In der Reihe »Klassiker in neuer Rechtschreibung« gibt Klara Neuhaus-Richter die wichtigsten Bücher der Weltliteratur in der empfohlenen Schreibweise nach Duden heraus. Guy de Maupassant: Ein Leben oder Die schlichte Wahrheit »... nicht nur fraglos Maupassants bester Roman, sondern fast der beste französische Roman seit Hugos ¿Les Miserables¿.« Lew N. Tolstoi Erstdruck: 1883 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift »Gil Blas« unter dem Titel »Une vie ou L¿Humble Vérité«. Im selben Jahr in Buchform erschienen als »L¿Humble Vérité«. Deutsche Erstausgabe: »Ein Leben«, Frankfurt an der Oder, Verlagshaus Hugo Andres und Co., 1894. Hier in der Übersetzung von Georg von Ompteda, erstmalig erschienen unter dem Titel »Ein Menschenleben«. Neu herausgegeben von Klara Neuhaus-Richter, Berlin 2021. Umschlaggestaltung von Rainer Richter unter Verwendung einer Porträtzeichnung von Josefine Weinschrott. Gesetzt aus der Minion Pro, 11 pt. Henricus - Edition Deutsche Klassik GmbH Über den Autor: 1850 in der Normandie als Sohn eines Neuadeligen geboren, wird Henry René Albert Guy de Maupassant 17-jährig wegen eines unflätigen Gedichts des katholischen Seminars von Yvetot verwiesen, er wechselt nach Rouen und lernt seinen väterlichen Freund Gustave Flaubert kennen. Nach kurzem Studium der Rechtswissenschaft in Paris tritt er eine Anstellung im Bildungsministerium an, die ihn langweilt. Durch Flaubert erhält er Zugang zu Literatenkreisen, er bewundert die Naturalisten um Émile Zola. 1880 gelingt ihm mit der psychologischen Novelle »Boule de suif« (dt.: »Fettklößchen«) der Durchbruch. Er kündigt seine Anstellung und in rascher Folge und mit wachsendem Erfolg schreibt er rund 300 Erzählungen, die meist in der heimatlichen Normandie und in Paris spielen. Der an Syphilis Erkrankte leidet auch aufgrund seines starken Drogenkonsums unter schweren Gesundheitsproblemen. 1892 überlebt er einen Selbstmordversuch und wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo er nach anderthalb Jahren in geistiger Umnachtung am 6. Juli 1893 stirbt. Guy de Maupassant gilt heute neben Gustave Flaubert und Émile Zola als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.08.2015Der Totenschein des bürgerlichen Zeitalters
Im Vergleich dazu ist "Madame Bovary" eine freundliche Komödie: Guy de Maupassants erster Roman "Ein Leben" besticht in neuer Übersetzung.
Guy de Maupassant legte großen Wert darauf, dass unter dem lakonischen Titel seines ersten Romans "Ein Leben" die Unterzeile stand: "Die schlichte Wahrheit". Wenn aber das, was dieser Roman erzählt, nur eine schlichte Wahrheit wäre, wie sähe dann eine komplexe aus?
"Ein Leben" ist der Totenschein, den der dreiunddreißigjährige Schüler und Freund Flauberts dem bürgerlichen Zeitalter ausstellt: Alle müssen daran glauben, Adel und Volk und sogar die Tiere. Man stirbt im Kindbett, an den eigenen Illusionen oder durch Eifersucht. "Im Vergleich zu ,Ein Leben'", sagt der englische Romancier Julian Barnes, "ist ,Madame Bovary' fast eine freundliche Komödie." Das, was der Naturalismus später die "Lebenslüge" nannte, ist hier der Grundstoff, von dem sich alle ernähren, die Krankheit zum Tode. Nicht einmal hundert Jahre nach der Revolution ist für Maupassant der Karren an die Wand gefahren und zerschellt - das ist die schlichte Wahrheit.
