"Paradies, irisch" erzählt den verblüffend aktuellen Fall einer frühen Versöhnung in der Terrorgeschichte zwischen Engländern und Iren, Katholiken und Protestanten - unter dem weitsichtigen Bürgermeister Lynch, von dem es heißt, er sei der unselige Namensgeber für eine Perversion der Justiz.
Jürgen Lodemann beschwört ein Paradies auf Erden
Galway, eine aufstrebende Handelsmetropole, befindet sich Mitte des sechzehnten Jahrhunderts auf dem Höhepunkt: Der weise Bürgermeister Lynch kehrt reichbeladen mit drei Schiffen aus Spanien zurück, begleitet von Juan, dem einzigen Sohn eines spanischen Handelsfreunds. Zur Heimkehr feiert die Bürgerschaft ein großes Fest, bei dem zugleich die Vermählung von Lynchs Sohn Pat mit Agnes Joyes, der Tochter einer rivalisierenden Familie, bekanntgegeben wird. Die künftige Eintracht scheint endgültig besiegelt zu sein.
Mindestens drei Erzählabsichten verbindet Jürgen Lodemann, der langjährige Literaturredakteur des Südwestrundfunks, mit seinem Stoff. Zum einen geht es ihm, gleichsam anknüpfend an seine Erneuerung des Nibelungenepos vor einigen Jahren, um eine Geschichte von epischer Wucht und geradezu klassischer Tragik. Zahlreiche Vorausdeutungen und unheilvolle Omen lassen von Anfang an keinen Zweifel am letztlich negativen Ausgang des Romans. Auch die Konzentration des Geschehens auf gerade einmal vier Tage und die Herauskristallisierung von Lynch als einsamem Helden, der schließlich zum Richter und Henker seines Sohns wird, fügen sich in diesen Kontext.
Zum Zweiten erzählt er eine Geschichte aus dem Zeitalter vor dem "Prozess der Zivilisation". Lodemann schwelgt, auch sprachlich, in derb-fröhlichen Bildern. Die Lust am kreatürlichen Leben bricht sich Bahn, sei es im Bereich des Kulinarischen oder der Sexualität. Freilich unterscheidet er dabei verschiedene Milieus und Schichten, denn die einfachen Bewohner der Unterstadt, die alteingesessenen reichen Familien oder die leidlich gezähmten englischen Grafen haben ihre je eigenen Sitten und Vorstellungen. Und drittens schließlich wird, der Buchtitel deutet es an, ein Paradies auf Erden beschworen. Lynch arbeitet mit allen Mitteln daran, ein vernünftiges Gemeinwesen zu konstituieren, das auf den drei Leitbegriffen Gerechtigkeit, Wohlstand und Verfassung beruht. Beteiligung aller am wachsenden Gewinn, religiöse Toleranz und Zugeständnisse an die alten Bräuche der gälischen Ureinwohner gehören zu dessen Kennzeichen. Unterschwellige Unzufriedenheit indes schließt dies nicht aus. So sind die englisch-irischen Spannungen nicht gänzlich auszuschalten, und auch gegenüber der synkretistischen Religion Galways, einem bunten Gemisch von heidnischen, katholischen, protestantischen und hedonistischen Elementen, gibt es Vorbehalte, nicht nur in Person des spanischen Paters Ricardo.
Die Frage ist, ob die verschiedenen Erzählschichten zusammenpassen. Löst in einem Gemeinwesen, in dem Promiskuität an der Tagesordnung zu sein scheint, ja regelrecht gefeiert wird, sexuelle Untreue - Pat stürzt Juan von einer Klippe, nachdem dieser mit Agnes geschlafen hat - tatsächlich eine Katastrophe aus? Ist es nachvollziehbar, dass Betty nach Hunderten von Seiten urplötzlich zur humanen Fechterin gegen die Todesstrafe wird? Und warum haben Juan und Agnes Pat am Tag der Bekanntgabe der Vermählung eigentlich betrogen? Nur als Tribut an die magisch beschworenen Galwayer Verrücktheiten?
Lodemann scheint es ernst zu sein mit seinem irischen Paradies. In langatmigen Rededuellen darf Lynch die Vernünftigkeit des von ihm errichteten Gemeinwesens verteidigen und letztlich sogar den Pater Ricardo, der eine Rückkehr zum katholischen Glauben anmahnt, mit bebender Entschlossenheit aus dem Fenster werfen. An der geradezu gewaltsamen, ganz subjektiven Zuspitzung des historischen Stoffes kann es keinen Zweifel geben, wie schon die Verlegung des legendenumrankten Geschehens aus dem Jahr 1493 in die Zeit nach der Reformation belegt.
Vater Lynch wird am Ende zum eisernen Verteidiger und, so insinuiert Lodemann, Totengräber des Galwayer Gemeinwesens. Er stellt die Verfassungsprinzipien über seine Vatergefühle und vollzieht das Todesurteil mit eigener Hand. Die vernünftige Ordnung dementiert sich durch diese beispiellose Grausamkeit selbst, ohne dass in der letztlich fatalistischen Geschichte eine Handlungsalternative aufgeschienen wäre.
THOMAS MEISSNER
Jürgen Lodemann: "Paradies, irisch". Roman.
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2008. 406 S., geb., 24,- [Euro].
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
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