Produktdetails
  • Collection Folio Nr.3686
  • Verlag: Gallimard
  • Erw. Aufl.
  • Seitenzahl: 383
  • Erscheinungstermin: Juni 2002
  • Französisch
  • Abmessung: 178mm x 109mm x 20mm
  • Gewicht: 202g
  • ISBN-13: 9782070423262
  • ISBN-10: 2070423263
  • Artikelnr.: 10411897
Autorenporträt
Jean-Jacques Schuhl, geboren 1941 in Marseille, ist ein französischer Schriftsteller. Er ist mit der deutschen Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven verheiratet. Er lebt und arbeitet in Paris.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.11.2001

Die diskrete Ingrid Caven
Jean-Jacques Schuhl huldigt seiner Frau / Von Wilfried Wiegand

In Deutschland ist Ingrid Caven bekannt, in Frankreich berühmt. Obwohl sie eine Zeitlang mit Rainer Werner Fassbinder verheiratet war und in mehreren seiner Filme gespielt hat, wird sie in Frankreich nicht deswegen wahrgenommen, sondern vor allem als Sängerin von Chansons. Das deutsche Publikum schätzt sie in Filmen von einst, das französische liebt sie auf Bühnen von heute. Seit langem schon lebt sie in Paris, zusammen mit dem Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl, einem sympathisch uneitlen Autor, dessen Collagetexte aus den siebziger Jahren niemals in Vergessenheit gerieten. Nach langen Jahren des Schweigens hat er im vorigen Jahr endlich wieder ein Buch veröffentlicht: "Ingrid Caven", das er ausdrücklich einen Roman nannte und nicht etwa eine Biographie. Es bekam den begehrten "Prix Goncourt" und wurde in Frankreich auf Anhieb ein Erfolg. Nun ist es in einer präzisen, angenehm flüssigen Übersetzung auch auf deutsch erschienen.

Privat ist Ingrid Caven ein durch und durch sympathischer Mensch. Große Posen sind ihr ebenso fremd wie große Worte. Sie ist zurückhaltend, spricht entwaffnend offen und hat das Leben scheinbar fest im Griff. Privat ist sie das ganze Gegenteil eines Stars. Daß ausgerechnet diese unprätentiöse Frau in Frankreich als neue Marlene Dietrich gefeiert und als Quintessenz deutscher Tugenden begriffen wird, ist vor allem wohl das Ergebnis ihrer künstlerischen Disziplin. Es ist dieselbe Disziplin, die ihr im Alltag Kraft gibt, ihre Schwächen zu verbergen, und die ihr auf der Bühne Mut macht, ihr Inneres ohne Furcht zu zeigen. Disziplin ist der Schlüssel ihres Wesens und die Wurzel ihres Erfolgs.

Auch Jean-Jacques Schuhl empfindet seine Lebensgefährtin als Rätsel, und weil er sie so endlos staunend liebt, versucht er gar nicht erst, das Rätsel aufzulösen. "Ingrid Caven" ist Biographie, Roman und zeitkritischer Essay in einem, vor allem aber eine Liebeserklärung, eine literarisch inszenierte Huldigung an die eigene Frau. Schuhl ist ein Virtuose der Collage. Er sammelt Bruchstücke der Sprache und der populären Mythologie und mixt sie zu narkotisierende Texten. Redewendungen und Werbesprüche, Schlagerphrasen, Politikerparolen und Filmstar-Anekdoten sind die Zutaten. Dem Leser ist zumute, als würde er den Zeitgeist auf einer Achterbahn durchqueren. Das biographische Gerüst, auf das "Ingrid Caven" selbstverständlich nicht verzichten kann, zwingt Schuhl nun allerdings zu einer disziplinierteren Art des Erzählens. Zwar schweift er mit seinen Assoziationen gerne ab, hangelt sich von einer Anspielung zur nächsten, so daß er von Ingrid Caven zu Marlene Dietrich kommen kann (weil sie mit der oft verglichen wird) und von da weiter zu Hemingway (weil der Marlene Dietrich kannte) und so weiter, so daß das Buch schnell aus der Form gehen würde, sähe der Autor sich nicht gezwungen, immer wieder zur Titelfigur zurückzukehren.

Oft wird derart viel fremdes Material herbeizitiert, daß Ingrid Caven dahinter zu verschwinden droht. Auf zwei Buchseiten beispielsweise werden Yves Saint Laurent, die Flugzeugentführung von Mogadischu, die Baader-Meinhof-Gruppe und die Ermordung Kennedys kommentiert, und inmitten so vieler Schattenfiguren wird Ingrid Caven beinahe unsichtbar. Oder Schuhl kommt auf Bette Davis zu sprechen. Da er an ihr offenbar einen Narren gefressen hat, beißt er sich fest und erzählt uns seitenlang Banalitäten aus deren letzter Lebensspanne. Oder er verweilt bei der angeblichen Gepflogenheit Marlene Dietrichs, ihren Verehrer Hemingway vertraulich "Hem" zu nennen, was Schuhl dazu verführt, den großen Kollegen ebenfalls nur noch "Hem" zu titulieren. Auf diese Art verliert das Buch, je weiter es sich von seiner Hauptfigur entfernt, desto mehr an Charme. Schuhl schweift dennoch hemmungslos von Hitler bis Hollywood und hätte es vielleicht sogar am liebsten, daß wir "Ingrid Caven" als eine kleine Odyssee durch das zwanzigste Jahrhundert lesen würden. Damit wäre diese kostbare kleine Liebeserklärung aber heillos überfordert.

