Streckenstilllegungen, Streiks, Preiserhöhungen und Privatisierungspläne: Verlieren wir unsere Bahn? Unnachgiebig treibt Bahnchef Hartmut Mehdorn den Staatskonzern seit Jahren auf marktwirtschaftlichen Kurs trotz aller Proteste von Mitarbeitern und Kunden und gegen alle Widerstände aus der Politik. Obwohl eigentlich Angestellter des Staates, strebt er mit aller Gewalt eine Privatisierung und den Umbau zum internationalen Logistikkonzern an. Bürger und Bahnkunden befürchten, dass dabei Volksvermögen unwiederbringlich verschleudert wird und sie letztendlich die Zeche zahlen ganz zu schweigen vom drohenden Ende der flächendeckenden Bahn für alle. Der Journalist Markus Wacket beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung der Deutschen Bahn. Er zeigt, mit welchen Methoden Hartmut Mehdorn das Staatsunternehmen nach seinen Vorstellungen umbaut, wie er gegen Kritiker vorgeht und wie er zu einem der mächtigsten und umstrittensten Manager Deutschlands geworden ist.
Wie Hartmut Mehdorn die Bahn an die Börse bringt
Pünktlich zum Beschluss der großen Koalition über die Teilprivatisierung der Deutschen Bahn AG ist ein Buch erschienen, das den zuweilen steinigen Weg des Unternehmens und seines Vorstandsvorsitzenden bis zu diesem Ereignis nachzeichnet: "Mehdorn, die Bahn und die Börse". Der Autor Markus Wacket, Journalist der Nachrichtenagentur Reuters, hat Bahnchef Hartmut Mehdorn seit 1999 kritisch begleitet. An seiner Person beschreibt Wacket das politische Lehrstück, das die Privatisierung des letzten großen Bundesunternehmens seit Jahren bietet, diese Mixtur aus Gutachtenschlachten und Parlamentsdebatten, gewürzt mit persönlichen Verletzungen. Einiges wäre ohne Mehdorn anders verlaufen, deshalb ist er der Dreh- und Angelpunkt in Wackets Buch.
Dennoch ist das Buch keine Biographie und auch mehr als eine bloße Dokumentation des Chronisten - auch wenn es sich an einigen Stellen so liest. Wacket belegt in einer Mischung aus Anerkennung und Abscheu die Strategie Mehdorns, der von Beginn an nur ein Ziel verfolgt: die Krönung der Bahnreform und seines eigenen Managerlebens durch einen Börsengang. Wacket nennt dies "an Fanatismus grenzenden Elan" und zitiert aus unzähligen internen Protokollen, Vermerken und aus Mehdorns Briefen, die dieser quer durch das Land verschickt. So ist abzulesen, wie es dem Bahnchef gelingt, Kollegen, Konkurrenten und Politiker, die sich diesem Ziel (zuweilen vermeintlich) in den Weg stellen, auszuschalten - Verkehrsminister Kurt Bodewig und Aufsichtsratschef Dieter Vogel sind die prominentesten Beispiele.
Fast erstaunt beschreibt Wacket, wie sich Mehdorn selbst in härtesten Krisenzeiten, etwa dem Chaos nach der erfolglosen Einführung eines neuen Preissystems, an der Konzernspitze hält - im Schulterschluss mit der mächtigen Bahngewerkschaft Transnet und mit Unterstützung der politischen Führung. Zunächst ist es die rot-grüne Bundesregierung, später die große Koalition, die Mehdorn, den "Mann für das Grobe", weitgehend frei agieren lassen.
In dem Buch fehlen die letzten turbulenten Wendungen in der Privatisierungsdebatte, die sich seit dem Hamburger SPD-Parteitag im Oktober 2007 ergeben haben. Das ist bedauerlich, denn der aktuelle Koalitionsbeschluss ist erst aus dem Druck zu erklären, den die Parteilinke auf die Parteiführung ausübte, um das Privatisierungsvorhaben ganz zu torpedieren.
Wacket macht kein Hehl daraus, dass er Mehdorns Plan, die Bahn als "integrierten Konzern" an die Börse zu bringen, ablehnt. Tatsächlich wird Mehdorns Traum nicht ganz nach dieser Maßgabe in Erfüllung gehen, denn das beschlossene Konzept birgt zumindest den Ansatz für eine aus Wettbewerbsgründen wünschenswerte Trennung von Netz und Betrieb. Selbstredend aber, dass Mehdorn die gefürchtete "Zerschlagung" des Konzerns, den klaren Schnitt zwischen Privat und Staat, vermeiden konnte.
KERSTIN SCHWENN
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