Sankya, der jugendliche Held dieser mitreißenden Geschichte von Revolte, Liebe und Verrat, ist Mitglied einer militanten regimekritischen Gruppierung. Nach heftigen Krawallen in Moskau ist ihm die Sicherheitspolizei auf der Spur. Er flieht aufs Land und lebt vom spärlichen Gehalt der Mutter, die unter schlechtesten Bedingungen in einer Fabrik arbeitet und dem Leben ihres Sohnes völlig verständnislos gegenübersteht. Bald glaubt Sankya sich sicher und nimmt wieder Kontakt mit seiner Freundin auf - doch er gerät in einen Hinterhalt und wirdverhaftet. Im Gefängnis wird er Opfer von Folter und Erniedrigung. Was Spiel war, ist plötzlich blutiger Ernst.Prilepin, der mit diesem sozialrealistischen Roman an Gorkis 'Mutter' anknüpft, kritisiert bestehende Verhältnisse und zeigt drastisch die Dynamik der politischen Radikalisierung und die fatalen Folgen von Gewalt.
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Gegen das Regime kämpft der Autor nach Informationen der Rezensentin nurmehr mit der Tastatur. Zakhar Prilepins wilde Vergangenheit bürgt aber für ausreichend Zündstoff in diesem Buch um einen jungen Partisanen mit Verbindungen zur Partei "Sojus Sosidajuschtschich", findet Judith Leister. Der Roman, in Russland wegen seiner energiegeladenen Authentizität seit 2006 Kult, wie Leister berichtet, kommt der Rezensentin zwar recht männlich krawallig und ausgerichtet auf die gesellschaftliche Tat vor. Zwischendurch entdeckt die Rezensentin aber auch leise Töne. Etwa wenn Prilepin das Ideal der funktionierenden dörflichen Gemeinschaft schildert.
© Perlentaucher Medien GmbH
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Die Romane von Zakhar Prilepin werden in Russland gefeiert. Jetzt liegt "Sankya", eine mitreißende Geschichte über Revolte, Liebe und Verrat, auf Deutsch vor.
Sascha, genannt "Sankya", will Stachel sein im Fleisch des autoritären russischen Staates. Mit seinen Freunden von der Partei "Sojus Sosidajuschtschich", "Bund der Schaffenden", demonstriert er gegen die Korruption, die Rechtlosigkeit der einfachen Leute und - als russischer Patriot - irgendwie auch gegen die Globalisierung. Die jungen Aktivisten liefern sich Straßenschlachten mit der Miliz, werfen faule Eier auf Politiker, demolieren Autos, zertrümmern McDonald's-Filialen und Scientology-Büros. Einmal sprayen sie einen riesigen Penis auf eine Zugbrücke, um die gegenüber residierende Staatsmacht zur Weißglut zu treiben. Die Reaktionen des Regimes fallen humorlos aus. Aktivisten werden übel zugerichtet, manche wandern für Monate ins Gefängnis. Im Showdown von Zakhar Prilepins Roman "Sankya" werden die Spontis zu todesmutigen Partisanen, die mit dem Rücken zur Wand stehen.
Das Leben des 1975 geborenen Prilepin ist mit seinen Extremen und Widersprüchen eine eigene Erzählung wert. Nach einem Literaturstudium trat er der berüchtigten Polizeieinheit Omon bei und kämpfte in Tschetschenien. In den neunziger Jahren stieß er zu den Nationalbolschewiken, einer extremistischen Partei unter Führung des Schriftstellers und Lebemanns Eduard Limonow - über den übrigens bei Matthes & Seitz parallel ein lesenswertes Buch des französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère erschienen ist.
Die Flagge der Bewegung ist eine Kreuzung von nationalsozialistischer und kommunistischer Symbolik: Statt des Hakenkreuzes prangen Hammer und Sichel auf weiß-rotem Grund. Im Jahr 2005 - die "Nazboly" hatten sich gerade von ihrem fremdenfeindlichen Programm distanziert, den Traum vom russischen Imperium aber längst nicht aufgegeben - wurde die Gruppierung verboten. Heute ist Prilepin Redakteur der Nischnij Nowgoroder "Nowaja Gazeta", für die auch die ermordete Anna Politkowskaja tätig war. Von Gewalt hat er sich losgesagt; nicht jedoch von den "Nazboly". "Sankya" gilt als Schlüsselroman über die Partei.
Neben seinen journalistischen Arbeiten hat Prilepin einige Romane, Essays und Kurzgeschichten vorgelegt, die bereits vielfach übersetzt wurden und besonders in Frankreich großen Beifall fanden. Der erwähnte Emmanuel Carrère schrieb in "Limonow" über Prilepin, dieser sei im Begriff, "sowohl in seiner Heimat wie auch im Ausland vom Status des jungen Hoffnungsträgers zu dem eines Autors von garantierter Bedeutung" zu wechseln. Während "Sankya" jetzt als erstes seiner Bücher auf Deutsch greifbar ist, gilt es unter jungen linksgerichteten Russen seit seinem Erscheinen 2006 als Kultbuch. Prilepin genießt Respekt, weil er seine Ideen konsequent vertritt. Für viele verkörpert er eine authentische Form von Literatur: mutig, hungrig und voller Energie. Bei politischen Aktionen ist er oft verhaftet und verhört worden. Zu den Paradoxien des heutigen Russlands gehört es, dass er wegen seiner Vergangenheit bei der Omon von der Miliz auch geschont wurde.
