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Osman weiß genau, was er werden will: Herr des "Blauen Zimmers", Ministerialdirektor. Doch sein Vater ist Kutscher, das Viertel, aus dem er stammt, nicht besonders fein, also fängt Osman seine Karriere im Archivkeller des Ministeriums mit Besoldungsklasse acht an. Für den Aufstieg müssen Opfer gebracht werden; Freundschaften, Herzensangelegenheiten behindern nur den Weg in luftige Verwaltungshöhen. Und wer hat schon Zeit für Politik und soziales Engagement? Mit Osman hat der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus den Prototyp eines universalen Bürokraten geschaffen.

Produktbeschreibung
Osman weiß genau, was er werden will: Herr des "Blauen Zimmers", Ministerialdirektor. Doch sein Vater ist Kutscher, das Viertel, aus dem er stammt, nicht besonders fein, also fängt Osman seine Karriere im Archivkeller des Ministeriums mit Besoldungsklasse acht an. Für den Aufstieg müssen Opfer gebracht werden; Freundschaften, Herzensangelegenheiten behindern nur den Weg in luftige Verwaltungshöhen. Und wer hat schon Zeit für Politik und soziales Engagement? Mit Osman hat der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus den Prototyp eines universalen Bürokraten geschaffen.
Autorenporträt
Nagib Machfus, geb. am 11.12.1911 als Sohn einer Kleinbürgerfamilie in Kairo, entschied sich schon bald nach dem Studium für das Schreiben. Er hat alle Elemente der volkstümlichen Erzählkunst in seine Werke aufgenommen und ist der eigentliche 'Vater des ägyptischen Romans'. Sein Lebenswerk, das an die vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen umfasst, gehört längst zur Weltliteratur. 1988 wurde ihm als einem der bedeutendsten arabischen Autoren der Gegenwart der Nobelpreis für Literatur verliehen. Er starb 2006.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.01.1997

Bittere Bürokraten
Nagib Machfus geht ins Büro · Von Karl Markus Gauß

1971 geht der ägyptische Erzähler Nagib Machfus nach über dreißigjähriger Beamtentätigkeit in Pension. Hinter ihm liegen das Ministerium für religiöse Stiftungen, der zermürbende Kampf gegen eine träge Bürokratie, die heikle Arbeit als Berater des Ministers für kulturelle Angelegenheiten. Vor ihm liegen die überraschende Ehre des Nobelpreises von 1988 und erzählende Werke, die er jetzt, von materiellem Druck und dienstlicher Pflicht befreit, in großer Anzahl schreibt. Eines von ihnen trägt den Titel "Ehrenwerter Herr", im ägyptischen Original erstmals 1975 erschienen und in der arabischen Welt heute bereits zu einer Legende geworden.

"Ehrenwerter Herr" ist ein schlanker Bürokratenroman, dessen unerbittliche Satire immer dicht am Tragischen entlangführt. Der fragwürdige Held wird uns zuerst in seiner Verächtlichkeit, dann in seiner Verletzlichkeit gezeigt, und Machfus bringt das Kunststück zuwege, daß wir über diesen engen, verbohrten Charakter lachen und doch zugleich hoffen, er werde, was er erträumt, eines Tages erreichen können. Das Leben des Bürokraten, wie es Machfus auf grimmige Weise ausbreitet, ist ungelebtes, verpfuschtes Leben, an die falschen Ideale vergeudet, einem Gott gewidmet, der keiner ist - dem "Gott, der hinter dem prächtigen Schreibtisch thront".

Der da thront, ist der Ministerialdirektor, und der diesem Gott gleichen möchte, ist der junge Osman Bajumi, Sohn armer Leute, aus einem Volksviertel des alten Kairo stammend. Vom ersten Tag an, da der Absolvent eines Gymnasiums als Beamter der achten Dienstklasse in das Ministerium eintritt, kennt er nur mehr einen Daseinszweck: den unendlich langen Dienstweg einschlagen, über die siebte und die sechste sich langsam der dritten und zweiten Beamtenstufe nähern und irgendwann selber Gott sein, der im kalten Herzen des Amtes, im Prunkzimmer des Ministeriums, seiner rätselhaften, dem Irdischen entrückten Arbeit nachgeht.

