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Christian Schwarz sagt von sich gelegentlich: "Ich bin nur ein Menschenfotograf." Er, der sein eigenes Leben in möglichst grosser Freiheit gestaltet, begegnet täglich Menschen, deren Leben und deren Geschichten ihn interessieren und die er ohne Voreingenommenheit aufnimmt. Von der Stadt Zürich wurde er ausgezeichnet für ein Bildtagebuch, ein Werk ohne Thema ausser jenem, was Leute um ihn herum Tag für Tag tun und treiben: "Ich habe die Menschen gern, auch wenn sie das grösste Übel auf diesem Planeten sind", sagt er auch. Vor Jahren wagte er es also: er geht das Thema Zeit an. "Du liebe Zeit"…mehr

Produktbeschreibung
Christian Schwarz sagt von sich gelegentlich: "Ich bin nur ein Menschenfotograf." Er, der sein eigenes Leben in möglichst grosser Freiheit gestaltet, begegnet täglich Menschen, deren Leben und deren Geschichten ihn interessieren und die er ohne Voreingenommenheit aufnimmt. Von der Stadt Zürich wurde er ausgezeichnet für ein Bildtagebuch, ein Werk ohne Thema ausser jenem, was Leute um ihn herum Tag für Tag tun und treiben: "Ich habe die Menschen gern, auch wenn sie das grösste Übel auf diesem Planeten sind", sagt er auch.
Vor Jahren wagte er es also: er geht das Thema Zeit an. "Du liebe Zeit" nennt er dieses Buch. Anfangs war noch kein Verleger da, kein Geldgeber und kein Publikum. Schwarz nahm sich also Zeit, jahrelang. Er hat Menschen für ihre Mitwirkung angefragt quer durchs soziale Gefüge, vom Eisenleger über die kaufmännische Angestellte zum Künstler, hat sie besucht, hat sie überzeugen können. Menschen nach 50 und weit darüber hinaus; die älteste Porträtierte ist heute, da dieses Vorwort geschrieben wird, 102-jährig. Sie lebt noch, andere sind gestorben. Ein, zwei Menschen haben abgesagt. Ein prominenter Politiker mit der Formulierung, er habe "kalte Füsse" bekommen - bei diesem Thema kein Wunder.
Jene, die zusagten, zeigten sich dem Fotografen mit ihrem kükenhaften Jugend-Ich in den Händen. Mit einem Foto aus jener Zeit, da sie um die zwanzig waren, in einem Alter, wo viele das Gefühl hatten, die Welt sei für sie da; sie würden sie erobern oder verändern oder mindestens auskosten bis zum letzten. Sie haben ihr Porträtbild aus der Schwarzweisszeit mitgebracht in die farbige Welt von heute. Der Fotograf hält sie fest in einer Pose zwischen gelebtem Alltag und Erstarrung.
Für einen Moment sind die Porträtierten herausgetreten aus dem üblichen Tun, halten inne und präsentieren sich dem Fotografen, der mit seiner Kamera eine Frage stellt, sie wissen es. Lächelnd geben die einen ihre unausgesprochene Antwort, in Gedanken verloren andere, einige mit abgeklärter Heiterkeit, andere mit einem Anflug von Melancholie, so scheint es. Dem Betrachtenden scheint auch, dass ihnen bewusst ist, wie schnell es geht. Vorgestern war doch erst.
Und wie sie ihre Bilder halten! Man sieht, dass Hände sprechen können wie der ganze Körper. Wir schauen auf die Gesichter, und wir vergleichen. Wir sehen, dass sich manche kaum verändert haben in den Jahrzehnten, andere müssen sich im Blick ihrer Jugendfreunde zur Unkenntlichkeit verwandelt haben. Wir schauen in die Augen und suchen zu verstehen, was im Innern dieser Menschen vorgeht. Es bleibt uns überlassen. Wir schauen auf das Bild in ihren Händen Der Fotograf kommentiert nicht. Wir schauen auf die Umgebung, eine Küche, eine Stube, einen Ort, wo sie zu Hause sind, und wir meinen zu erahnen, wie sie die Zeit erleben. Jedenfalls, wie sie sie verbringen. Je mehr die fotografische Arbeit voranschritt, um so mehr hat Schwarz auch die Umgebung einbezogen.
Es geht in diesem Werk um nicht weniger als das existentielle grosse Ganze. Zugänglich gemacht durch individuelle Menschen. Und wir sind zurückgeworfen auf uns selber: Was machen wir mit unserer Zeit? Wie würden wir selber dastehen?
Und dann kam dem Fotografen noch die Idee, zu fragen, was die Porträtierten tatsächlich denken. So bat er jedes einzelne Gegenüber um einen persönlichen Gedanken zum Thema Zeit. Das Ergebnis setzte er als Statement unters Foto. Einige, die gern schreiben, sollten zudem einen kleinen Essay, ein Gedicht, eine Kurzgeschichte verfassen, ihre Texte sind ins Buch eingestreut.
Zeit und Zeitlichkeit. Was Schwarz wählte, ist dem barocken Motiv der Vanitas verwandt. Aber er geht es mit zeitgenössischer Nüchternheit an.