Teilband 3.1: 1801-1820; Teilband 3.2: 1821-1840; Teilband 3.3: 1841-1860; Teilband 3.4: 1861 ff. und Anhänge.Der abschließende Bibliographienband 3 des Handbuchs betritt völliges Neuland und dokumentiert »eines der vordringlichsten Desiderate der neuen multidisziplinären Aufklärungsforschung«: Ausklang und Nachwirkung der Aufklärungsbewegung im deutschen Sprachraum bis 1850 und darüber hinaus. Er legt 5.000 kommentierte Belege dafür vor, dass die Aufklärung im 19. Jh. keineswegs »überwunden« oder gar tot war, davon sogar 700 aus der Zeit nach 1860. Auf die zwanzig Jahre, in denen die Volksaufklärung die Volksbildung dominierte, folgte nach dem verheerenden Einbruch durch die Französische Revolution noch ein halbes Jahrhundert, in dem die Volksaufklärung in die Breite wirkte, jetzt meist ohne staatliche Unterstützung und oft gegen massive staatliche und ultramontane Repression. Die Niederschlagung der Revolution von 1848/1849 erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem die Volksaufklärung längst auf dem Weg aus dem Schrifttum in die Köpfe war.
Volksaufklärung ohne Volk: Eine große Edition ihrer Schriften
Ohne es zu merken, landete Moses Mendelssohn im September 1784 einen doppelten Coup. Er war nämlich nicht nur der erste, der in der "Berlinischen Monatsschrift" noch drei Monate vor Kant "Über die Frage: was heißt aufklären?" handelte und damit eine der wichtigsten Debatten seiner Zeit anführte; sondern er war es auch, der bei dieser Gelegenheit erstmals den Begriff "Volksaufklärung" ins Spiel brachte. Damit wollte er bezeichnen, wie weit in einer Nation der Mensch als Mensch und der Mensch als Bürger praktisch und theoretisch gebildet waren. Hätte er geahnt, daß dieser Begriff von nun an zur Parole für die praktisch-populäre Unterrichtung der Landbevölkerung dienen sollte, würde er ihn vielleicht vermieden haben. Denn Mendelssohn trennte sorgfältig zwischen der praktischen Kultur und der theoretischen Aufklärung, wobei klar ist, wo er selbst stand. Philosoph und Kopf der Haskala war er, aber kein Volksaufklärer.
Wie immer folgte der Begriff erst spät auf die Sache. Lange bevor Heinrich Gottlieb Zerrenner 1786 "Ein Buch für unsre Zeit" mit diesem Titel überschrieb, existierte die Bewegung. Ihr mehr historische Kontur zu verleihen, sind Holger Böning und Reinhart Siegert seit mehr als zehn Jahren beschäftigt. Das jetzt in die Blütezeit von 1781 bis 1800 fortgeführte kommentierte "Biobibliographische Handbuch" versammelte im ersten Band bereits fünfzehnhundert Titel, viertausend neue sind jetzt hinzugekommen. Die begleitende Edition von Nachdrucken hält entsprechend Schritt. Auf eine Getreideschrift Christian Wolffs von 1717/18 folgten verschiedene Wegweiser und Ratgeber für "Gelehrte Bauern" und anderes Landvolk aus den Jahren 1738 bis 1774. Darunter war auch der erzählerisch ansprechende "Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk" von Goethes Schwager Johann Georg Schlosser. Angelangt war die Reihe 1998 bis zu Johann Friedrich Meyers "Maximen in dem Lebenslaufe eines Bauern" von 1776.
Die neuen Bände erweitern das Profil der Reihe um wichtige theoretisch-programmatische Traktate und eine Zeitschrift. Sie sind repräsentativ für die dritte Phase der Volksaufklärung. Zunächst zielte diese auf die Landbevölkerung, durch gemeinnützig-ökonomische Sachbücher aus der Feder von Kameralisten, Naturkundlern und Gutsbesitzern. Später wurden die Lesestoffe von Geistlichen, Ärzten und Schriftstellern literarisch gefälliger gestaltet und wandten sich zunehmend auch an Handwerker, Soldaten, Hebammen oder Wundärzte. Seit etwa den siebziger Jahren kamen neue Ziele hinzu, die Erziehung dehnte sich auf juristische, politische, historische und religiöse Themen aus. Der erfolgreichste unterhaltsame Titel für das Volk war das "Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute" des ehemaligen Philanthropisten Rudolph Zacharias Becker. Die sagenhafte Zahl von einer halben Million recht- und unrechtmäßig gedruckter Exemplare ist Resultat einer beispiellosen Subskriptionskampagne. Statt eines bloßen Aufrufs publizierte Becker die jetzt wieder vorliegende Werbeschrift "Versuch über die Aufklärung des Landmannes" (1786). Mit der überall rezensierten Schrift wandte er sich nicht an die ländlichen Halbalphabeten, sondern mobilisierte die Gebildeten zur Vervollkommnung der gesamten Gesellschaft. Seine These - ganz im Zeichen Rousseaus - lautet: Nicht "Verfeinerung und Vielwisserey" bewirken Aufklärung, sondern "Einfalt und Zweckmäßigkeit". Zum "Selbstdenken" und zur Selbsthilfe kann aber nur erziehen, wer verständlich und nicht belehrend schreibt, sich auf den Volkston einstellt, ausschließlich Erprobtes und Praktikables empfiehlt, sein Buch durch Holzschnitte ziert und vor allem zu einem erschwinglichen Preis anbietet.