Maupassants Emma Bovary heißt Jeanne und ist die Tochter des Barons Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds, eines gutmütigen Kauzes und naiven Anhängers Rousseaus, dessen "große Stärke und große Schwäche" die Güte war, "eine Güte, die nicht genügend Arme hatte zum Liebkosen, Schenken, An-sich-Drücken", und seiner aus dem Leim gegangenen, kurzatmigen Gemahlin Adelaide, auf die der Autor viele herabsetzende Worte verschwendet: "Ihr von sechs gleichmäßig herabbaumelnden Lockenspiralen umrahmtes Gesicht erschlaffte nach und nach, weich gehalten von den drei großen Wellen ihres Halses, deren letztes Wogen sich in der Hochsee ihrer Brust verlor." Man sieht, die Baronin hat keine Chance. Die Familie lebt vom Verkauf ihrer Pachthöfe, die nach und nach abgestoßen werden, um ,ein Leben' zu bezahlen, und am Ende muss die alte Jeanne in einem Häuschen an der Straße wohnen, allein und verbittert und lebensmüde.
Dabei fingen der Roman und ihr erwachsenes Leben so vielversprechend an! Jeanne verlässt die Klosterschule, um auf dem Anwesen der Eltern, Les Peuples in der Normandie, das ihr einmal gehören sollte, von der Liebe zu träumen. "Jetzt war sie frei zu lieben; sie musste ihm nur noch begegnen, ihm!"
Er ist dann auch bald zur Stelle, heißt Julien Vicomte de Lamare, kennt sich aus im Labyrinth der Ahnentafeln und ist insgesamt ein passabler Bursche, der im Nu das Herz von Eltern und Tochter gewinnt. "Der erhoffte Mann, in ein paar Wochen gefunden, geliebt und geheiratet, wie man in solch überstürzt gefassten Entschlüssen heiratet, hatte sie in seinen Armen entführt, ohne ihr Zeit zum Nachdenken zu lassen." Kaum ist die Ehe vollzogen (die Hochzeitsnacht ist eine Katastrophe!), zeigt dieser Ehrenmann sein wahres Gesicht. Er ist ein Knauser und Spießer, und weil er selbst nichts hat, reißt er das fremde Eigentum sofort an sich. Er hat ein Verhältnis mit einer Adligen von nebenan und mit der treuen Dienstmagd, die noch vor Jeanne einen Buben zur Welt bringt, was der Pfarrer mit den Worten rechtfertigt: "So sind alle hier in der Gegend. Es ist entsetzlich, aber man kann nichts dagegen tun, und man braucht wirklich ein wenig Nachsicht mit den Schwächen der Natur."
Aber es kommt noch schlimmer: Das eigene Kind, Paul, der gehätschelte Augenstern der im Elend versinkenden Jeanne, schlägt nach dem Vater. Statt zur Schule zu gehen, verspielt er nach und nach das letzte Kapital und verkehrt mit liederlichen Frauen, flieht vor seinen Schuldnern nach England, macht dubiose Geschäfte im aufkommenden Industriezeitalter - und sitzt am Ende ohne einen Sous da. Aber er riskiert jedenfalls etwas, wenn auch im üblen Milieu, während seine Mutter Jeanne einmal, kurz nach der Eheschließung, ihr Leben resümiert: "Es gab also nichts mehr zu tun, weder heute noch morgen, noch sonst jemals. All das merkte sie undeutlich an einer gewissen Desillusionierung, einem Verlöschen ihrer Träume."
Der Untergang des Hauses Perthuis - Maupassant hat ihn mit Lust an dramatischen Wendungen inszeniert. Da er fast ohne jeden politischen Hintergrund auskommt, kann er sich ganz auf die Personen konzentrieren, die hilflos unter seinem Brennglas liegen: Geburt und Tod sind so brutal-realistisch beschrieben, dass seinen Zeitgenossen die Luft wegblieb. Geschmacklos! - war das Urteil der besseren Kreise. Aber genau das war es, was der realitätssüchtige Autor beabsichtigte. "Es gibt nur eines" - schrieb er dem Vater fünf Jahre vor Erscheinen von ,Ein Leben' -, "nach dem ich mich sehne, und das ist, keinen Geschmack zu haben."
