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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.02.2002

Was uns von unserem Fleisch unterscheidet
Pathologin als Anwältin der Wunden: Die Krimiautorin Patricia Cornwell und das Universum des Bösen / Von Thomas Hettche

Unweigerlich komplettiert sich das Universum der Patricia Cornwell. Erst im vergangenen Frühjahr erschien der Roman "Brandherd", im letzten Herbst "Blinder Passagier" und in diesem Frühjahr mit "Kreuz des Südens" bereits die elfte deutsche Übersetzung von zwölf Kriminalromanen, in denen die Figur der Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta ihrem Handwerk nachgeht. Nun hat es in der Kriminalliteratur eine ganz besondere Bewandtnis mit dem Prinzip der Serie, das in anderen literarischen Disziplinen als etwas unfein gilt, weil es stets an Karl May erinnert und andere handwerklich beliebig verfertigbare Paradiese. Dagegen gleichen die Weltenpläne des Kriminalromans jedoch meist Versuchsanordnungen, Reihenuntersuchungen eines notorisch eher teuflischen denn göttlichen Plans. Und eben das macht die Fall-Genealogien eines Sherlock Holmes oder Sam Spade so interessant.

Als Mitschrift ihrer Zeit treffen sie nicht erst seit jenen beiden Säulenheiligen der Gattung oftmals hellsichtig das Aroma der jeweiligen Gegenwart, und nicht nur der Kriminalist Dürrenmatt debattierte in Form von Geschichten mit seiner Zeit. Es erweist sich das Verbrechen immer wieder als die Folie, auf der die Ängste einer Gesellschaft sich besonders deutlich abbilden. Auch die Welt der Patricia Cornwell ist schon von der Anlage her nicht eigentlich licht, und folgt man ihrer Heldin durch die Geschichten, bemerkt man, wie sich der Himmel immer noch weiter zuzieht.

Doch erst seit dem 11. September gewinnt die düstere Perspektive dieser Autorin, die als erfolgreichste ihres Genres gilt, seine beklemmende Aktualität und visionäre Kraft. Denn bei dem, was Patricia Cornwell in ihren Büchern debattiert, Roman für Roman ihre Argumente weiter zuspitzend, handelt es sich im Kern um die Frage, wie die westlichen Gesellschaften mit dem Problem einer gesichtslosen, psychopathischen Gewalt umgehen sollen, die sich nicht nur allem Verständnis und aller Ansprache entzieht, sondern durch ihre Unfaßbarkeit auch jeden sozialen Raum vergiftet.

Eröffnet hat die Autorin dieses Selbstgespräch mit "Ein Fall für Kay Scarpetta", erschienen in den Vereinigten Staaten 1990. Kay Scarpetta, Juristin und Gerichtsmedizinerin, wird in Richmond zum Chief Medical Examiner des Staates Virginia berufen. Im Gegensatz zum amtlichen Leichenbeschauer hierzulande kommen dem Medical Examiner weitreichende Kompetenzen zu. Seine Aufgabe ist es, bei allen Todesfällen, die den Verdacht auf ein Verbrechen nahelegen, die Todesursache zu ermitteln und dazu selbständig Untersuchungen durchzuführen. Zwangsläufig tritt die intellektuelle, gewissenhafte Kay dabei in Konkurrenz zur Polizei, und aus diesem Konflikt ziehen die Romane Patricia Cornwells einen wesentlichen Teil ihrer Spannung.

Scarpettas Gegenspieler im ersten und Partner in allen folgenden Romanen ist Pete Marino, ein Cop aus dem Bilderbuch des hard-boiled Krimis. Vertritt die Pathologin kultiviert, körperbewußt und politisch höchst korrekt die neue Zeit, so ist der kettenrauchende, übergewichtige Chauvinist Marino die bauchgewordene Vergangenheit. In den ersten Romanen wird die Arbeit der Gerichtsmedizinerin noch deutlich vom Klischee ihrer italoamerikanischen Herkunft gepuffert. Die Vorliebe fürs Kochen und guten Rotwein scheint den grausamen Alltag auszubalancieren. Man merkt, wie sehr die Autorin sich mit der kultivierten Kay Scarpetta identifiziert. "Ich würde mich fast immer ihrer Meinung anschließen", sagte Patricia Cornwell einmal in einem Interview. "Das gilt auch für ihren Charakter. Was sie als moralisch, richtig, anständig und gerecht betrachtet, empfinde auch ich so. Wir haben einen ähnlichen Geschmack, was Kunst, Musik und Essen angeht. Bis zu einem gewissen Grad schreibe ich über die Welt, in der ich lebe." Der Lebensentwurf ihrer Heldin jedoch funktioniert leider immer weniger.

