hat.
Was ist diesem Kind geschehen, dass es nur noch Hass und Abscheu empfinden kann und bei einem ausgedachten Wolfsrudel Schutz sucht? Das Titelbild des Romans lässt nur vage Deutungen zu. Es zeigt das Foto eines kleines Mädchens im sauberen Volantkleid und mit einer Schleife im Haar. Es schaut verängstigt drein, dem Weinen nahe. Ein Auge ist mit einer schwarzen Piratenklappe verdeckt, aber die Klappe ist dem Foto nur aufgemalt, genauso wie die Eselsohren und die lange Zunge des zerzausten Kuscheltiers, das das Mädchen im Arm hält. Eine Infantin, die den Scheitel links trägt, sieht anders aus. Man müsste über dieses Titelbild kein Wort verlieren, wenn es nicht von der Autorin selbst gestaltet worden wäre und also als fester Bestandteil des Romanprojekts verstanden werden müsste.
Vom "Mausoleum ihrer Kindheit" schreibt Helena Adler ganz realistisch am Schluss. Die Mutter ist in der Nervenanstalt gelandet, der Vater im Gefängnis, die Großeltern sind gestorben, der Hof und die Kühe wurden verkauft. Ist das nun ein böses Märchen oder die tragische Wahrheit? Das bleibt offen. Auf keinen Fall ist das etwas zum Lachen.
MARIA FRISÉ
Helena Adler:
"Die Infantin trägt den Scheitel links". Roman.
Verlag Jung und Jung,
Salzburg 2020. 188 S., geb., 20,- [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Helena Adlers "Die Infantin trägt den Scheitel links"
Helena Adler hat mit ihrem Debütroman "Die Infantin trägt den Scheitel links" in der österreichischen Literaturszene Aufsehen erregt und ist gleich unter den Finalisten des diesjährigen Österreichischen Buchpreises gelandet. Mit Ekelwörtern und tiefschwarzen Farben hat die zuvor als bildende Künstlerin bekanntgewordene siebenunddreißigjährige Autorin ihre Herkunft aus einem Bergdorf im Salzburgischen in eine Romanwelt voller Monster, stinkendem Unrat und Verfall verwandelt. Falls es ihre Absicht war, damit Leser zu verstören, die Heimatromane und Familienidyllen mögen, so ist ihr das gelungen.
Manche Rezensenten haben allerdings sogar Humor entdecken wollen in dieser Vorhölle, der Zitate bekannter Bilder der Kunstgeschichte Glaubwürdigkeit verleihen sollen. Helena Adler, die einer Bergbauernfamilie entstammt, hat Malerei und Philosophie studiert - und Brueghel, Gauguin, Baselitz oder Bosch mit seinem "Garten der Lüste" taugen auch für teuflische Visionen.
Die Provokation geht allerdings auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Gegen dieses familiäre Schreckensnest, in dem die frömmelnde Mutter Krallen an ihren Klauen hat und einen Schnabel wie ein Hackebeil, der Vater ein Grizzlybär ist mit einer ständigen Alkoholfahne, die weiteren Verwandten, auch die tückischen Zwillingsschwestern, ohne Ausnahme boshafte Teufel sind, wird ein kleines Mädchen, das eigentlich eine Infantin, jedenfalls etwas Besonderes, Schönes, also eben am besten eine Infantin werden will, zum "Teufelsbraten". So jedenfalls wird es im Dorf genannt, und natürlich wird ihm auch zugetraut, dass es den verkommenen Familienhof abgefackelt hat.
Was ist diesem Kind geschehen, dass es nur noch Hass und Abscheu empfinden kann und bei einem ausgedachten Wolfsrudel Schutz sucht? Das Titelbild des Romans lässt nur vage Deutungen zu. Es zeigt das Foto eines kleines Mädchens im sauberen Volantkleid und mit einer Schleife im Haar. Es schaut verängstigt drein, dem Weinen nahe. Ein Auge ist mit einer schwarzen Piratenklappe verdeckt, aber die Klappe ist dem Foto nur aufgemalt, genauso wie die Eselsohren und die lange Zunge des zerzausten Kuscheltiers, das das Mädchen im Arm hält. Eine Infantin, die den Scheitel links trägt, sieht anders aus. Man müsste über dieses Titelbild kein Wort verlieren, wenn es nicht von der Autorin selbst gestaltet worden wäre und also als fester Bestandteil des Romanprojekts verstanden werden müsste.