Zerrenners "Volksaufklärung" stimmt das gleiche Programm auf die Institution der Schule ab. Um die Anschaffungskosten zu mindern und zugleich an die auf dem Land vertrauteren Formen des Kalenders und der Erbauungsbüchlein anzuknüpfen, lag der Gedanke an ein periodisches Erscheinen nahe. Was sich mit den "Moralischen Wochenschriften" schon einmal bewährt hatte, schien indes wieder vergessen. So wundert sich 1784 Karl Philipp Moritz, daß die Aufklärung "noch nicht auf ein so simples Mittel, als eine Zeitung, gefallen ist, um sie in der That zu verbreiten". Eines der beliebtesten Volksblätter ist "Das räsonnirende Dorfkonvent für den Bürger und Landmann" (1786 bis 1788), das jetzt das elfte Bändchen der Reihe in Auswahl bringt. Das Themenspektrum ist weit, die Laune kraft der dialogischen Form gut. Die Titelvignette zeigt die Teilnehmer am "Diskurs", ohne den "die schönsten, die lehrreichsten, die populärsten Schriften nichts" helfen. Die Vermittler in der Dorfbibliothek sind nicht die einfachen Bauern selbst, sondern lesekundige Honoratioren: der Dorfrichter, der Kantor, ein Amtsrat, ein Pächter und ein Nachbar.
Doch was bedeutet eigentlich Popularität? Gehört dazu alles, was diesen Begriff oder Komposita von Volk im Titel führt? Diese Fragen berühren das schwierige Geschäft des Bibliographen, der inhaltlich entscheiden muß, was zur Volksaufklärung zählen soll. Die Bearbeiter des "Handbuchs" haben es sich hier nicht leichtgemacht, für den ersten Band ist von einer "weiteren", für den zweiten angesichts der Fülle von einer "engeren" Auslegung des Titelbegriffs die Rede. Vorausgeschickte Kriterienkataloge sollen das alles wissenschaftlich absichern. Noch viel wichtiger sind aber die präzisen Kommentare zu jedem einzelnen Titel, nebst Hinweisen auf Rezensionen. Niemand wird Böning und Siegert um die Lektüre von fünfeinhalbtausend sicher oft spröden oder gar langweiligen Titeln beneiden. Daß es noch viel mehr waren, soll eine Negativliste in einem späteren Band zeigen, die ausscheidet, was nur auf den ersten Blick zugehörig scheint.
Trotz dieser eindrucksvollen Erschließungsleistung werden sich gelegentlich auch Zweifel ergeben. Ein solcher Fall mag der Nachdruck von Johann Christoph Greilings "Theorie der Popularität" (1805) sein. Diese von philosophischem Jargon durchdrungene Theorie der Versinnlichung ist alles andere als populär, wie sogar Böning im Nachwort einräumt. Schon in der Bibliographie werden Greilings "Ideen zu einer künftigen Theorie der allgemeinen practischen Aufklärung" von 1795 abgewiesen als "rein philosophisch-systematisierende Arbeit; zur Volksaufklärung wenig ergiebig". Der Grund ist einfach: Der Kantianer Greiling, der auch im "Journal" von Niethammer und Fichte publizierte, gehörte eher zur Gegenfraktion. Für ihn wie seine Vorbilder durfte Kants Kritik der reinen Vernunft niemals populär werden. Den Erfahrungsbezug, den Garve und andere stark machen, wendet Greiling geradezu als Argument gegen die Popularität. Er wollte verhindern, daß philosophisches Denken auf "die Vorstellungsart des gemeinen Verstandes" herabgewürdigt wird. Da fragt man sich, warum Greiling hier aufgenommen und nachgedruckt wird, während ein Klassiker des Populären wie Johann Jakob Engels "Philosoph für die Welt" (1777 bis 1800) nicht einmal bibliographisch Beachtung findet.
Den tiefsten Respekt für diese bis ins Detail akribisch durchgeführte bibliographische Leistung können solche Nachfragen nicht schmälern. Das einzige Skandalon dieser Bücher ist ihr Preis. Von der Sache her ist er mehr als fatal. Denn die Forderung nach "spottwohlfeilen" Büchern und Zeitungen ist in der Volksaufklärung Legion. Sonst hätten sie ihr Publikum niemals erreicht. Heute verdienen viele Bauern zwar mehr als die Gelehrten, zweihundert Jahre alte Ratschläge werden sie aber kaum locken. Den Schaden tragen die wenigen wissenschaftlich interessierten Leser, zumal seit Bibliotheken jeden Pfennig dreimal umdrehen müssen. Was hier seitens des Verlags auf empörende Weise betrieben wird, ist Volksaufklärung ohne Volk und Historiographie gegen Historiker.
