Ein unerwarteter Text aus dem Nachlass des großen Historikers: Sein autobiographischer Rückblick, im 80. Lebensjahr vollendet, sprachmächtig, altersweise und streitbar zugleich.
Arno Borsts Leben mit der Geschichte, von den familiengeschichtlichen Funden des Halbwüchsigen bis zu den Editionen, in denen er die vielschichtigen Überlieferungen mittelalterlichen Naturwissens zugänglich machte. Es ist die Selbstdeutung eines Forschers, dessen Neugier die Beschränktheiten seines Fachs souverän überstieg. Ein eigenwilliger Weg im Kontext der europäischen Geschichtswissenschaft seit 1950, der den Historikern eine Schlüsselrolle zuweist: Was sie leisten können und müssen, ist lebenswichtig genug: dem vielstimmigen Gespräch der vor ihnen Gestorbenen zuzuhören und es für die nach ihnen Geborenen aufzuzeichnen.
Arno Borsts Leben mit der Geschichte, von den familiengeschichtlichen Funden des Halbwüchsigen bis zu den Editionen, in denen er die vielschichtigen Überlieferungen mittelalterlichen Naturwissens zugänglich machte. Es ist die Selbstdeutung eines Forschers, dessen Neugier die Beschränktheiten seines Fachs souverän überstieg. Ein eigenwilliger Weg im Kontext der europäischen Geschichtswissenschaft seit 1950, der den Historikern eine Schlüsselrolle zuweist: Was sie leisten können und müssen, ist lebenswichtig genug: dem vielstimmigen Gespräch der vor ihnen Gestorbenen zuzuhören und es für die nach ihnen Geborenen aufzuzeichnen.
Arno Borst, der Autor der "Lebensformen im Mittelalter", hat in seinem letzten Buch über die Form seines eigenen Lebens Rechenschaft abgelegt.
Von Patrick Bahners
Der Autor, der in diesem kurzen Buch seine Geschichte aufgeschrieben hat, stellt sich vor als gewesener Barbar. Im ersten Satz des autobiographischen Abrisses, den der Historiker Arno Borst im Februar 2005, drei Monate vor seinem achtzigsten Geburtstag, zwei Jahre vor seinem Tod, seinem Schüler Gustav Seibt übergab, zitiert er die Bestimmung der Geschichte, die Johan Huizinga 1929 formuliert hatte: sie sei "die geistige Form, in der sich eine Kultur über ihre Vergangenheit Rechenschaft gebe". Der zweite Satz ordnet die Definition in den Kontext ihrer Zeit ein: Sie "widersprach dem Zeitvertreib moderner Barbaren, beliebige Vergangenheiten heimzusuchen und teils zu zerschlagen, teils zu verschleppen". Der dritte Satz tritt hinüber in den Lebensbericht: "Bevor mich Huizingas Forderung 1945 erreichte, brauchte auch ich Geschichte, wenn überhaupt, wie ein Spielzeug, das man irgendwo aufliest und nachher wegwirft."
Den Topos der Historismuskritik, in der spätzeitlichen Aneignung und Transposition frei ausgewählter Überlieferungen schlage die Zivilisation auf dem Höhepunkt der Verfeinerung wieder in die Barbarei um, spitzt Borst in unerhörter Weise zu. Er nimmt die polemische Vokabel beim Wort, indem er wie auf einem Historiengemälde die Barbaren bei den Tätigkeiten zeigt, die ihnen das abendländische Gedächtnis als typische zuweist. Aber mit dem Zerschlagen und dem Verschleppen assoziieren Borsts nachgeborene Zeitgenossen zwangsläufig die kriegerische Vernichtungspolitik der totalen Räuberstaaten. Die Umdeutung nach Lust und Laune, der sich alle Epochen in neuester Zeit ausgesetzt sehen, hat ihr Analogon in der mörderischen Willkür der Bevölkerungspolitik. Das drastische Bild ist keine Geschmacklosigkeit, weil es zwischen Historismus und Nationalsozialismus lebensweltliche Verbindungen gibt. Die Historiker des Hitlerstaates nahmen gewaltsame Revisionen des Geschichtsbildes vor, die den Eroberungen und Vertreibungen Scheingründe lieferten. Die Eroberer okkupierten auch die Archive und Bibliotheken, verhängten Publikationsverbote und brachten Gelehrte ins Konzentrationslager. Auch der Historiker, der das Buch über den "Herbst des Mittelalters" geschrieben hatte, wurde interniert.