Während sie ihren Partner Marino zunächst noch mit Essenseinladungen von der italienischen Kochkunst im speziellen und von einem gesünderen Lebenswandel im allgemeinen überzeugen will, tritt an die Stelle des Weins immer häufiger Whisky. "Was ich allerdings gern unter die Lupe nehme, ist die Auswirkung des Berufs auf den Menschen. Wie ist es, wenn man so jemand ist? Und wenn ich ein neues Scarpetta-Buch in Angriff nehme, frage ich mich: Wie fühlt man sich in ihrer Haut?"

In der Tat lassen sich die Romane auch lesen als Protokolle einer beruflichen Deformation durch den Tod. Patricia Cornwell exekutiert dies exemplarisch am Schicksal von Lucy Farinelli, der Nichte ihrer Heldin. Gelingt es dieser zunächst noch, der Tochter ihrer verantwortungslosen Schwester ein Zuhause zu bieten, so treibt die Unzuverlässigkeit der arbeitssüchtigen Lieblingstante das Mädchen immer mehr in die Einsamkeit. Nach verschiedenen Episoden des Scheiterns bleibt der so depressiven wie intelligenten jungen Frau nur das selbstzerstörerische Leben als Undercoveragentin eines Sondereinsatzkommandos im Kampf gegen Drogen- und Waffenhandel. Überhaupt verwendet Patricia Cornwell in all ihren Romanen viel Mühe darauf, den Alltag in den verschiedenen Institutionen der Rechtspflege zu beschreiben. Das Gerichtsmedizinische Institut entpuppt sich dabei ebenso wie Polizeibehörde und Staatsanwaltschaft als tendenziell durch die mediale Öffentlichkeit korrumpiert.

Vor allem aber das FBI - und dort explizit jene Abteilung von Profilern, in der schon Clarice Starling in Thomas Harris "Das Schweigen der Lämmer" Dienst tat - spielt bei Cornwell nicht zufällig eine höchst ambivalente Rolle. Schließlich begann fast zur selben Zeit, als der Profiler sich zur aktuellen Figuration des Detektivs mauserte, auch die Gerichtsmedizin die Phantasie von Literatur und Film zu beschäftigen. Was wichtig ist, weil dieses Genre in ganz besonderer Weise dazu tendiert, weniger in seinen Plots als vielmehr in den Hauptfiguren selbst einen Inbegriff der Zeit zu kondensieren. In derselben Weise, wie Sherlock Holmes die frühmoderne Medien- und Technikverliebtheit der Metropole London in sich trägt und Edgar Allan Poes feinnerviger Auguste Dupin Exponent einer gedankenspielerischen Kriminalliteratur des neunzehnten Jahrhunderts ist, verkörpert Raymond Chandlers Privatdetektiv Marlowe die Resignation und Müdigkeit einer Zeit, die weiß, daß alle Geschichten schlecht ausgehen, und einem nichts bleibt, als zu warten, bis das Leben sie zu Ende erzählt. Darin aber ist er Inbegriff eines fin de siècle der amerikanischen Westküste auf dem Höhepunkt der ersten großen Blüte der Kinoindustrie Hollywoods.

In eben diesem Sinn ist auch der Pathologe als Held der Kriminalliteratur Kondensat der Gegenwart. Und wie Holmes auf Watson angewiesen bleibt, ist der kalte Stahl der Sektion undenkbar ohne die Einfühlung des Profilers. Wie bei seinen Vorgängern entwickelt das Genre auch im Fall des Pathologen erst in der Nähe zum Gegner seine spezifische Konfliktsituation, aus der sich der Funke der Zeiterkenntnis schlagen läßt.

