Beitrag im Auftrag von Dennis@Literatunten:
Das Leiden anderer beschreiben
Um meiner Begeisterung freien Lauf zu lassen, sage ich es gleich: Carvalho ist ein großartiges Buch gelungen, dem ich viele Leser wünsche. "Dreihundert Brücken" – das ist eine starke Geschichte, ganz stark erzählt!
Der
Autor nimmt uns darin mit in jenen Teil Europas, der ehemals der Sowjetunion angehörte. Kurz nach…mehrBeitrag im Auftrag von Dennis@Literatunten:
Das Leiden anderer beschreiben
Um meiner Begeisterung freien Lauf zu lassen, sage ich es gleich: Carvalho ist ein großartiges Buch gelungen, dem ich viele Leser wünsche. "Dreihundert Brücken" – das ist eine starke Geschichte, ganz stark erzählt!
Der Autor nimmt uns darin mit in jenen Teil Europas, der ehemals der Sowjetunion angehörte. Kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends tobt erneut der Krieg im Kaukasus. Vor dem Hintergrund eines alten Nationalitätenkonflikts erzählt Carvalho vom Ausgeliefertsein an politische Verhältnisse und den Wirren daraus resultierender Biographien. Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Ruslan und Andrej – Tschetschene der eine, Russe der andere. Ihre Lebenswege kreuzen sich in St. Petersburg. Hier finden und verlieren sie sich. Denn in ihrer Welt, die der Logik des Hasses folgt, hat die Liebe keine Chance. Erst recht nicht die zwischen zwei jungen Männern. Selbst dreihundert Brücken führen nicht in ein besseres und gemeinsames Leben, überwinden nicht die Abgründe zwischen den Menschen. Die Ereignisse überschlagen sich und enden für beide im ausweglosen Unglück.
Mit ihrem Schicksal erzählt Carvalho zugleich eine jener Geschichten, die im Osten Europas üblicherweise nicht erzählt werden – oder nicht erzählt werden dürfen. Denn Macht bestand schon immer auch darin, festlegen zu können, worüber gesprochen wird. Die gegenwärtigen Entwicklungen in Russland erinnern uns daran, dass es auch heute wichtig ist, diese Geschichten zu erzählen. Mit einem Buch wie diesem kommen sie in die Welt.
Der Roman gleicht einem Puzzlespiel: Anfangs erkennt man nur einzelne Teile, später entdeckt man Zusammenhänge, am Ende ergibt sich aus allem ein Bild. Carvalho erzählt nicht linear, sondern in einem fortwährenden Wechsel der Figuren, Zeiten, Orte und Geschehnisse. So erreicht er nicht nur ein hohes Maß an Spannung, sondern vor allem ein Höchstmaß an Dichte. Es ist erstaunlich, wie viel wir auf eher wenigen Seiten über dieses Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, über die Sehnsüchte und Nöte seiner Menschen erfahren.
Vieles davon erzählt Carvalho wie nebenbei. Zahlreiche Episoden, in denen sich Bedeutsames verbirgt und aus denen sich die existenzielle Tiefe des Romans speist, liegen eher abseits der eigentlichen Handlung. So erfahren wir zum Beispiel gleich zu Beginn des Buches von der Dichterin Achmatowa: "In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jechow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen vor den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Irgendwie erkannte mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage: 'Können Sie das beschreiben?' Und ich antwortete: 'Ja, ich kann es.' Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war."
Was hier in beiläufiger Weise berichtet wird, ist der unscheinbare Auftakt zu einem Thema, das den gesamten Roman durchzieht: Die Idee des Schreibens als einer Möglichkeit des Sich-zur-Wehr-Setzens, als einem Mittel gegen das Erstarren und Überwältigt-Werden. Denn überwältigend sind die Ereignisse in der Welt, die uns hier gezeigt wird. Aber es ist auch die Frage: Wie weit reicht diese Kraft der Sprache, wie weit reicht die Macht der Literatur? Carvalho weiß um das Bedrängende aller Realität und um die Aufgabe, ihrer Unüberschaubarkeit nicht auszuweichen, sondern zu verstehen. Schreiben kann dabei helfen. Lesen kann es auch. Dass aber beides bei Carvalho nicht als ausgemacht gilt, trägt zur nachhaltigen Wirkung seines Buches bei.
Richten wir jene Frage, die der Dichterin Achmatowa gestellt wurde, an Carvalho und fragen, ob er das Leben und Lieben und Leiden der Menschen mit seinen "Dreihundert Brücken" beschreiben kann, so muss die Antwort lauten: "Ja, er kann es" – und wie er es kann! (Und über das Gesicht des Rezensenten huscht ein dankbares Lächeln.)