In diesem Werk geht Machfus einen ganz neuen Weg, das Beziehungsgeflecht seines Lebens aufzuzeichnen. Er erzählt von Begegnungen aus der Kindheit, den Studententagen und aus seiner Karriere als Beamter, von Freunden und Feinden. Er führt uns von den Salons der Intellektuellen zu den Bordellen und Nachtclubs und zu den Gassen seiner Kindheit. Vierundfünfzig funkelnde, scharfsinnige, heitere, melancholische Menschenbilder fügen sich zu einem Kaleidoskop mit immer wieder neuen Mustern.
Der bekannte, mit Machfus befreundete ägyptische Maler Saif Wanli hat zu jedem der Porträts ein ebenso treffendes Bild geschaffen.
Der bekannte, mit Machfus befreundete ägyptische Maler Saif Wanli hat zu jedem der Porträts ein ebenso treffendes Bild geschaffen.
Nagib Machfus rollt den Teppich aus / Von Burkhard Scherer
Wenn Suad Wahbi den Hörsaal betrat, kam das dort übliche akademische Leben weitgehend zum Stillstand und wurde durch fiebrige erotische Phantasieproduktionen ersetzt. Die Kunde von diesem Phänomen erreichte bald auch fakultätsfremde Studenten, die daraufhin in steigender Zahl ihre Veranstaltungen sausen ließen, um an diesem besonderen Bildungserlebnis teilzunehmen. Das Ergebnis war ein zunehmender Tumult, den die Fakultätsleitung durch Relegation der Studentin Wahbi zu beenden suchte. Der ihrer Figur und ihrem Auftreten geschuldete Aufruhr ereignete sich, folgt man Nagib Machfus, 1930 an der Universität von Kairo. Dort sind heute 30 Prozent der Studierenden weiblich, damals war sie eine der ersten Kommilitoninnen.
Die Zeiten ändern sich. Wie sie das im Geschlechterverhältnis tun, ist ein implizites Thema (neben beeindruckend vielen anderen) der "Spiegelbilder" von Nagib Machfus. Der Ich-Erzähler dieses rund 50 Jahre umfassenden ägyptischen Gesellschaftsporträts in 54 subjektiven Kurzbiographien ist ebenfalls er. Wie auch wieder nicht. Einfacher ist das leider nicht zu haben, denn die äußeren biographischen Daten des Erzählers sind die von Machfus, und die von ihm geäußerte Weltsicht deckt sich mit dessen literarisch wie außerliterarisch geäußerten pessimistisch-humanen Ansichten. Und doch ist wieder nichts authentisch in dem Sinne, daß es die beschriebenen Personen mit diesen Namen und den ihnen zugeschriebenen Handlungen genau so gäbe.
Das muß schon aus juristischen Gründen so sein, denn ein guter Teil des traktierten Personals kommt, gelinde gesagt, wenig beschmeichelt davon. Das kulminiert etwa in der Qualifizierung des skrupellosen Karrieristen Zahair Kamil als einem "Wesen, das dermaßen von Fäulnis befallen (ist), daß sich selbst die Schmeißfliegen vor ihm ekeln". Den Leser überrascht ein solches Urteil nach dem, was vorher über Herrn Kamil berichtet wurde, nicht, im Gegenteil, es drängt sich auf. (Und es gibt Kenner der Kairoer Szene, die wissen, wer mit "Zahir Kamil" gemeint ist, und die das auch so sehen.) Herrn Kamil aber, gäbe es ihn als Zahir Kamil, hätte das vor Gericht getrieben, mit einer Beleidigungsklage, und zahlreiche andere ebenso. Das hätte Machfus leicht sein ganzes Nobelpreis-Geld gekostet, von dem er nebenbei noch 16 Jahre entfernt war.
"Spiegelbilder" erschien in Ägypten erstmals 1972, erreicht den deutschen Sprachraum also mit 30 Jahren Verspätung. Das ist aber längst nicht zu spät, denn Machfus schreibt über die Conditio humana wie auch über die zunehmende Verstrickung Ägyptens in das, was inzwischen summarisch als Nahost-Konflikt bezeichnet wird. Die Bezüge auf die Ratlosigkeit und Depression nach der Niederlage im Sechstagekrieg im Juni 1967 etwa tauchen als gerade vergangenes gesellschaftliches Großereignis fast in Rondoform auf, und die Tentakeln dieses Krieges reichen bis in unsere Tage und wohl auch darüber hinaus, wie auch die Tentakeln der europäischen Quasikolonialpolitik in der Region am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, in Ägypten in Form britischer Besetzung. Dem Erzähler waren als Kind deshalb Engländer mit bewaffneten Männern identisch, die diese Waffen in unregelmäßigen Abständen gegen seine Landsleute einsetzten. Mysteriös war ihm daher dann, was er bei einem Fußballspiel zwischen einer ägyptischen und einer englischen Mannschaft sah, zu dem ihn ein Kumpel mitgenommen hatte: Auf dem Spielfeld konnten Ägypter gegen Engländer anrennen, gar Tore gegen sie schießen, ohne daß diese zu ihren Waffen griffen, die doch sicherlich irgendwo bereitliegen mußten! Mit Einzelbeobachtungen wie dieser gelingt es Machfus immer wieder, ganze Areale auszuleuchten.
