Radfahren ist mehr als stumpfsinnige Pedaltreterei, meint der Autor, nämlich - u.a. - Schmerzgenuss, Tanz, geistig-seelische Entschlackung, Präludium (und Freibrief) für jede Art Bacchanal, mitunter auch erotisches Vorspiel, jedenfalls nicht nur eine Tätigkeit der Muskeln, sondern nicht minder des Kopfes.
Seine Analyse des durchaus suchtrelevanten Phänomens beruht auf jahrelangem Selbstversuch und erstreckt sich thematisch von Aristoteles bis Armstrong (Lance), von Bergauffahren bis Beinrasur, von Wiegetritt bis Wagner (Richard). Der Verfasser unterlässt es keineswegs, darauf hinzuweisen, dass wie allen Passionen auch dieser neben ihrer emi- und permanenten Glücksversprechenseinlösung ein gewisses Maß an Bescheuertheit eignet.
Am ehesten verdichtet sich seine Passionsspiel-Philosophie in dem Merksatz: »Wer sich nach einer ausgiebigen Trainingstour den lukullischen Wonnen verschließt, ist - sofern er nicht mit Radfahren sein Geld verdienen muss - ein Idiot.«
Seine Analyse des durchaus suchtrelevanten Phänomens beruht auf jahrelangem Selbstversuch und erstreckt sich thematisch von Aristoteles bis Armstrong (Lance), von Bergauffahren bis Beinrasur, von Wiegetritt bis Wagner (Richard). Der Verfasser unterlässt es keineswegs, darauf hinzuweisen, dass wie allen Passionen auch dieser neben ihrer emi- und permanenten Glücksversprechenseinlösung ein gewisses Maß an Bescheuertheit eignet.
Am ehesten verdichtet sich seine Passionsspiel-Philosophie in dem Merksatz: »Wer sich nach einer ausgiebigen Trainingstour den lukullischen Wonnen verschließt, ist - sofern er nicht mit Radfahren sein Geld verdienen muss - ein Idiot.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.07.2006Neue Reisebücher
Für die Tasche Menschen, die auf Rennrädern Pässe der Tour de France (die heute in Paris zu Ende geht) hinaufradeln, beschäftigen sich für gewöhnlich weder mit Hegel noch mit Kant. Bislang galt: Der Mensch an sich kann sich entweder für Radsport oder für Philosophie begeistern. Doch das wunderbare Buch "Radfahren - Kleine Philosophie der Passionen" von Michael Klonovsky hebt diese Trennung zwischen Geist und Körper auf und vereint bislang für unvereinbar Gehaltenes: Baudelaire und Beinrasuren, Hegel und Hungeräste, Kant und Kettenblätter, Heidegger und Höhenmeter und so weiter.
Auf so etwas kommt natürlich nur, wer selbst passionierter Rennradfahrer ist, ein "nichtprofessioneller Hochgebirgsbergaufradler", ein "absurder Mensch par excellence" wie Klonovsky sich als Amateursportler beschreibt. Also einer, der auch weiß, was es bedeutet, wenn nicht das Hirn, sondern die Oberschenkel übersäuern. Einer, der sagt, er wollte einen "Beitrag zur Feuilletonisierung des Radsportes oder auch zur Verradsportlichung des Feuilletons" leisten und deswegen philosophische Texte als die Col du Galibiers und Alpe d'Huez und Mont Ventoux der Literatur betrachtet. Jeder Text habe "eine Länge, ein Streckenprofil, einen Schweregrad, und jeder Leser benötigt zu seiner Bewältigung einen individuellen Zeit- und Energieaufwand". Und wer die "Allerwelts-Belletristik" verläßt und sich auf "anspruchsvolleres Terrain" begibt, der merkt schnell, daß es ein gutes Gefühl ist, wenn man trotzdem zu folgen vermag. "Man genießt den Höhenzuwachs und die Aussicht ins Tal, hört gewissermaßen die Kuhglocken aus dem Tiefland, spürt aber mitunter auch die dünner werdende Luft und kann in Atemnot bis zur völligen Schwäche geraten." Irgendwann sei das Hirn übersäuert, es geht einfach nicht weiter, und am Ende ist es die Leidensfähigkeit, die zum Erfolg führt: "Ohne eine gewisse Selbstquälerei wären weder ,Der Ring des Nibelungen' noch Giottos Fresken noch die Allgemeine Relativitätstheorie entstanden."
asl
Michael Klonovsky: "Radfahren". Aus der dtv-Reihe "Kleine Philosophie der Passionen", 128 Seiten, 10 Euro.
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Für die Tasche Menschen, die auf Rennrädern Pässe der Tour de France (die heute in Paris zu Ende geht) hinaufradeln, beschäftigen sich für gewöhnlich weder mit Hegel noch mit Kant. Bislang galt: Der Mensch an sich kann sich entweder für Radsport oder für Philosophie begeistern. Doch das wunderbare Buch "Radfahren - Kleine Philosophie der Passionen" von Michael Klonovsky hebt diese Trennung zwischen Geist und Körper auf und vereint bislang für unvereinbar Gehaltenes: Baudelaire und Beinrasuren, Hegel und Hungeräste, Kant und Kettenblätter, Heidegger und Höhenmeter und so weiter.
Auf so etwas kommt natürlich nur, wer selbst passionierter Rennradfahrer ist, ein "nichtprofessioneller Hochgebirgsbergaufradler", ein "absurder Mensch par excellence" wie Klonovsky sich als Amateursportler beschreibt. Also einer, der auch weiß, was es bedeutet, wenn nicht das Hirn, sondern die Oberschenkel übersäuern. Einer, der sagt, er wollte einen "Beitrag zur Feuilletonisierung des Radsportes oder auch zur Verradsportlichung des Feuilletons" leisten und deswegen philosophische Texte als die Col du Galibiers und Alpe d'Huez und Mont Ventoux der Literatur betrachtet. Jeder Text habe "eine Länge, ein Streckenprofil, einen Schweregrad, und jeder Leser benötigt zu seiner Bewältigung einen individuellen Zeit- und Energieaufwand". Und wer die "Allerwelts-Belletristik" verläßt und sich auf "anspruchsvolleres Terrain" begibt, der merkt schnell, daß es ein gutes Gefühl ist, wenn man trotzdem zu folgen vermag. "Man genießt den Höhenzuwachs und die Aussicht ins Tal, hört gewissermaßen die Kuhglocken aus dem Tiefland, spürt aber mitunter auch die dünner werdende Luft und kann in Atemnot bis zur völligen Schwäche geraten." Irgendwann sei das Hirn übersäuert, es geht einfach nicht weiter, und am Ende ist es die Leidensfähigkeit, die zum Erfolg führt: "Ohne eine gewisse Selbstquälerei wären weder ,Der Ring des Nibelungen' noch Giottos Fresken noch die Allgemeine Relativitätstheorie entstanden."
asl
Michael Klonovsky: "Radfahren". Aus der dtv-Reihe "Kleine Philosophie der Passionen", 128 Seiten, 10 Euro.
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