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In ihrer großen Geschichte des Kapitalismus erzählt Joyce Appleby die Geschichte unseres Wirtschaftssystems: von den großen Entdeckungen der Portugiesen, vom Sklavenhandel über die industrielle Revolution bis zur Globalisierung der Gegenwart, und beschreibt schließlich unsere ökonomische und auch kulturelle Identität, die so sehr vom Kapitalismus geprägt ist. Messerscharf seziert sie die guten und die schlechten Seiten des Kapitalismus und beschreibt, was der Kapitalismus mit den Menschen macht. Eine mitreißende Lektüre für alle, die von der "unbarmherzigen Revolution" profitieren oder an ihr verzweifeln.…mehr

Produktbeschreibung
In ihrer großen Geschichte des Kapitalismus erzählt Joyce Appleby die Geschichte unseres Wirtschaftssystems: von den großen Entdeckungen der Portugiesen, vom Sklavenhandel über die industrielle Revolution bis zur Globalisierung der Gegenwart, und beschreibt schließlich unsere ökonomische und auch kulturelle Identität, die so sehr vom Kapitalismus geprägt ist. Messerscharf seziert sie die guten und die schlechten Seiten des Kapitalismus und beschreibt, was der Kapitalismus mit den Menschen macht. Eine mitreißende Lektüre für alle, die von der "unbarmherzigen Revolution" profitieren oder an ihr verzweifeln.
Autorenporträt
JOYCE APPLEBY, geboren 1929, lehrte viele Jahre an der University of California, Los Angeles und war Präsidentin der American Historical Association. 2009 erhielt sie den Arthur M. Schlesinger Jr. Award für ihre Werke. Zu ihren Büchern gehören `Capitalism and A New Social Order´ (1984) und `A Restless Past. History and the American Public´ (2007).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.06.2011

Kapitalismus als Zufall
Joyce Appleby hat eine Geschichte des Wandels verfasst

Zum Stichwort "Kapitalismus" finden sich allein bei www.google.de zwei Millionen Einträge, in der Hamburger Universitätsbibliothek 6000 Titel. Die amerikanische Historikerin Joyce Appleby, vormals Professorin an der University of California in Los Angeles und Präsidentin der American Association of History, hat einen weiteren Rundumschlag gewagt. Ihre etwas langatmige Geschichte des Kapitalismus gibt es nun in deutscher Sprache. Erläutert werden darin in munterem, anekdotenreichem Erzählton, gleichwohl mit enzyklopädischem Fleiß, die wichtigsten Kräfte, Protagonisten und Schauplätze der bislang erfolgreichsten aller Wirtschaftsformen.

Applebys These lautet: Der Kapitalismus ist kein naturgegebenes System, auch keine zwangsläufige historische Entwicklung, sondern ein geschichtliches Zufallsprodukt - "eine Aufsehen erregende Abweichung von Normen, die 4000 Jahre geherrscht hatten." Die gängige marxistische und liberale Interpretation des Kapitalismus als Folge aller vorhergehenden gesellschaftlichen Entwicklung habe sie schon immer irritiert, schreibt Appleby und warnt: "Wir sollten unbedingt der Versuchung widerstehen, den Kapitalismus als unausweichliches historisches Phänomen zu betrachten. Denn das war er nicht." Auch ein einheitliches System aus fein säuberlich abgestimmten Elementen sei er nie gewesen, sondern immer "eine Ansammlung von Vorgehensweisen und Institutionen, die den Menschen ermöglichten, wirtschaftlichen Interessen nachzugehen."