Das Personal dieser 54 Portraits, in denen der Erzähler den Figuren jeweils so weit folgt, wie er selbst etwas aus persönlichem Erleben über sie weiß oder ihm ergänzend erzählt wurde (gern auch in Form des Gerüchts), teilt sich dabei grob in vier Gruppen. Da sind einmal die Kumpel aus Kinder- und Schulzeit mit schlaglichtartigen Lebensläufen, von denen viele früh gewaltsam endeten, durch Selbstmord wegen verschmähter Liebe oder als Opfer eines militärisch beendeten Schüleraufstands. Dann sind es die Mitglieder der intellektuellen und literarischen Schicht in Kairo, die an ein paar Schauplätzen wie etwa dem Café Fischawi oder dem Salon von Mahir Abd al-Karim immer wieder aufeinanderstoßen und sich dort austauschen, seriös debattierend oder auch Gerüchte aufblasend. Und es sind die Ministerialbeamten, zu denen der Erzähler selbst zählt, im auch in anderen Breitengraden bekannten gegenseitigen Belauerungszustand um die nächste Höhergruppierung, die Protektion des Chefs, und gern dabei, diejenigen, die das Karriererudel überholen, sinistrer Methoden zu verdächtigen. Und es gibt schließlich, immer beunruhigend, die Frauen, zwölf an der Zahl, vom Erzähler begehrt oder sich ihm begehrlich machend. Manchmal bleibt es beim melancholischen fernen Sehnen, manchmal kommt es auch zur fleischlichen Kongruenz. Sie alle zusammen agieren dabei vor einem gesellschaftlichen Hintergrund nicht endender gewalttätiger Krisen, wirtschaftlicher Unsicherheit auf niedrigem Niveau und immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf bessere Zeiten. Ein Regierungswechsel kann nicht nur karrieredienlich oder -hinderlich sein, sondern ebenso gleich darauf folgende jahrelange politische Haft wie auch Haftentlassung bedeuten, wirtschaftlichen Ruin wie unerwartetes Wohlleben.
Die Annäherung an dieses Personal wie auch an die Zeit ist dabei für den Leser weder organisch noch didaktisch strukturiert, dafür aber ein gedankliches, wenn auch mit einiger Anstrengung verbundenes Vergnügen. "Spiegelbilder" ist nach dem Prinzip des Telefonbuchs organisiert, den Namen nach, dem arabischen Alphabet folgend. Der Aktionsraum der entsprechenden Figur ist aber durchaus nicht auf diesen Eintrag beschränkt, fast alle tauchen mehrfach auf, wobei die Sicht auf sie sich entweder anreichert und damit genauer wird oder sich auch überraschend verschiebt. Machfus hat das bewundernswert präzise und kunstvoll gearbeitet.
Dazu scheint der Erstveröffentlichungsort des Textes nun gar nicht zu passen - er erschien als Serie in einer ägyptischen Fernsehzeitschrift. Die hatte zu der Zeit sonst über genau einen staatlichen Kanal zu berichten, eine eher abseitige Startrampe für ein großes Buch, das Doris Kilias nun gewohnt kundig übersetzt und mit einem kleinen Glossar zu den ägyptischen Besonderheiten personeller und politischer Art versehen hat, die der Autor für sein damals ausschließlich als arabisch gedachtes Publikum als bekannt voraussetzen konnte.
Daß "Spiegelbilder" mit seiner Vielfalt von Tönen und Themen nun im deutschen Sprachraum gelandet ist, darf als unerwartetes freudiges Ereignis gefeiert werden, an dem auch die Arbeit des Malers Saif Wanli ihren Anteil hat. Der 1979 verstorbene Künstler aus Alexandria steuerte zu den 54 Portraits 49 Illustrationen bei, die oft auf geradezu charmante Weise mit den Texten korrespondieren.
Nagib Machfus: "Spiegelbilder". Mit 49 Illustrationen von Saif Wanli. Aus dem Arabischen übersetzt von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 2002. 315 S., geb., 29,80 [Euro].
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Renate Wiggershaus ist begeistert, denn schließlich lässt der 1911 in Kairo geborene Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus den Leser in diesem Buch "54-mal in die Tiefe der Jahre" tauchen, versetzt ihn in gleicher Anzahl in einen "Rausch von Namen", in "schwärmerische und peinigende" Episoden, verspricht die Rezensentin. Die große Zahl der einzelnen Geschichten, klärt Wiggershaus auf, rührt daher, dass der Autor diese Geschichten zuerst als Fortsetzungsreihe für eine Fernsehzeitschrift verfasst, bevor er sie 1972 im Original als Buch veröffentlichte. Zusammengehalten werden diese Episoden, die doch eine Art gemeinsames Zentrum haben und durch einen Ich-Erzähler, der die Rezensentin an Marcel Prousts Erzähler aus der "Suche nach der verlorenen Zeit" erinnert, durch ein ganzes "Figurenkaleidoskop". Der Erzähler gebe in seiner "schlichten" und "raffinierten" Erzählweise dem Leser Einblicke in das Innenleben von Königstreuen, "Wafdisten", Kommunisten, "Muslimbrüdern", "Gestrauchelten", Kompromisslosen", "Wendehälsen" und "Emporkömmlingen", schwärmt Wiggershaus, die es sehr zu schätzen weiß, dass der Autor den Leser an dieser Welt teilhaben lässt.
© Perlentaucher Medien GmbH
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