Diesem Wahn weiht Osman all seine Kräfte, opfert er seine besten Ideale. Nagib Machfus zeigt mit Ironie und Ingrimm, wie hier einer sein Leben einem Ziele widmet, das ihn, je näher er ihm kommt, immer weiter von sich selber abbringt. Denn die bürokratische Obsession, diese zwanghafte Neigung, in Dienstklassen zu denken und erotische Energie in wohlformulierte Eingaben abzuführen, kennt keine Befriedigung. Sie nötigt den, der ihr verfallen ist, zu immer neuen Exzessen, die sich in Denkschriften und Memoranden manifestieren.

Die Lust, die in solchen Exerzitien wächst, ist naturgemäß eine menschenferne, und so kann es geschehen, daß Osman Bajumi auf seinem langsam, unerträglich verzögerten Aufstieg jäh von der Sehnsucht nach dem Leben, nach dem alltäglichen, einfachen Leben, wie es sich außerhalb des Amtes entfaltet, gepackt wird: "Oh, es verlangte ihn nach menschlicher Wärme, nach Frau und Familie. Er ertrug es nicht länger, einsam und allein zu verbrennen. Nach nichts stand ihm der Sinn, als auf dieser Erde, vollgestopft mit Millionen, einen einzigen Gefährten zu finden." Wenn die Sehnsucht so aufbrandet, dann muß der ehrenwerte Herr rasch zu seiner Prostituierten gehen, in das verbotene Viertel, einzig sie weiß ihn wieder tauglich zu machen für den unbelohnten Dienst an der reinen Idee des Staates.

Am Ende muß sich der sterbende Bürokrat mit der Erkenntnis aus dem Amt verabschieden, daß nichts von ihm bleiben wird: "Was ihm tief in die Seele schnitt, war der Gedanke, daß auch ohne ihn alles wie gewohnt weitergehen würde - Einstellungen, Beförderungen, Pensionierungen, Heirat, Scheidung, politische Kämpfe und hitzige Losungen, Tag und Nacht." Ägypten, muß hinzugefügt werden, ist immerhin das Mutterland der Bürokratie gewesen, wurde ein ausgeklügelter Verwaltungsapparat doch historisch zum ersten Mal von den Pharaonen ersonnen, eingesetzt und benutzt. Es braucht also nicht zu wundern, daß dieser ägyptische Roman, der sich eng an die Biographie eines einzigen, verstiegenen Beamten lehnt, zugleich wie für alle Zeiten und alle Bürokratien der Welt geschrieben scheint.

Was Machfus' Roman für europäische Leser so anregend macht, ist freilich nicht nur, daß unter exotischem Gewande und vor ägyptischer Kulisse ein Sozialcharakter auftritt, den es auch anderswo gibt und der, von fremdem Lichte ausgeleuchtet, zugleich vertraut und erschreckend anmutet. Nein, der Reiz dieses Romans besteht für europäische Leser nicht so sehr darin, daß sie vieles wiedererkennen mögen, sondern daß sie manches staunend noch gar nicht kannten. So erstellte sich Osman bald nach seinem Eintritt ins Ministerium einen Tugendkatalog, der seinen Aufstieg beschleunigen soll. Wie kann man Vorgesetzte für sich einnehmen, was ist unabdingbar für einen kleinen Mann, der dereinst zu den Ehrenwerten und Mächtigen gehören möchte? Natürlich die Fähigkeit, Gedichte zu schreiben und in großer Zahl zu rezitieren! "Er sagte sich, daß Lyrik schon immer, früher wie heute, das beste Mittel war, um die Großen auf sich aufmerksam zu machen . . ." Und so übt Osman mit eisernem Fleiß die klassischen Versformen, und bei manchem Anlaß weiß er die Vorgesetzten, die allesamt selber Gedichte schreiben und bei familiären wie dienstlichen Feiern zum besten geben, zu beeindrucken: einem Mann, der dichtet, wird man die Protektion auf Dauer nicht verweigern können!

32 Jahre braucht Osman, bis er dort angelangt ist, wohin es ihn so mächtig drängte. Er blickt zurück - auf die Frauen, die er nicht geheiratet, die Kinder, die er nicht gezeugt hat; auf die Demonstrationen und Straßenkämpfe, denen er fernblieb, auf die politischen Debatten, die ihn nicht interessierten, auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die ohne ihn herbeigeführt wurden; auf sein Leben, aus dem er sich selber tunlichst rauszuhalten suchte. Die Bilanz, die der Bürokrat in der Amtssache Osman Bajumi zieht, ist vernichtend.

Nagib Machfus: "Ehrenwerter Herr". Roman. Aus dem Arabischen übersetzt von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 1996. 200 S., geb., 32,- DM.

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