"Mit zwanzig berühmt, mit dreißig reich, mit dreiundvierzig tot durch Syphilis im tertiären Stadium", heißt es kurz und bündig in dem klugen Nachwort von Julian Barnes über Guy de Maupassant, das dieser sorgfältigen Neuedition ebenso beigegeben ist wie eine Zeittafel, Anmerkungen, Briefe von Maupassant und Flaubert und ein erster Entwurf von "Une vie", der postum in der "Revue des Deux Mondes" erschienen ist. Druck, Einband, Schuber (mit einer Zeichnung von Monet, auf der eine Frauenfigur wie ein Benjaminscher Engel der Geschichte abgebildet ist) - es ist ein Vergnügen, dieses Buch in der Hand zu halten und es in der souveränen Übersetzung von Cornelia Hasting zu lesen, auch wenn es ein großes Elend enthält. Aber das hat schon den Grafen Tolstoi nicht davon abgehalten, dieses Buch zu seinen Lieblingsbüchern zu rechnen.
MICHAEL KRÜGER
Guy de Maupassant: "Ein Leben oder Die schlichte Wahrheit". Roman.
Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Mit einem Nachwort von Julian Barnes. Mare Verlag, Hamburg 2015. 384 S., geb., 28,- [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Im Vergleich dazu ist "Madame Bovary" eine freundliche Komödie: Guy de Maupassants erster Roman "Ein Leben" besticht in neuer Übersetzung.
Guy de Maupassant legte großen Wert darauf, dass unter dem lakonischen Titel seines ersten Romans "Ein Leben" die Unterzeile stand: "Die schlichte Wahrheit". Wenn aber das, was dieser Roman erzählt, nur eine schlichte Wahrheit wäre, wie sähe dann eine komplexe aus?
"Ein Leben" ist der Totenschein, den der dreiunddreißigjährige Schüler und Freund Flauberts dem bürgerlichen Zeitalter ausstellt: Alle müssen daran glauben, Adel und Volk und sogar die Tiere. Man stirbt im Kindbett, an den eigenen Illusionen oder durch Eifersucht. "Im Vergleich zu ,Ein Leben'", sagt der englische Romancier Julian Barnes, "ist ,Madame Bovary' fast eine freundliche Komödie." Das, was der Naturalismus später die "Lebenslüge" nannte, ist hier der Grundstoff, von dem sich alle ernähren, die Krankheit zum Tode. Nicht einmal hundert Jahre nach der Revolution ist für Maupassant der Karren an die Wand gefahren und zerschellt - das ist die schlichte Wahrheit.
Maupassants Emma Bovary heißt Jeanne und ist die Tochter des Barons Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds, eines gutmütigen Kauzes und naiven Anhängers Rousseaus, dessen "große Stärke und große Schwäche" die Güte war, "eine Güte, die nicht genügend Arme hatte zum Liebkosen, Schenken, An-sich-Drücken", und seiner aus dem Leim gegangenen, kurzatmigen Gemahlin Adelaide, auf die der Autor viele herabsetzende Worte verschwendet: "Ihr von sechs gleichmäßig herabbaumelnden Lockenspiralen umrahmtes Gesicht erschlaffte nach und nach, weich gehalten von den drei großen Wellen ihres Halses, deren letztes Wogen sich in der Hochsee ihrer Brust verlor." Man sieht, die Baronin hat keine Chance. Die Familie lebt vom Verkauf ihrer Pachthöfe, die nach und nach abgestoßen werden, um ,ein Leben' zu bezahlen, und am Ende muss die alte Jeanne in einem Häuschen an der Straße wohnen, allein und verbittert und lebensmüde.
Dabei fingen der Roman und ihr erwachsenes Leben so vielversprechend an! Jeanne verlässt die Klosterschule, um auf dem Anwesen der Eltern, Les Peuples in der Normandie, das ihr einmal gehören sollte, von der Liebe zu träumen. "Jetzt war sie frei zu lieben; sie musste ihm nur noch begegnen, ihm!"