Heute ist der Gegner von Profiler und Pathologe, dem gespaltenen Bruderpaar der Aufklärung, der Psychopath. Und das erste, was sich über diese literarische Figur sagen läßt, ist, daß sie zusammenzufügen scheint, was die ungleichen Brüder getrennt verkörpern. Der forensischen Akribie der Pathologin entspricht die Lust an der Verstümmelung ebenso wie die Einfühlung des Profilers auf den kreativen Narzißmus des Kranken antwortet. "Wenn es nach mir ginge", resümiert Cornwell die Veränderung, die diese Imago des Bösen für den Kriminalroman bedeutet, "könnte man die Kategorie Detektivromane ganz abschaffen, denn es handelt sich wirklich um ein veraltetes Genre und steht meiner Meinung nach nicht für das, was heute geschrieben wird. Also, Detektivromane halten sich seit jeher an die Konventionen eines Genres, das mit verdeckten Hinweisen, falschen Spuren und allen möglichen Dingen operiert, die im Zeitalter von DNS, alternierenden Lichtquellen und Serienmorden ausgesprochen albern ist."

Das aber bedeutet - und Patricia Cornwell führt es Roman für Roman in immer größerer Deutlichkeit vor -, daß Polizisten vom Schlage Pete Marino das traurige Maskottchen einer Zeit sind, in der die Gewalt noch einen Sinn hatte. Für den Täter zunächst, doch damit schließlich auch für das Opfer und das Gemeinwesen, zu dessen Selbstverständnis es gehört, den einzelnen zu schützen. Die mediale Verstörung, die der 11. September ausstrahlt wie Schockwellen von einem Erdbeben, hat zum einen in der plötzlich faßbar gewordenen Schutzlosigkeit ihren Grund, sicher aber auch darin, daß die Menschen der westlichen Gesellschaften seit langem schon einer Erschütterung jeder Sicherheit ausgesetzt sind. Die Unmöglichkeit von Politik radikalisiert sich im gesichtslosen Verbrechen.

Das aber ist eine Erfahrung, mit der Patricia Cornwell umgeht. Kay Scarpetta ist, indem sie jeder Möglichkeit politischen Handelns mißtraut, zugleich die bessere Polizistin. Sie, die Pathologin, ist Anwältin der Wunden und darin so unerbittlich wie der Tod selbst, der ihr seine Opfer bringt. Gerichtsmedizin ist für sie eine Profession, bei der es weniger auf Verständnis ankommt als auf Entzifferung. So ist sie am denkbar weitesten von Vergebung entfernt: Kay Scarpetta will, daß dem Leid Gerechtigkeit widerfährt, denn geblieben ist ihr nur der Schmerz, in dem sie ebenso gefangen ist wie der gesichtslose Täter, dessen Taten sie entziffert. "Die wirklich abscheulichen Verbrechen, die unser Land so stark faszinieren und über die uns das Gerichtsfernsehen informiert, werden oft von Menschen begangen, die das Opfer nicht einmal kannten. Denken Sie nur an Fälle wie Jeffrey Dahmer oder Charles Manson oder Ted Bundy - Verbrechen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen - das Beweismaterial stellt nicht unbedingt eine Verbindung zwischen Opfer und Täter her, weil sie sich gar nicht kannten."

Wenn also die Spurensuche als Versuch, das Gespräch mit dem Täter aufzunehmen, nicht mehr möglich ist, gilt es, sich in die Tat zu versenken. Spätestens die Seminare Hannibal Lecters haben uns gelehrt, daß der psychopathische Täter mit der Gesellschaft über die Kassiber seiner Opfer kommuniziert, in deren Verstümmelung es ihm einzig gelingt, sein eigenes Leid auszustellen. So aber wird die notwendige und exzessive Einfühlung des Profilers zur Einflugschneise und Infektionsbahn des Verbrechens in unsere Welt. Dieses literarische Muster ist nicht neu. So, wie Sherlock Holmes in Professor Moriarty einer Bedrohung seines eigenen, drogensüchtigen und einzelgängerischen Ichs begegnet, führt auch Bram Stokers "Dracula" die angstlustvolle Gefahr, dem Bösen zu verfallen, exemplarisch vor. Und Bret Easton Ellis "American Psycho" schließlich lockt den Leser mit Hilfe der Verbrüderung im Namen globaler Brands in die Lust am Leid anderer.

Der Psychopath wird auf diese Weise nobilitiert zum Initiator eines bestialischen intellektuellen Spiels, dessen Partner der Profiler ist. Zumindest literarisch hat die Faszination an diesem Spiel - und an seinem genialisch bösen Spieler - bewirkt, daß das Leid der Opfer wie bei Ellis in Darstellungen der Kälte gewissermaßen neutralisiert wurde oder ganz aus den Geschichten verschwand. Und wiederum ist es Clarice Starling, die Gegenspielerin des Professor Moriarty unserer Tage, die diese Verlockung bis zum Schluß geht. Es erscheint als ein sehr einfühlsames Arrangement des psychopathischen Psychoanalytikers Lecter, die Kapitulation seiner geliebten Gegenspielerin im Rahmen eines Abendessens stattfinden zu lassen, bei dem Starling das Hirn eines lebendigen Opfers verzehrt. Thomas Harris inszeniert in "Hannibal" eine Hochzeit mit dem Bösen, die explizit den Verzicht auf Einfühlung feiert, und zwar in der denkbar radikalsten Austreibung der Psychologie im Löffeln des Großhirns.