Vom "Mausoleum ihrer Kindheit" schreibt Helena Adler ganz realistisch am Schluss. Die Mutter ist in der Nervenanstalt gelandet, der Vater im Gefängnis, die Großeltern sind gestorben, der Hof und die Kühe wurden verkauft. Ist das nun ein böses Märchen oder die tragische Wahrheit? Das bleibt offen. Auf keinen Fall ist das etwas zum Lachen.
MARIA FRISÉ
Helena Adler:
"Die Infantin trägt den Scheitel links". Roman.
Verlag Jung und Jung,
Salzburg 2020. 188 S., geb., 20,- [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
"Ein fantastisches literarisches Werk, dessen sprachliche Kraft seinesgleichen sucht [...] Es vermag uns in Abgründe zu stürzen, um uns kraft der Imagination wieder aus den Untiefen nach oben ans Licht zu retten. Björn Hayer, Die Presse SpectrumEin durchgeknallter, aber klischeefreier Heimatroman, rasant erzählt.Andrea Braunsteiner, WOMANDie Salzburgerin Helena Adler inzeniert mit Spott, Fantasie, Witz.Peter Pisa, Kurier... erzählt wie im Rausch, einem visuell, akustisch und olfaktorisch überbordenden Videoclip der 80er-Jahre gleich [...] Ein Roman, der in seiner schmalen Form und seinem handlichen, schön edierten Format einen bildgewaltigen Kosmos öffnet und den Entdeckergeist des genauen Schauens, Lesens und Wiederlesens fordert. Einfach fantastisch. Katrin Rüger, Buchpalast MünchenManche Bücher, sie sind selten genug, sollten den Hinweis "Bitte fest anschnallen" auf dem Cover tragen. Helena Adlers Debütroman "Die Infantin trägt den Scheitel links" zählt dazu. Denn all dem sprachlichen Furor, mit dem die Salzburger Autorin und Malerin ihre junge, rebellische Protagonistin durch die bäuerliche Scheinidylle schickt, begegnet man in dieser Intensität nur alle paar Jahre, bestenfalls. Es ist, im besten Sinn, ein umwerfendes Werk. Wut, Rebellion, Trauer, schräge Familiengeschichten, gekoppelt mit emotionsreichen Episoden über das falsche Leben in muffiger Enge - all das bereichert das Genre der Anti-Heimatromane durch viele schräge, groteske und eindringliche Spielarten. [...] Ein Triumph der Sprachmagie.Werner Krause, Kleine ZeitungZu sagen, dass Helene Adler ein Händchen für's Schreiben hat, wäre untertrieben. Thomas Bernhard hätte geweint vor Freude und Neid. Adler grantelt nicht, sie zaubert wie die schwarze Fee, und unter dem Schroffen erblicken wir zarte Porträts duldender Menschen und eine Liebeserklärung an die Eltern. Schmeißt den Pferdemädchenmist, die Hanni-und-Nanni-Bücher weg, so schreibt man heute über Adoleszenzen! Ponyhof adé!Mario Pschera, Neues DeutschlandHelena Adler erzählt [...] mit beeindruckend bildhafter [...] Sprache.Alica Ouschan, fm4Noch nie zuvor habe ich ein Buch gelesen, welches es schafft, in nur knapp 130 Seiten das idyllische Bild vom Leben auf dem Land und in einer Großfamilie so grundlegend zu demontieren. Helena Adler, die selbst aus ganz ähnlichen, ländlichen Verhältnissen stammt, lässt buchstäblich keinen Stein auf dem anderen. Mit einer schnellen, oft witzig sarkastischen Sprache zerstört sie die Idylle und amüsiert ihre Leser. Großartig!Sabine Abel, BR FernsehenDas Debüt einer jungen Salzburgerin strotzt vor Wut und Witz und Intelligenz. [...] Ein literarisches Spiel zwischen Heimatidylle und Höllenfahrt [...]. Grandios!Beate Scherzer, Buchhandlung Proust - Wörter und TöneMit ihrem Debüt "Die Infantin trägt den Scheitel links" ist Helena Adler ein sprachlich origineller Provinzroman geglückt. [...] Da steckt neben viel Tragik auch einiges an Witz drinnen, und immer wieder bleibt das Lachen im Hals stecken. [...] Die Coming-of-Age-Story, die in den späten 1980er-Jahren einsetzt, ist in ihrer Bildhaftigkeit wunderbar zu lesen.Sebastian Gilli, FalterEin schillernder Text, der unverfroren und mit viel satirischem Witz vom Erwachsenwerden erzählt, vom gar nicht friedlichen Leben auf dem Land und von der Rebellion eines Mädchens gegen Konventionen und gesellschaftliche Zwänge. Irene Binal, Ö1 Ex libris"