Als Liebeserklärung ist "Ingrid Caven" immer dann am besten, wenn es um die Hauptfigur geht, wenn sie selbst erzählen darf und der Autor ihr respektvoll zuhört oder das Gehörte, ohne viel hinzuzufügen, in eigene Worte überträgt. Dann kommt eine so wunderbar dichte Passage zustanden wie die über Cavens erste Begegnung mit Fassbinder. Seitenlang herrscht hier bewundernswerte Diskretion. Was erzählt wird, ist mehrfach durchgearbeiteter Lebensstoff. Ingrid Caven hat sicherlich früher schon mit Fassbinder davon gesprochen, dann das Erlebte jahrzehntelang in der Erinnerung gefiltert, und nun geht es noch durch den Filter eines literarischen Stils. Niemand wird hier bevormundet. Respektvoll lauscht Schuhl, wie Ingrid Caven respektvoll von Fassbinders Schüchternheit erzählt. Das sind makellose Seiten in einer fast schwerelosen Sprache. Man liest sie, wie man einer leisen Unterhaltung zuhört: Jedes Wort ist kostbar.

Ein Nachteil von Schuhls biographischer Collagetechnik ist, daß sie anfällig bleibt für sachliche Fehler, während ein Roman auch gegen Tatsachen recht behält. In einem Roman darf Wirklichkeit "falsch" erfunden sein, hier aber stört es eben doch, wenn Conrad Veidt mit Peter Lorre verwechselt wird oder der Schlager "Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn" falsch zitiert ist und der Titel von Herrigels Kultbuch "Zen in der Kunst des Bogenschießens" ebenso. Das wiegt alles nicht schwer, mindert aber die Autorität des Verfassers, der sich so sehr in der Rolle des Bewußtseinsarchivars gefällt.

Ingrid Caven beginnt ihre musikalische Laufbahn als eine Art singendes Wunderkind, wobei ihre Schwester, immerhin die Opernsängerin Trudeliese Schmidt, merkwürdigerweise mit keinem Wort erwähnt wird. Mehrmals kommt Schuhl darauf zurück, daß Ingrid Caven im Krieg, ein Hitlerbild hängt an der Wand, vor deutschen Soldaten singt. Er ist besessen von dieser Szene und entfaltet daraus den ganzen Lebenslauf bis hin zum ebenso symbolträchtigen Umstand, daß Ingrid Caven schließlich mit ihm, dem "hugenottischen Juden", das Glück ihres Lebens findet. So entsteht eine exemplarische deutsche Biographie. Manche Episoden haben eine gewissermaßen natürliche Symbolik, die keiner literarischen Nachbesserung bedarf. So verhält es sich mit dem Traum vom Badezimmerofen, den Ingrid Caven kaum zu erzählen wagt, weil er zwangsläufig Erinnerungen weckt an andere Menschen, die nackt in einen Ofen gehen mußten. Irgendwann freilich hat sie sich Schuhl anvertraut, und er sagt es uns weiter, aber mit so verhaltener Stimme, daß keine Sekunde lang ein falscher Ton entsteht. Das ist von einer bewundernswerten Diskretion. Ähnlich souverän wird eine dramatische Hauterkrankung des Mädchens geschildert.

Fassbinders Begräbnis in München wurde angeblich mit einem leeren Sarg abgehalten. So jedenfalls wurde es uns damals schon auf dem Friedhof zugeflüstert, und so steht es jetzt auch bei Schuhl. Die Teilnehmer, soweit prominent und weiblich, charakterisiert er mit einem hämischen Unterton, der dem Buch sonst fehlt. Das ist der Standpunkt Ingrid Cavens, der es selbstverständlich unbenommen bleibt, Fassbinders Mutter oder Hanna Schygulla nicht zu mögen. Aber war Schuhl wirklich gut beraten, sich diese Sicht derart distanzlos anzueignen?

Aber trotz aller Einwände ist "Ingrid Caven" ein großartiges Buch, eine Liebeserklärung, deren beste Passagen unvergeßlich bleiben. Schuhls Text ist dann von einer so zärtlichen Intelligenz, daß man gar nicht weiß, wen man nun mehr bewundern soll: den Autor, der sich schließlich sogar für unfähig hält, "die Magie dieses Musik gewordenen Körpers" in Worte zu fassen, oder die Frau, der hier mit einer für unsere Zeit so beispiellosen intellektuellen Demut gehuldigt wird.