Aber es trägt dieser scheinbar endgültige Triumph des Bösen über die Einfühlung, einer schwarzen Psychologie über die Magie der weißen Analyse, zugleich sein Scheitern in sich. Das in den zerstörten Körper der Opfer aufgespeicherte Leid liest Kay Scarpetta. Und eben deshalb ist sie gegen die Verlockung des genialisch Bösen gefeit. Patricia Cornwells Pathologin agiert jenseits einer Dramaturgie der Einfühlung, was sie zur wohl modernsten Heldin in der Ahnenreihe des Kriminalromans macht.

Mutet es zunächst möglicherweise seltsam an, daß gerade eine Autorin, die sich derart vehement in die Betrachtung der Körper versenkt, auf dem beharrt, was uns von unserem Fleisch unterscheidet, spricht sich darin doch der Wunsch aus, die Würde des Todes nicht mißbrauchen zu lassen. "Eine Sektion", betont Patricia Cornwell, "erinnert an den gewaltigen Unterschied zwischen uns und unserem Körper. Wir bestehen nicht nur aus unserem Körper, glauben Sie mir. Denn wenn Sie den leblosen Körper sehen, wird Ihnen sofort klar, daß er ganz und gar nicht dem Menschen entspricht, der er einmal war." Das aber wird in der psychopathischen Tat, die den realen Menschen sozusagen überschreibt, geleugnet. Und im selben Maß, in dem die Ursache des Bösen nicht mehr gesellschaftlich gefaßt werden kann, ist auch das Ergebnis der Tat kein Leid mehr, das gesellschaftliche Relevanz beanspruchte und etwa den Schmerz der Angehörigen umfassen würde. Die Ursache bleibt eingeschlossen im Kopf des Täters, die Folge stumm am Leib des Opfers. Und die Pathologin Kay Scarpetta ist mit diesen Spuren des Leids allein.

Eine Autopsie", sagt Patricia Cornwell, "geht einem gegen den Strich. Alles, was damit zusammenhängt, ist im Vergleich zu unserem Alltagsleben sehr fremd. Wir sind es nicht gewohnt, einen tiefgefrorenen Körper zu berühren. Für mich ist das immer ein Schock, obwohl ich es bereits viele Male erlebt habe. Es ist so grundlegend anders als alles, was man als lebendiger Mensch in der normalen Welt erlebt."

Sie weiß, wovon sie spricht. Sie kann bei ihren Schilderungen auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen. Dr. Marcella Fierro, der sie den Roman "Vergebliche Entwarnung" widmet, ist das erkennbare reale Vorbild der Heldin Cornwells, die mehrere Jahre in Richmond als Polizeireporterin und vor allem unter Fierro am Forensischen Institut als Computerexpertin gearbeitet hat. Deutlich wird ihre Sachkenntnis nicht nur, wenn die "Stryker-Säge", mit der Schädel geöffnet werden, durch die Romane schrillt. Vielmehr entwickelt das Universum der Patricia Cornwell seinen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gerade im zunehmenden Verfall ihrer Heldin, die immer mehr zur Leid-Tragenden im Wortsinn wird. Als sei nicht für das Leben gemacht, wer Tag für Tag mit dem Tod umgeht.

"Brandherd", der im letzten Frühjahr erschienene Roman, markiert einen Endpunkt. Kay Scarpetta erscheint von realen und inneren Bedrohungen nahezu überwältigt. Die Beziehung zu ihrer Nichte droht endgültig zu zerbrechen, ihr Lebensgefährte, der FBI-Profiler Benton Wesley, ist in großer Gefahr, und aus der Vergangenheit taucht der Psychopath Temple Gault in Gestalt seiner einstigen Gefährtin Carrie Gretchen wieder auf. Und je größer das Leid für sie wird, desto mehr empfindet sich die Gerichtsmedizinerin selbst als gefährdet, zieht sich aus dem öffentlichen Raum zurück und beginnt, ihr Haus in einer jener gated communities, die sich in den Vereinigten Staaten immer weiter ausbreiten, immer mehr mit Alarmanlagen, Waffen und Kameras abzuriegeln. Die Angst geht soweit, daß die Pathologin es zunehmend vorzieht, sich mit dem Helikopter fortzubewegen. Natürlich ist es ein Symptom, was die Autorin dieserart an ihrer Figur exemplifiziert. In den Kriminalromanen Patricia Cornwells verschwindet der öffentliche Raum, weil die Spielregeln des Umgangs in ihm nicht mehr gelten.