Das klingt nicht sonderlich spezifisch. Ebenfalls nicht, wenn Appleby Kapitalismus definiert als "kulturelles System auf der Basis von wirtschaftlichen Handlungsweisen, in deren Mittelpunkt das imperative Gewinnstreben privater Investoren steht." Sachgerechter scheint die Aussage, das Motiv der Gewinnerzielung ziehe üblicherweise Produktivitätssteigerung durch Arbeitsteilung, Spezialisierung, die Ausweitung der Märkte und vor allem durch Innovationen nach sich. Alle diese Bedingungen seien im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert auf einzigartige Weise in England zusammengekommen und hätten das Inselreich zur ersten kapitalistischen Gesellschaft gemacht. Ausschlaggebend seien zunächst die landwirtschaftlichen Verbesserungen gewesen. Arbeitskräfte und Finanzmittel hätten erst in die Industrie abwandern können, als die Bauern durch neue Verfahren genügend Erträge erwirtschafteten, um die große Masse derer zu ernähren, die nicht in der Landwirtschaft arbeiteten.

Die fortschrittliche Agrikultur in England sei der Angelpunkt von Neuerungen der Frühmoderne gewesen: "An die Stelle einer Lebensweise, die bestimmt wurde durch Tradition, Brauchtum und ererbten Stand, trat die Produktion für Märkte mit all den Anpassungen, die das erforderte. Der unaufhaltsame Entwicklungsprozess ließ eine Klasse von Menschen entstehen, die sich nicht länger auf ihre adlige Herkunft berief, sondern sich mühte, aus kleinen Anfängen Geld zu verdienen."

Als der Kapitalismus in England zum Erfolgsmodell wurde, hätten nacheinander die Vereinigten Staaten, Frankreich, Deutschland und andere europäische Länder mehr oder weniger glücklich die Methode kopiert, soweit es eigene kulturelle Vorgaben erlaubten. Aber "der französische Kapitalismus entsprach nicht exakt dem englischen Original, genauso wenig wie der deutsche Kapitalismus eine getreue Nachbildung des französischen war." Auf der Strecke blieben zunächst Länder wie die Niederlande, Spanien und Portugal. Für die Autorin dient dies als Beweis, dass die Ausweitung von Seefahrt und Handel in der Neuzeit keineswegs zwangsläufig den Kapitalismus ermöglichten.

Das Buch endet mit der aktuellen Entwicklung in den asiatischen Tigerstaaten, China und Indien. "Die Dynamik der Volkswirtschaften China und Indien hat fest verwurzelte wachstumstheoretische Annahmen des Westens gründlich widerlegt", schreibt sie. Vor allem das totalitäre China habe durch die behutsam gesteuerte Einführung privaten Kapitals, individueller Entscheidungsfreiheit und marktbestimmter Preise die Annahmen über den Zusammenhang zwischen Demokratie und freiem Unternehmertum unterhöhlt. Dabei wurde nicht nur der Schwerpunkt des internationalen Handels in den Osten verlegt, "sondern auch die chamäleonartige Fähigkeit des Kapitalismus demonstriert, sich fremden, jenseits seiner Mutterländer herrschenden Umständen anzupassen."

Der Aufstieg Chinas und Indiens werde das Wesen des westlichen Kapitalismus nachhaltig verändern, prognostiziert Joyce Appleby. Für sie kaum überraschend: "Die womöglich großartigste Eigenschaft des Kapitalismus ist seine unauflösliche Verbindung mit dem Wandel - mit der unablässigen Störung zuvor stabiler materieller und kultureller Verfasstheit. Der Kapitalismus förderte nicht nur den Wandel, sondern lieferte auch den Nachweis, dass sich die universelle menschliche Sehnsucht nach Verbesserungen einlösen lässt."

Bei aller Kritik an der Verschwendungssucht und Habgier der kapitalistischen Gesellschaft und Auswüchsen wie der jüngsten Finanzkrise bleibt Appleby optimistisch, dass der Kapitalismus auch dem Westen weiterhin Wohlstand beschert. Vorausgesetzt, es gelingt, "ihm Schranken zu setzen, so dass er die Gans am Leben lässt, die uns die goldenen Eier von Entwicklung und Fortschritt legt."

ULLA FÖLSING.

Joyce Appleby: Die unbarmherzige Revolution.

Murmann Verlag, Hamburg 2011, 686 Seiten, 35 Euro

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