Huizingas Definition der Geschichte ist zum Sprichwort geworden. Diskreter als mit diesem Zitat kann kein Historiker seine Geschichte einleiten, denn diesen Satz wird jeder unterschreiben. Es ist aber nicht nur für Borsts Memoirenbuch charakteristisch, dass sich in der Neigung seines Stils zum Allgemeinsten das Persönlichste verbirgt. Borsts Lebensarbeit hat Huizingas Definition, die den Historiker in anthropologischer Pointierung der Erkenntniskritik auf den Horizont der eigenen Zeit verwies, erweitert oder präzisiert: Rechenschaft in Form der Geschichte legt die Kultur nicht nur sich selbst gegenüber ab, sondern auch gegenüber den Toten, die sozusagen wieder in den Kreis der Mitlebenden eintreten, fast wie in der mittelalterlichen Memorialkultur die Vorfahren oder verstorbenen Mitbrüder. Borst berichtet, dass ihm im gelehrten Gespräch die Toten immer häufiger die lebenden Partner ersetzen mussten. Für ihn sind Vergangenheiten die Gemeinschaften gleichzeitig lebender Menschen; deshalb kann er sich ihre Verschleppung vorstellen.
Zu Huizinga ist er in ein Verhältnis der postumen Schülerschaft getreten. Der große Aufsatz über Borsts Erinnerungen an den 8. Mai 1945, seinen zwanzigsten Geburtstag, der in dieser Zeitung am 8. Mai 1995 erschien und im Anhang des Buches neu gedruckt wird, enthält eine Art Urszene dieses Verhältnisses, eine Notiz über eine versäumte Begegnung. Als Funker wurde Borst im Februar 1945 von einer Kompanie abgezogen, die an der Maas kämpfte. Auf dem Weg nach Osten kam er in De Steeg bei Arnheim vorbei. Dort hatten, was er "Jahre danach" erfuhr, "sieben Tage zuvor Verbannung und Hunger meinem späteren Lehrmeister, dem Leidener Historiker Johan Huizinga, das Herz gebrochen, kurz vor seiner Befreiung".
Borst kam zu spät, hätte aber die Befreiung nicht beschleunigen können. Ein Fall von Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen: Der Soldat, der am 8. Februar 1945 durch De Steeg kam, war noch nicht der künftige Historiker. Dieser wurde Borst erst durch die Erfahrung des Kriegsendes; vorher war die Geschichte für ihn angeblich eben bestenfalls ein Spielzeug. Er dämonisiert eine unsystematische, nicht kontinuierliche Neugier, die vielleicht fast jeder andere als unschuldig angesehen hätte, wenn er sein zu Schulzeiten nur kursorisches Geschichtsinteresse in den Zusammenhang der Plünderungen der modernen Barbaren stellt. Gleichzeitig kennzeichnet er seine Begeisterung für Naturwissenschaft und Technik und seinen Wunsch, Chemiker zu werden, als zeittypische Verblendung.
Allerdings bieten seine Mitteilungen über Kindheit und Jugend durchaus Indizien dafür, dass er sein Leben dem Studium und der Produktion von Worten widmen sollte. "Die Klassenkameraden fürchteten meinen Wortschwall im Unterricht und rächten sich auf dem Schulhof durch Körperkraft. Da ich in der Hitlerjugend auf dieselben Bauernjungen traf, wiederholte sich bei Heimabenden und Freiluftsport das grausame Spiel. Umso eifriger versuchte ich mich im stillen Lesen, Schreiben und sogar Dichten." Heiß liebte er "Zahlenspiele", noch heißer aber "Sprachspiele". Er betrachtete "Spielarten der Geschichte" schon mit einer Vorliebe für das Mittelalter, wenn er mit dem Vater, einem Schulrat, der 1945 "als Obernazi im Gefängnis" sitzen sollte, in Burgruinen herumkletterte und Wolframs "Parsifal" las.