Wie die "Nazboly" erscheint auch Prilepins "Sojus Sosidajuschtschich" in erster Linie als Jugendprotestbewegung, deren Spektrum von Turnschuh- bis zu Springerstiefelträgern reicht - im Roman wird die prekäre Abkürzung "SS" für den "Sojus" erwähnt. Die jungen "Bündler" bewundern das sowjetische "Projekt" und kämpfen gegen seine vermeintliche Verunglimpfung in der Gegenwart. Groß ist die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, in die "Gewissen", "Heimat" und "Ehre" projiziert werden. Nicht zufällig bewundert Sascha Fotos aus den dreißiger Jahren, die seine Großeltern als junge, zukunftsfrohe Menschen zeigen. Der "Große Vaterländische Krieg" ist fester Bezugspunkt. Da ist es nur logisch, dass Mitglieder des "Sojus" inhaftierten russischen Veteranen in Lettland zu Hilfe eilen. Bei einer Aktion besetzen sie den Rigaer Fernsehturm - ein lettischer Richter verhängt dafür absurde fünfzehn Jahre Gefängnis.
An diesem Punkt zündet die erste Eskalationsstufe des Romans. Sascha wird in Lettland von der Miliz halb totgeprügelt und bekommt anschließend vom "Sojus" den konspirativen Auftrag, den lettischen Richter zu ermorden. Aus Gründen, die hier nicht verraten werden sollen, führt er dies jedoch nicht aus. Kurz darauf wirft die Aktivistin Jana, zeitweilige Geliebte Saschas, eine Mayonnaise-Bombe auf das russische "Staatsoberhaupt", und die Situation gerät außer Kontrolle. Bei einer Vergeltungsaktion ermordet die Miliz zwei Aktivisten. Sascha und seine Freunde fassen den Plan, ein Gebäude des Innenministeriums zu besetzen. Die letzte Szene zeigt die Gruppe im belagerten Gouverneurssitz, eingekesselt von der Staatsgewalt. Dann bricht der Roman ab.
"Sankya" hat viel mit Männlichkeitsposen zu tun. Die - vornehmlich männlichen - Mitglieder des "Bunds" leben auf Kollisionskurs. Sie halten sich viel darauf zugute, eine Menge einstecken zu können. Sie saufen, stopfen sich mit Junkfood voll, prügeln sich mit kaukasischen Jugendlichen. Allerdings legt Prilepin in deutlicher Absetzbewegung zu den Anfängen der Nationalbolschewiken Wert darauf, seine "Bündler" nicht als Ausländerfeinde oder Antisemiten erscheinen zu lassen. Schlecht kommen dagegen die Liberalen weg, die Prilepin in Interviews immer wieder für ihren postmodernen Defätismus kritisiert. Ein äußerst zwiespältiges Verhältnis hat Sascha etwa zu einem Freund seines Vaters, dem liberalen Philosophiedozenten Besletow. Dieser sagt in einem Streitgespräch: "Es gibt keine Heimat mehr. Es ist vorbei, sie hat sich aufgelöst!" und "Ihr werdet gar nichts ändern!". Am Schluss, Besletow ist offenbar zum Regierungsberater mutiert, wirft Sascha ihn aus dem Fenster des besetzten Gebäudes.
Es gibt auch leise, fast zärtliche Töne in diesem krawallreichen Roman. Bei einem Besuch in seinem Heimatdorf wird Sascha von tiefer Melancholie ergriffen: Die meisten Männer haben sich totgesoffen oder -gefahren. Selbst die Alten betreiben keine Landwirtschaft mehr. Wunderliche Gestalten hausen in den verfallenen Katen. Noch trauriger wird es, als Sascha gemeinsam mit seiner Mutter den Sarg des Vaters - auch er ein Opfer des Alkohols - aus der Stadt ins Dorf bringen will. Mitten im Wald wirft der Fahrer sie aus dem Auto. Nun müssen sie den Sarg durch den tiefen Schnee ziehen, bis ihnen ein Bekannter mit einem Pferdefuhrwerk zu Hilfe eilt. An solchen Stellen ist der Roman in seinem Kern angelangt: wenn die dörfliche Gemeinschaft funktioniert und Menschen grundlegende Dinge - Mahlzeiten, Wärme, Freundschaft - miteinander teilen.
Auch wenn Prilepin der Gewalt abgeschworen hat - seinem Hang zur Provokation ist er wohl weiterhin treu. Er sieht sich darin in der Nachfolge der russischen Avantgarde, die mit Chlebnikow "dem öffentlichen Geschmack" "eine Ohrfeige" verabreichen wollte: Ziel ist der maximale Widerspruch zum System. In jedem Fall fühlt sich Prilepin, der von manchen einem verspäteten "Sozrealismus" zugerechnet wird, mit seinem Schreiben der gesellschaftlichen Tat verpflichtet. Dass dem Autor auch ganz andere Tonarten zur Verfügung stehen, offenbart sich in "Sankya" an eher beiläufigen Stellen: "Heftig und kurz, nur einige Minuten lang . . . ging ein Platzregen nieder, leise, leicht prasselnd, lustig und zart, als wäre ein vierjähriger Junge auf dem Fahrrad vorbeigefahren."
JUDITH LEISTER
Zakhar Prilepin: "Sankya". Roman. Aus dem Russischen von Erich Klein. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012. 362 S., geb., 22,90 [Euro].
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