Der trauernde Hinweis darauf ist wohl die verborgene Bedeutung der Herkunft Kay Scarpettas. In Miami geborene Italoamerikanerin der zweiten Generation, stammt ihre Familie aus Verona, der Stadt der Arena. Das Theater aber ist für den kriminalistischen Kosmos von allergrößter Wichtigkeit, denn das Drama des Verbrechens blieb immer in die aristotelische Einheit von Ort und Raum gebunden, in der die Anwesenheit von Täter und Ankläger die Möglichkeit des Verständnisses, von Schuld und Buße garantierte. Zerbricht diese dramatische Struktur, die Tat und Täter in einen Zusammenhang setzt, zerbricht die Organisation von Gesellschaft selbst. Wie will man dem begegnen, der nichts will und dessen Tat kein Statement mehr ist, sondern nichts als der Ausdruck einer unzugänglichen, radikalisierten Innenwelt? Das ist der Subtext der Romane Cornwelld.

Als drücke sich in all der symbolischen Gewalt gegen Körper, die ihrerseits ein unverkennbares Echo der allgemeinen Sexualisierung aller Verkehrsformen ist, geradezu ein Verschwinden der Körper im Realen aus. Es schwindet im obszönen Wachstum des Imaginären der öffentliche Raum. In diese Leere stoßen, so will es scheinen, Fundamentalismen jeder Couleur, indem sie Innenwelt und Außenwelt ebenso kurzschließen wie das Denken des Psychopathen. In diesem Sinn ist die Zerstörung des World Trade Centers auch ein Übergriff auf unsere Seelen. Jenseits des politischen Raums beginnt der Wahnsinn, weshalb den allgegenwärtigen Kriminalerzählungen vom Psychopathen eine besondere Bedeutung für das Verständnis unserer Reaktion auf das Ungeheure zukommt.

Kay Scarpetta, die Pathologin, weiß längst, daß die einfache Abwehr des Wahns erfolglos sein und den Täter nicht finden wird, weil diese Form der Abwehr unseren Anteil am Wahn leugnet. Daß eine solche Vermittlung ihrer kriminalistischen Kunst mit unserer Gegenwart nicht ganz an den Intentionen der Autorin vorbeigeht, legt der Eindruck nahe, Patricia Cornwell gestalte die zunehmende Verdüsterung ihrer Welt nicht ganz eigenmächtig. Angesichts der bleiernen Gefühlslage der Heldin, die zusehends vor dem Schmerz kapitulieren muß, der sich in jede Pore ihres Lebens gesetzt hat, mutet die Widmung, die sich in "Brandherd" findet - "Barbara Bush in dankbarer Bewunderung und herzlicher Zuneigung" - wie die Beschwörung einer heilen, aber vergangenen Welt an.

Um so verblüffender, daß "Blinder Passagier" das Universum der Kay Scarpetta wieder öffnet. Und zwar in Richtung Paris, wohin die Leichenbeschauerin aus Richmond der Spur eines unheimlichen Mörders folgt, der sich "Werwolf" nennt. Es scheint symptomatisch, daß die Autorin aus der Hölle des gesichtslosen, reinen Bösen, in der ihre Figur zu erstarren drohte, Zuflucht bei einer Geschichte sucht, die sich an Europa und seinen unmodernen Mythen delektiert. Die Romane Patricia Cornwells beschreiben implizit, in welch kalte Verödung es eine Gesellschaft führen muß, sich selbst aus Angst wieder einem, in welcher Weise auch immer fundamentalistischen tertium non datur zu überantworten. Dagegen gilt es - nicht nur im Kriminalroman und nicht nur in Europa - darauf zu beharren, daß kulturelle Identität sich keineswegs einzig aus der Zuordnung zu "Gut" oder "Böse" ergibt.

Der Autor, geboren 1964, lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien sein Roman "Der Fall Arbogast".

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