Als er im Frühling 1945 die Heiterkeit erlebte, die die Bürger von Bologna sich weder von den deutschen Besatzern noch von den alliierten Bombern nehmen ließen, "begriff" er plötzlich den "Mut zur Lebensgeschichte". In einen Gegensatz zu diesem "Mut zur Vergänglichkeit" stellt er seinen bisherigen Lebensentwurf, den "Entschluss zum nachrichtentechnischen oder naturwissenschaftlichen Fortschritt", den er im Rückblick als "spielerisch" erkennt. Es siegte in der Niederlage nicht romanische Leichtigkeit über deutschen Ernst. Was er begriff am Tag eines Besuchs der "Traviata" und später auf den Begriff der Lebensform brachte, forderte eine "Anstrengung", auf die ihn der frivole Leistungsfanatismus der nationalsozialistischen Schule nicht vorbereitet hatte.
Borsts Spiel mit Varianten des Wortes "Spiel" auf den sieben Seiten des ersten Kapitels deutet an, dass seine Geschichte seinem Lehrmeister kein Rätsel gewesen wäre, dem Verfasser des "Homo Ludens". Borst erwähnt dieses Buch im siebten Kapitel, um den Horizont seiner Monographie über das "mittelalterliche Zahlenkampfspiel" zu markieren. Von den gelehrten Arbeiten handelt "Meine Geschichte" - der Titel ist vom Autor - in der Hauptsache. Was die Einsamkeit der Erarbeitung dieser Studien zur Wiedergewinnung humaner Geselligkeit über die Kultur sagt, die in ihnen Rechenschaft ablegte, ist eine Frage für andere Historiker.
Gustav Seibt verweist in seinem Nachwort auf autobiographische Züge früherer Schriften Borsts, beispielsweise auch eines Aufsatzes von 1966 über "Das Bild der Geschichte in der Enzyklopädie Isidors von Sevilla". Dort bestimmt Borst mit einem Isidor-Zitat das Erkenntnisinteresse, das sein gesamtes Werk geleitet hat und in diesem letzten Buch zu sich kommt: "Wir erkennen das Wesen des Menschen, wenn wir uns einen bestimmten Menschen ante oculos stellen."
Arno Borst: "Meine Geschichte". Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gustav Seibt. Libelle Verlag, Lengwil 2009. 124 S., geb., 16,90 [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension
Tiefe Bewunderung für Arno Borst spricht aus Johannes Frieds Kritik dieses Lebensrückblicks des 2007 gestorbenen Historikers. Die Doppeldeutigkeit des Titels, der sowohl auf die eigene Lebensgeschichte wie auch auf das Werk verweist, scheint dem Rezensenten dabei sehr passend, seien bei Borst der Lebensweg und das auf die Erforschung des Mittelalters konzentrierte berufliche Leben doch eng verknüpft. Borst umreißt die lebensgeschichtlichen Stationen und verknüpft sie immer wieder mit seinen Schriften, was dem Interessierten die "Orientierung im Riesenwerk" erleichtert, so Fried, selbst ausgewiesener Mittelalterexperte. Den humanistischen Grundsätzen Jan Huizingas verpflichtet lässt sich ein melancholischer Grundzug in diesem Rückblick konstatieren, aus dem sich eine "tiefe Sorge" um die Entwicklung der Geschichtswissenschaft und der Kulturpolitik herauslesen lässt, erklärt der Rezensent. Für ihn erweisen sich die Memoiren als beeindruckendes, postumes Geschenk eines bedeutenden Geschichtswissenschaftlers, das durch das "ergänzende und feine Nachwort" von Gustav Seibt zusätzlichen Glanz erhält.
© Perlentaucher Medien GmbH
© Perlentaucher Medien GmbH