Er ist dann auch bald zur Stelle, heißt Julien Vicomte de Lamare, kennt sich aus im Labyrinth der Ahnentafeln und ist insgesamt ein passabler Bursche, der im Nu das Herz von Eltern und Tochter gewinnt. "Der erhoffte Mann, in ein paar Wochen gefunden, geliebt und geheiratet, wie man in solch überstürzt gefassten Entschlüssen heiratet, hatte sie in seinen Armen entführt, ohne ihr Zeit zum Nachdenken zu lassen." Kaum ist die Ehe vollzogen (die Hochzeitsnacht ist eine Katastrophe!), zeigt dieser Ehrenmann sein wahres Gesicht. Er ist ein Knauser und Spießer, und weil er selbst nichts hat, reißt er das fremde Eigentum sofort an sich. Er hat ein Verhältnis mit einer Adligen von nebenan und mit der treuen Dienstmagd, die noch vor Jeanne einen Buben zur Welt bringt, was der Pfarrer mit den Worten rechtfertigt: "So sind alle hier in der Gegend. Es ist entsetzlich, aber man kann nichts dagegen tun, und man braucht wirklich ein wenig Nachsicht mit den Schwächen der Natur."
Aber es kommt noch schlimmer: Das eigene Kind, Paul, der gehätschelte Augenstern der im Elend versinkenden Jeanne, schlägt nach dem Vater. Statt zur Schule zu gehen, verspielt er nach und nach das letzte Kapital und verkehrt mit liederlichen Frauen, flieht vor seinen Schuldnern nach England, macht dubiose Geschäfte im aufkommenden Industriezeitalter - und sitzt am Ende ohne einen Sous da. Aber er riskiert jedenfalls etwas, wenn auch im üblen Milieu, während seine Mutter Jeanne einmal, kurz nach der Eheschließung, ihr Leben resümiert: "Es gab also nichts mehr zu tun, weder heute noch morgen, noch sonst jemals. All das merkte sie undeutlich an einer gewissen Desillusionierung, einem Verlöschen ihrer Träume."
Der Untergang des Hauses Perthuis - Maupassant hat ihn mit Lust an dramatischen Wendungen inszeniert. Da er fast ohne jeden politischen Hintergrund auskommt, kann er sich ganz auf die Personen konzentrieren, die hilflos unter seinem Brennglas liegen: Geburt und Tod sind so brutal-realistisch beschrieben, dass seinen Zeitgenossen die Luft wegblieb. Geschmacklos! - war das Urteil der besseren Kreise. Aber genau das war es, was der realitätssüchtige Autor beabsichtigte. "Es gibt nur eines" - schrieb er dem Vater fünf Jahre vor Erscheinen von ,Ein Leben' -, "nach dem ich mich sehne, und das ist, keinen Geschmack zu haben."
"Mit zwanzig berühmt, mit dreißig reich, mit dreiundvierzig tot durch Syphilis im tertiären Stadium", heißt es kurz und bündig in dem klugen Nachwort von Julian Barnes über Guy de Maupassant, das dieser sorgfältigen Neuedition ebenso beigegeben ist wie eine Zeittafel, Anmerkungen, Briefe von Maupassant und Flaubert und ein erster Entwurf von "Une vie", der postum in der "Revue des Deux Mondes" erschienen ist. Druck, Einband, Schuber (mit einer Zeichnung von Monet, auf der eine Frauenfigur wie ein Benjaminscher Engel der Geschichte abgebildet ist) - es ist ein Vergnügen, dieses Buch in der Hand zu halten und es in der souveränen Übersetzung von Cornelia Hasting zu lesen, auch wenn es ein großes Elend enthält. Aber das hat schon den Grafen Tolstoi nicht davon abgehalten, dieses Buch zu seinen Lieblingsbüchern zu rechnen.
MICHAEL KRÜGER
Guy de Maupassant: "Ein Leben oder Die schlichte Wahrheit". Roman.
Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Mit einem Nachwort von Julian Barnes. Mare Verlag, Hamburg 2015. 384 S., geb., 28,- [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Michael Krüger genießt es, das Buch in der Hand zu halten, auch wenn es eigentlich nur Elend enthält, wie er zugibt. Wie lustvoll und genau Guy de Maupassant darin das bürgerliche Zeitalter seziert und ihm den Todesstoß versetzt, indem er eine Emma Bovary (die bei ihm Jeanne) heißt, an der Seite eines Spießers und Geizhalses verdorren lässt, scheint Krüger meisterlich. Gerade weil der Autor keinen politischen Hintergrund einzieht, so Krüger, kann ihm in der Konzentration auf die Figuren ein brutaler Realismus gelingen, den Maupassants Zeitgenossen als geschmacklos empfinden mussten. Ein kluges Nachwort, Anmerkungen und Briefe runden den Band für Krüger wunderbar ab.
© Perlentaucher Medien GmbH
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Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.09.2018NEUE TASCHENBÜCHER
Lasst uns Illusionen beweinen:
Guy de Maupassants Roman „Ein Leben“
Sie muss fort, weg von dem Kloster in Rouen, wo sie erzogen wurde. Nun ist Jeanne siebzehn, und keinen Tag länger will sie warten, nicht mal auf besseres Reisewetter. So brechen sie also auf, Jeanne und die Eltern, in strömendem Regen, zu ihrem Schloss Les Peuples.
Die Mädchen wirken in den großen französischen Romanen des 19. Jahrhunderts, zumal wenn sie in der Normandie spielen, alle, als ob sie Emma hießen. So voller Ungestüm und Leidenschaft ist auch Jeanne, Tochter von Baron Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds und seiner Frau, im ersten Roman von Guy de Maupassant, „Ein Leben“, von 1883. Im Vergleich dazu, schreibt Julian Barnes im Nachwort dieser Ausgabe, ist „Madame Bovary“ fast ein freundlicher Roman.
Jeannes Leben ist dann wie ein Katalog, eine Sammlung aller möglicher Missgeschicke und Missetaten, die einer liebenden Frau passieren können: Ein Segeltörn mit Vater und Geliebtem, eine überhastete Heirat, Flitterwochen auf Korsika, ein Mann, der sich als nörgeliger Geizkragen erweist und fremdgeht, eine Geburt und eine Fehlgeburt. Dann ein Sohn, der sich mit einer Nutte einlässt und immer wieder neue Summen von der Mutter haben möchte, bis sie ihr ganzes Erbe vertan hat: „Zuweilen beweint man die Illusionen mit ebenso viel Trauer wie die Toten.“
Der Vater ist Rousseauist, ein Ruhepunkt in der bürgerlichen Verklemmtheit. Der Gegenspieler ist der schreckliche Abbé Tolbiac, ihm schleudert der Vater ein heftiges „Antiphysisch!“ entgegen. „Sie sind nicht menschlich; Sie begreifen nichts, nichts, nichts. Sie agieren in einem bösen Traum.“ Den Abbé erlebt man in einer der schlimmsten Splatterszenen der Romanliteratur – mit einer Hündin, die eben einen Wurf Welpen gebar. „Er zerschlug seinen Regenschirm. Mit nun leeren Händen stieg er auf sie, und ihr den Rest gebend, sie vernichtend, trampelte er wie wild auf ihr herum.“ Erst der letzte Satz ist dann so banal und so beruhigend wie der Scarlett O’Haras: „Wissen Sie, das Leben ist nie so gut oder so schlecht, wie man glaubt.“ FRITZ GÖTTLER
Guy de Maupassant: Ein Leben. Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Nachwort v. Julian Barnes. DuMont Verlag, Köln 2018. 384 Seiten, 12 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
Lasst uns Illusionen beweinen:
Guy de Maupassants Roman „Ein Leben“
Sie muss fort, weg von dem Kloster in Rouen, wo sie erzogen wurde. Nun ist Jeanne siebzehn, und keinen Tag länger will sie warten, nicht mal auf besseres Reisewetter. So brechen sie also auf, Jeanne und die Eltern, in strömendem Regen, zu ihrem Schloss Les Peuples.
