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  • Buch

Produktdetails
  • Verlag: Haffmans
  • ISBN-13: 9783251000067
  • ISBN-10: 3251000063
  • Artikelnr.: 24847131
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.10.2011

Nachtlied vom Schweigen

Sprache verloren, Heimat gefunden: Hans Wollschlägers "Herzgewächse oder Der Fall Adams" liegt endlich wieder vor.

Von Dietmar Dath

Einer ist in die Welt zurückgekehrt, aus der er hatte fliehen müssen. Davon, wie das ist, notiert er Sätze, die nicht einmal mit ihm, dem zum eigenen Selbstgesprächsgegenüber verdoppelten Menschen, kommunizieren können, weil der Spiegel, den wir "Reflexion" nennen, hier zersprungen ist: "ganz bald schon wieder auf - früh in der Nacht noch - der Schnee treibt immer noch dicht, klebt knistrig fragil an den Scheiben : das Licht ganz wunderlich fahl davon - kann das sein : Draußen Nur Nichts : mich anstarrend - Schwärze durch Weiß : ich". Die "Schwärze durch Weiß" ist das Notizheft, Krakel auf hellem Papier, verschieden groß im Druckbild des Romans, der daraus komponiert ist; Notation fortschreitenden Selbstverlusts und des Verlöschens der Hoffnung, man könne nach Hitler in die Zivilisation zurückkehren, die er verheert hat.

Hans Wollschlägers größtes Buch, das einzige erzählende unter zahlreichen erklärenden, um Wahrheiten werbenden oder gegen Falsches wetternden, gibt vor, Ephemeridentext des Denkers und Schriftstellers Michael Adams zu sein. Dessen fiktives Hauptwerk, das den Hintergrund der Handlung bildet wie ein Gebirgsmassiv den eines Schlachtengemäldes, heißt "Abschied von der Humanität". Man muss es sich als eine Art Schnittmenge aus Adornos und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung", den "Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft" von Hannah Arendt und der "Antiquiertheit des Menschen" von Günther Anders denken. Auch Adorno, Horkheimer, Arendt und Anders mussten ihren Sprachraum verlassen, als die Mordmaschine anlief. Aber aus den Sätzen und Büchern, in denen sie sich bewegten, erfuhren und bestätigten, hat man sie nicht vertreiben können.

Wollschlägers Michael Adams dagegen stürzt unrettbar aus seinen, als er den Versuch unternimmt, im Bamberg des Jahres 1950 erneut heimisch zu werden. Er versucht alles, was ihm helfen könnte, verliebt sich, erinnert sich, pflegt seine Formulierungskünste und leiht sogar einem fuchtelnd betriebsamen Dämon sein Ohr, der ihm verspricht: "Millionen werden Ihre Meinung sagen - Universitätslehrer sich drängen, sie auszulegen - Dornen und Disteln vor Ihnen den Stachel wenden : Macht! Macht!"

Nein: Ohnmacht. Adams rutscht an seiner Liebe zur jungen deutschen Leserin ab, verliert seine Erinnerungen im Prozess der Niederschrift, verirrt sich in Sprache. "Herzgewächse oder Der Fall Adams - Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern" ist ein unheimliches, in vielen Zügen der romantischen Schauerdichtung verpflichtetes Buch. Aber seine Traumähnlichkeit hat nichts mit malerischer Groteske zu tun. Vielmehr liegt hier eines der wenigen nach dem Zweiten Weltkrieg geschriebenen deutschsprachigen Beispiele für das vor, was John Clute "gebundene Phantastik" nennt: die Schilderung einer Welt, die sich von unserer nicht dadurch unterscheidet, dass man in sie fliehen könnte vor dem Wirklichen, sondern dass es aus ihr für die Geschöpfe, die in ihr eingesperrt sind, nicht einmal jene Form des kognitiven Entkommens gibt, die für uns die Künste bereitstellen, zu denen paradoxerweise dann eben auch Bücher gehören, die von der Unmöglichkeit jeglicher Flucht ins Innen handeln.

Die dunkle Musikalität von Wollschlägers Prosa, der narrativen Kontrapunktik E. T. A. Hoffmanns so eng verbunden wie dem tonsetzerischen Gestus Gustav Mahlers, ist beim ersten Erscheinen des Buches vor rund dreißig Jahren bereits gerühmt worden. Das Kronprinzenklischee, mit dem man das Buch den Werken von Wollschlägers Lehrer Arno Schmidt verglichen hat, übersieht, dass Wollschläger, Becketts Verhältnis zu Joyce vergleichbar, da reduziert und zerbricht, wo Schmidt übereinanderschichtet und verknüpft.

Ein zweiter Band der "Herzgewächse" war geplant. Er ist nie fertiggestellt worden. Hans Wollschläger hat seiner erschütternden Figur in Trauer und Zuneigung die Treue bewahrt, als er entschied, ihr keine weiteren Worte in den Mund zu legen und ihr Verstummen zu respektieren.

Hans Wollschläger: "Herzgewächse oder Der Fall Adams". Roman.

Wallstein Verlag, Göttingen. 544 S., geb., 38,- [Euro].

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