Ansgar Beckermann bietet in seiner Doppelrezension eine vergleichende Lektüre, die geradezu zu einem Wettbewerb ausartet: zwischen dem Naturwissenschaftler Roth und dem Philosophen Pauen. Der Ausgang ist klar, Sieger nach Punkten, wenn nicht gar durch philosophischen KO: Michael Pauen.
1.) Gerhard Roth: "Fühlen, Denken, Handeln"
Der Neurologe Gerhard Roth plädiert für ein neues Menschenbild: das (angeblich) alte vom Menschen als Herrn im eigenen Haus, als selbstverantwortlich Handelndem, vom Ich als der Zentrale aller Entscheidungen des Individuums, möchte er entsorgen. Dagegen will er eines setzen, das den Menschen in evolutionärer Kontinuität mit den Tieren sieht und vor allem die
Willensfreiheit als die Mär erkennt, die sie seiner Ansicht nach ist. Beckermann kann Roth dabei kaum einmal folgen, und zwar vor allem deswegen, weil dieser von falschen Vorannahmen und schlechten Oppositionen ausgehe. Insbesondere Roths ständiges von "dem Ich" findet Beckermann fatal; das ist, seiner Meinung nach, "philosophischer Unsinn" und zeuge "ex negativo" von dem Cartesianismus, den Roth gerade abschaffen will.
2.) Michael Pauen: "Grundprobleme der Philosophie des Geistes"
Die richtig gestellten Fragen und noch dazu gute Antworten findet der Rezensent dagegen bei Michael Pauens Überblicksdarstellung, die den Stand der Diskussion, wie er findet, "solide" und "lesbar" zusammenfasst. So versteht er die Entwicklung der Subjektivität als komplexen Lernvorgang, dessen Ergebnis "die Fähigkeit kognitiver Wesen, sich selbst als Teil der eigenen Umwelt zu repräsentieren" ist. Auch zum Problem der Willensfreiheit hat Pauen nach Ansicht Beckermanns die überzeugenderen und vor allem differenzierteren Antworten. So zeige er etwa, dass die Libetschen Experimente, die zu zeigen scheinen, dass Entscheidungen dem Bewusstsein voraus liegen, durchaus mit einer modifizierten Auffassung von der Willensfreiheit kompatibel sind.
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