Der Literaturnobelpreisträger José Saramago stammt aus ärmlichen Verhältnissen in der portugiesischen Provinz Ribatejo und wuchs dort und in Lissabon auf. Die "kleinen Erinnerungen" schildern seine Kindheit und Jugend, ein bewegtes, farbiges Leben zwischen städtischer und ländlicher Kultur, und sie beschreiben - durchzogen von poetischen Reflexionen, historischen Betrachtungen und privaten Reminiszenzen - den Werdegang und künstlerischen Reifeprozess eines der größten lebenden Autoren Europas.
Dauert dein Leben noch an? Oder hat die Erinnerung schon begonnen? Der Nobelpreisträger José Saramago schreibt über seine frühe Kindheit.
Das Drama beginnt, wenn man bemerkt, dass die Zeit nicht einfach nur da ist, sondern sich in berechenbare Einheiten zerlegen lässt. Ein Tag ist lang, das ja. Aber er hat vierundzwanzig Stunden. Und jede Stunde hat sechzig Minuten und jede Minute sechzig Sekunden. Das Voranschreiten der Zeit lässt sich also auf das genaueste messen. Wer das einmal begriffen hat, um den ist es geschehen. Er hat jenen Weg beschritten, der unausweichlich in das Erwachsenenalter führt. Denn vielleicht trennt Kinder und Erwachsene nichts so sehr wie ein unterschiedliches Verhältnis zur Zeit. Die Kinder leben in und mit ihr. Und die Erwachsenen berechnen sie. Und sie berechnen sie nicht nur, sondern nutzen sie, füllen sie bis zum Äußersten, so lang, bis nichts mehr in sie hineingeht und sie zum Platzen voll ist. Spätestens dann weiß man: Ihre Unendlichkeit ist eine Illusion, eine gnädige Sinnestäuschung jener grandios sorglosen Jahre, die man die Kindheit nennt.
Es sind nur ein paar Zeilen, die José Saramago der Zeit und ihrer Berechenbarkeit widmet, aber sie haben es in sich: Sie bilden nämlich jene Demarkationslinie, von der ab Sein und Zeit ihren Charme verlieren, dieser zumindest ganz neu definiert werden muss. Vor allem aber stellt man sich ab dieser Linie eine beunruhigende Frage: Dauert dein Leben noch an? Oder hat die Erinnerung schon begonnen?
Dass beides zusammen nicht geht, zumindest aber ausgesprochen schwierig ist, zeigt Saramago in seinen "Kleinen Erinnerungen", einem Band mit Reminiszenzen an seine frühen und frühesten Jahre, anhand kleiner und zugleich sehr großer Szenen. Sie alle umkreisen, was man gern als Glück der Kindheit bezeichnet: auf der Welt zu sein, ohne einen Begriff davon zu haben. "Das Kind, das ich war", schreibt er, "sah die Landschaft nicht so, wie der spätere Erwachsene sie sich von seiner Manneshöhe herab vielleicht vorstellt. Das Kind war einfach in dieser Landschaft, war Teil von ihr, hinterfragte sie nicht, weder mit diesen noch mit anderen Worten: ,Was für eine schöne Landschaft, was für ein wunderbares Panorama, was für eine grandiose Aussicht!'"
All das denkt man nicht, und dass man sich auch sonst nicht allzu viel denkt, eben das könnte das Glück der jungen Jahre ausmachen. Und diese Jahre sind angefüllt mit all dem, was man früher mit dem Begriff "Lausbubengeschichten" verband. Von aufgeschlagenen Knien berichtet Saramago, von einem beim Schnitzen beinahe abgeschnittenen Zeigefinger und all den Unfällen, die Kindern so widerfahren. So hat es der spätere Großschriftsteller mit seiner Steinschleuder vor allem auf Vögel abgesehen. Aber weil er die kaum trifft, jagt er fortan Frösche. Die sonnen sich bei warmem Wetter regungslos auf dicken Algen, was die Trefferquote enorm erhöht. "Kindliche Grausamkeit kennt keine Grenzen", räumt Saramago ein, um den Satz dann noch eine weitere Wendung nehmen zu lassen: "Und das ist der eigentliche Grund, warum auch die der Erwachsenen keine kennt." Allerdings, und das macht den Charme dieses Buches aus, hält sich der Autor mit moralischen Erörterungen zurück. Während Saramago gerade in den letzten Jahren seine Romane auf gelegentlich schon penetrante Weise mit politischen Botschaften befrachtete, überlässt er sich hier der Lust am Erzählen, unbeschwerten Exkursionen, die kein anderes Ziel haben als das, zu unterhalten. Ähnlich angenehm war schon sein Buch "Die portugiesische Reise", in der er von seinen Fahrten durch sein Heimatland berichtet, sich dabei hauptsächlich den Kirchen widmete - denen er, der bekennende Atheist, vor allem darum etwas abgewinnen konnte, weil er sie rein ästhetisch wahrnehmen konnte, unbeschwert von all dem theologischen Überbau, der einst auf ihnen lastete.
Geschichte, die Freiheiten lässt - diesem Phänomen verdankt sich auch der Reiz dieses Erinnerungsbuches. Aber sind es denn Erinnerungen? Er wisse es gelegentlich selbst nicht, räumt Saramago ein. Gut möglich, dass es sich um die anderer Menschen handelt. Die berichteten ihm davon, und irgendwann hielt er sie für seine eigenen. Aber auch die imaginären Erinnerungen gehören zu den Lehrjahren der Gefühle - aber vor allem stehen ihnen ja immer wieder die Erinnerungen an reale Erlebnisse zur Seite. Die Begegnung mit dem Wörterbuch Portugiesisch-Französisch, dem der junge Saramago seine nie endende Liaison mit dieser Sprache verdankt; ein Bildungswissen, das ihm bald schon was einträgt: Wer so schwierige französische Wörter wie "Papier" fehlerlos zu schreiben vermag, der kann kaum anders denn als Klassenbester gelten. Die Berufung zum geschriebenen Wort bahnt sich eben schon sehr früh ihren Weg, muss dafür aber erst mal einen Haufen toter Vögel und Frösche beiseiteschieben.
KERSTEN KNIPP
José Saramago: "Kleine Erinnerungen". Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009. 160 S., geb., 16,90 [Euro].
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Sehr eingenommen ist Rezensent Kersten Knipp von Jose Saramagos Erinnerungen an seine frühe Kindheit. Anhand kleiner und "zugleich sehr großer Szenen" umkreist der Schriftsteller in seinen Augen das Glück dieser Zeit, schildert Streiche und kleine Unfälle. Als wohltuend und charmant empfindet er es dabei, dass sich Saramago mit moralischen Bewertungen zurück hält. Schienen Knipp die letzten Romane des Autors gelegentlich auf fast schon "penetrante Weise" mit politischen Botschaften angereichert, "überlässt er sich hier der Lust am Erzählen, unbeschwerten Exkursionen, die kein anderes Ziel haben als das, zu unterhalten".
© Perlentaucher Medien GmbH
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»"Saramagos Kleine Erinnerungen sind ein Buch der Weltzugewandtheit und Weltfreundlichkeit."« Die Welt