ALEXANDER KOSENINA.
"Volksaufklärung". Ausgewählte Schriften. Bd. 8: Rudolph Zacharias Becker: "Versuch über die Aufklärung des Landmannes". Heinrich Gottlieb Zerrenner: "Volksaufklärung". 326 S., geb., 280,- DM;.
Bd. 11: "Das räsonnirende Dorfkonvent". Teile 1-3 in Auswahl. 380 S., geb., 310,- DM;.
Bd. 13: Johann Christoph Greiling: "Theorie der Popularität". 201 S., geb., 275,- DM.
"Volksaufklärung". Biobibliographisches Handbuch. Bd. 2, Teil 1 u. 2: "Der Höhepunkt der Volksaufklärung 1781-1800 und die Zäsur durch die Französische Revolution". 1490 S., geb., 1356,- DM.
Alle Bände hrsg. von Holger Böning und Reinhart Siegert, Verlag Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001.
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»Ein großes Werk ist zu einem eindrucksvollen Abschluss gekommen. [...] Eine Aufstellung der benutzten Literatur sowie Personen-, Institutionen- und Titelregister für die behandelten Zeitabschnitte tragen erheblich zum Gebrauchswert der Bibliographie bei. Doch geht die Leistung der Herausgeber weit hinaus über den Nachweis der Titel und (soweit möglich) der Standorte, an denen sie einzusehen sind. Ungefähr zwei Drittel der Publikationen haben sie selbst in der Hand gehabt und liefern dazu informative Charakteristika, teilweise mit längeren Originalzitaten und Ausschnitten aus zeitgenössischen Kommentaren.« Kaspar Maase, Zeitschrift für Volkskunde (112. Jahrgang/ Heft 2, 2016) »In einem Aufsatz von 2006 bezeichnet Hans Ulrich Gumbrecht die großen in Deutschland entstandenen literatur- und begriffsgeschichtlichen Nachschlagewerke aufgrund ihrer Monumentalität als «Pyramiden des Geistes». Spätestens mit dem hier zu besprechenden dritten Band ist das mit dem Haupttitel «Volksaufklärung» versehene 'Biobibliographische Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850' ebenfalls zu einem ehrfurchtgebietenden, geradezu pharaonischen Unternehmen avanciert.« Volker Bauer, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte »Reinhart Siegert hat, von Holger Böning unterstützt, die Landschaft der deutschen Volksaufklärung als erster systematisch erforscht, bibliographisch erschlossen und als genuin deutschen Beitrag zur europäischen Aufklärungsbewegung gewürdigt. Er hat der notorischen Unterschätzung dieser Bemühungen (gerade auch ihrer katholischen Variante) durch die Forschung mit seiner wuchtigen Pionierarbeit den Boden entzogen.« Reinhard Wittmann, Archiv für die Geschichte des Buchwesens »Mit dem dritten Band nähern sich die Autoren Böning und Siegert dem Abschluss eines Projekts, das man - auch wenn man mit großen Worten sparsam umgehen sollte - als Jahrhundertwerk bezeichnen darf. [Man] möchte in den Schlusschor des dritten Teiles von Joseph Haydns 'Die Schöpfung' einstimmen: "Vollendet ist das große Werk" und blasphemisch verändert fortfahren: " Der Herren Lob sei unser Lied". Dass die vier Teilbände des dritten Bandes mit knapp 2000 Seiten gleichzeitig ausgeliefert worden sind, lässt die unglaubliche Kraftanstrengung und gebündelte Energie erkennen, die dahinter steht.« Peter Vodosek, Bibliothek Forschung und Praxis »Nicht nur die Germanistik, sondern die Kulturwissenschaft jedweder Couleur haben Grund zu aufrichtiger Dankbarkeit für ein Ihnen zuteil gewordenes Lebenswerk.« Klaus Garber, Germanistik »Insgesamt ist Bönings und Siegerts Bibliographie eine in höchstem Maße nützliche, bereichernde, anregende, erstaunliche und dankenswerte Publikation: wegen ihrer Originalität, ihres Umfangs, der ihr zugrunde liegenden akribischen Recherche- und Dokumentationsarbeit, der Erkenntnisse, die sie zum Ausdruck bringt, und der so zahlreichen Perspektiven, die sie eröffnet. [...] Für die Erforschung der Aufklärung und der Volksaufklärung wird Bönings und Siegerts Bibliographie in Zukunft grundlegend, unverzichtbar und von bleibendem Wert sein.« Markus Pahmeier, IASL online