Die Mädchen wirken in den großen französischen Romanen des 19. Jahrhunderts, zumal wenn sie in der Normandie spielen, alle, als ob sie Emma hießen. So voller Ungestüm und Leidenschaft ist auch Jeanne, Tochter von Baron Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds und seiner Frau, im ersten Roman von Guy de Maupassant, „Ein Leben“, von 1883. Im Vergleich dazu, schreibt Julian Barnes im Nachwort dieser Ausgabe, ist „Madame Bovary“ fast ein freundlicher Roman.
Jeannes Leben ist dann wie ein Katalog, eine Sammlung aller möglicher Missgeschicke und Missetaten, die einer liebenden Frau passieren können: Ein Segeltörn mit Vater und Geliebtem, eine überhastete Heirat, Flitterwochen auf Korsika, ein Mann, der sich als nörgeliger Geizkragen erweist und fremdgeht, eine Geburt und eine Fehlgeburt. Dann ein Sohn, der sich mit einer Nutte einlässt und immer wieder neue Summen von der Mutter haben möchte, bis sie ihr ganzes Erbe vertan hat: „Zuweilen beweint man die Illusionen mit ebenso viel Trauer wie die Toten.“
Der Vater ist Rousseauist, ein Ruhepunkt in der bürgerlichen Verklemmtheit. Der Gegenspieler ist der schreckliche Abbé Tolbiac, ihm schleudert der Vater ein heftiges „Antiphysisch!“ entgegen. „Sie sind nicht menschlich; Sie begreifen nichts, nichts, nichts. Sie agieren in einem bösen Traum.“ Den Abbé erlebt man in einer der schlimmsten Splatterszenen der Romanliteratur – mit einer Hündin, die eben einen Wurf Welpen gebar. „Er zerschlug seinen Regenschirm. Mit nun leeren Händen stieg er auf sie, und ihr den Rest gebend, sie vernichtend, trampelte er wie wild auf ihr herum.“ Erst der letzte Satz ist dann so banal und so beruhigend wie der Scarlett O’Haras: „Wissen Sie, das Leben ist nie so gut oder so schlecht, wie man glaubt.“ FRITZ GÖTTLER
Guy de Maupassant: Ein Leben. Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Nachwort v. Julian Barnes. DuMont Verlag, Köln 2018. 384 Seiten, 12 Euro.
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"Tolstoi soll von dem Roman begeistert gewesen sein. Ich bin es auch."
Sabine Gruber, Buchreport
"Ein bisschen zum Weinen, ein bisschen traurig, aber ein wunderbar erzähltes Buch und man kann sich wunderbar in diese Geschichte hineinversenken."
Rainer Moritz, Spreeradio
"Druck, Einband, Schuber [...] - es ist ein Vergnügen, dieses Buch in der Hand zu halten und es in der souveränen Übersetzung von Cornelia Hasting zu lesen, auch wenn es ein großes Elend erhält. Aber das hat schon den Grafen Tolstoi nicht davon abgehalten, dieses Buch zu seinen Lieblingsbüchern zu rechnen."
Michael Krüger, FAZ
Sabine Gruber, Buchreport
"Ein bisschen zum Weinen, ein bisschen traurig, aber ein wunderbar erzähltes Buch und man kann sich wunderbar in diese Geschichte hineinversenken."
Rainer Moritz, Spreeradio
"Druck, Einband, Schuber [...] - es ist ein Vergnügen, dieses Buch in der Hand zu halten und es in der souveränen Übersetzung von Cornelia Hasting zu lesen, auch wenn es ein großes Elend erhält. Aber das hat schon den Grafen Tolstoi nicht davon abgehalten, dieses Buch zu seinen Lieblingsbüchern zu rechnen."
Michael Krüger, FAZ