Jean-Jacques Schuhl: "Ingrid Caven". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Uli Aumüller. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001. 312 S., geb., 54,- DM.

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 31.10.2000

Verkokst
Ein Roman über Ingrid Caven
gewinnt den Prix Goncourt
Jean-Jacques Schuhl, früher hauptberuflich Zeitungleser, jetzt hauptberuflich Ehegatte, hat seine Zeit nicht verplempert. Er hat bloß die letzten zwanzig Jahre nichts geschrieben. Mit 31 veröffentlichte er seinen ersten Roman – „Rose poussière” –, der wie der zweite, vier Jahre später erschienene „Télex no 1” von den sechziger Jahren und ihren Berühmtheiten handelt. Berühmt wurden beide Bücher nicht, die Kritiker nahmen sie allenfalls wohlwollend zur Kenntnis. Danach kam lange Zeit nichts, was dem 1941 in Marseille geborenen Autor durchaus zu liegen scheint: „Keine Heirat, keine Kinder, fast kein Beruf. Nichts. Null. ” – gab er einmal als Biographie an.
Wenn schon nichts tun, dann am besten in New York, dachte sich Schuhl also, und offenbar konnte er davon ganz gut leben. Denn eine Deutsche war in sein Leben getreten, die verkörperte das Rätsel, das seine Seelenkompassnadel zum Tanzen brachte – eine Sängerin, ein Star, Ingrid Caven ihr Name, die Frau von Rainer Werner Fassbinder.
Als der deutsche Filmemacher starb, fand man neben ihm einen Zettel, auf den er die Stationen von Ingrid Cavens Leben gekritzelt hatte, samt der abschließenden Prognose: „Pleite in der Music Hall, Bruch mit Jean-Jacques. ” Das hat sich allerdings in zwei Jahrzehnten nicht bewahrheitet: Die Caven machte eine Riesenkarriere in der Music Hall, und sie ist immer noch mit Schuhl zusammen, dem rätselhaftesten und unbekanntesten der französischen Gegenwartsschriftsteller, der jetzt – kurz vor seinem 60.  Geburtstag – den Prix Goncourt für eine Biografie der Caven erhielt.
Es ist natürlich keine Biografie im klassischen Sinn – der Goncourt wird nur für Romane verliehen. Aber bei einem so romanhaften Leben braucht man nichts zu erfinden. Die meisten Figuren tragen ihre richtigen Namen (nur Schuhl heißt Charles). „Ingrid Caven, roman” (Editions Gallimard, 300 S. , 110 Franc) ist gleichwohl ein durch und durch literarisches Werk, Ergebnis einer raffinierten Stil- und Perspektivmontage, einer kinematografische Methode, die der Autor mehr liebt als bloßes Erzählen.
Trotzdem handelt es sich auch um erzählte Geschichte, aus der ein merkwürdiger Modergeruch aufsteigt. Szenen wie beispielsweise jene, in der sich Fassbinder und Caven aus Angst, entführt zu werden, vor den RAF-Terroristen verstecken (einmal rennt die Caven auf Stöckelschuhen weg, während ihr unbekannter Gegenüber schon die Betäubungsspritze aufzieht), atmen den Geist einer dekadenten Romantik, die einzig ein französischer Autor dieser Sache zuschreiben kann. Das Motto des Buchs – „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten . . .” – gibt die Tonart allzu deutlich vor.
Der Affekt der Ablehnung der unästhetischen Gegenwart gegenüber, den Schuhl mit so vielen Schriftstellern teilt, hat auch bei ihm die verzehrende Vorstellung erzeugt, die Menschen von Bühne und Leinwand würden auf höhere Ebene, mit größerer Intensität leben. In Wirklichkeit nehmen sie bloß mehr Koks. Jean-Jacques Schuhl kann sich immerhin sagen, dass er mit einer solchen Traumfrau lebt, und um dessen etwas gewisser zu sein, musste er sie mit diesem üppigen Text umfangen, der in seiner abgründigen Deutschtümelei hierzulande – wenn er einmal übersetzt werden sollte – sicher etwas komisch wirken wird.
Aber der Prix Goncourt ist eben durch und durch französisch. Dabei gab es dieses Jahr ausnahmsweise keinen Krach, keine Skandale oder Coups, sondern einfach vier Kandidaten, die verschiedener nicht sein konnten: Mit im Rennen waren gewesen der 73-jährige Schwarzafrikaner Ahmadou Kourouma, der die Geschichte eines zum Militärdienst gezwungenen Kindes erzählt, die belgische Diplomatentochter Amélie Nothomb, die mit 33 schon zwei Dutzend Romane verfasst hat, sowie das Ex-KP-Mitglied François Salvaing mit einem Schlüsselroman über seine Partei.
BURKHARD MÜLLER-ULLRICH
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