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Dieses in den USA heftig diskutierte Buch hat der Frage, wie das Gehirn, also etwas Fleischliches, etwas von ihm gänzlich Verschiedenes, nämlich Geistiges, hervorbringen kann, einen ganz neuen Aspekt gegeben. Wie hat man sich den Zusammenhang von Körper und Geist vorzustellen? Vor allem: Wie überhaupt ist es möglich, daß Materie Geist hervorbringt? Was wäre, wenn das Gehirn einfach prinzipiell nicht in der Lage wäre, über eine bestimmte Grenze hinaus über sich nachzudenken? Kenntnisreich und in verständlicher Sprache erörtert Colin McGinn eine der spannendsten Fragen des Nachdenkens über uns selbst. Seine Antwort wird Sie überraschen. …mehr

Produktbeschreibung
Dieses in den USA heftig diskutierte Buch hat der Frage, wie das Gehirn, also etwas Fleischliches, etwas von ihm gänzlich Verschiedenes, nämlich Geistiges, hervorbringen kann, einen ganz neuen Aspekt gegeben. Wie hat man sich den Zusammenhang von Körper und Geist vorzustellen? Vor allem: Wie überhaupt ist es möglich, daß Materie Geist hervorbringt? Was wäre, wenn das Gehirn einfach prinzipiell nicht in der Lage wäre, über eine bestimmte Grenze hinaus über sich nachzudenken? Kenntnisreich und in verständlicher Sprache erörtert Colin McGinn eine der spannendsten Fragen des Nachdenkens über uns selbst. Seine Antwort wird Sie überraschen.
Autorenporträt
Colin McGinn ist Professor für Philosophie und lehrt an der Rutgers University (USA). Darüber hinaus verfasst er häufig Beiträge unter anderem für die New York Times, Lingua Franca und The New Republic.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.05.2001

Unser Hirn ist viel zu schwach für unser Hirn
Das Urknallbonbon: Colin McGinn schlägt sein Lager vor den verschlossenen Türen des Bewußtseins auf und verteidigt den Kontinent des Nichtwissens

Wie kann das Gehirn Bewußtsein, die Materie Geist hervorbringen? "Seine Antwort wird Sie überraschen", heißt es im Klappentext der Übersetzung von Colin McGinns neuestem Buch. Das tut sie in der Tat. McGinn, Chefdenker der sogenannten Mysteriker, versucht nämlich gar nicht erst, eine zu geben. Die Lösung des Leib-Seele-Problems, erfährt der Leser vielmehr, ist für den Menschen, was die Relativitätstheorie für eine Katze ist: außerhalb der intellektuellen Reichweite. Das Phänomen Bewußtsein wird daher bleiben, was es derzeit ist, ein Mysterium.

Dabei ist Bewußtsein für McGinn nicht einmal eine besonders komplexe Angelegenheit, sondern ein elementares biologisches Phänomen, so natürlich wie das Atmen, so verbreitet wie Blut und Knochen. Außerdem hält McGinn rein gar nichts von Spekulationen über übernatürliche Ursprünge des Bewußtseins. Ein Vorteil seiner Position sei es gerade, religiösen Mystizismus zu vermeiden, betont der Autor. Denn auf einer "Ebene objektiver Realität" seien Körper und Geist eine Einheit, es gebe also eine naturalistische Erklärung des Bewußtseins - nur nicht für uns. Er nennt dann noch weitere Vorteile seiner Sicht der Dinge, darunter die Vermeidung von Zeitverschwendung und die Dämpfung naturwissenschaftlicher Hybris. Außerdem, meint McGinn, tue es dem Menschen gut, "den Kosmos nicht als etwas zu betrachten, das sich unserem intellektuellen Eifer bereitwillig öffnet".

Das liest sich nett, doch für eine so radikale - und aller Vorteile zum Trotz frustrierende - Position hätte man gern stärkere Argumente. Zumal jene Analogie von Katzenhirn und Menschenhirn auf mindestens einem Fuß deutlich hinkt: Es sieht nicht so aus, als würden sich Katzen in ähnlicher Weise mit der Relativitätstheorie abmühen wie Menschen mit der Erklärung des Bewußtseins. Diesen Einwand aber wischt McGinn beiseite. Die bloße Tatsache, daß Menschen bestimmte Fragen stellen können, sei keine Garantie dafür, daß sie auch eine Antwort finden werden. Vielmehr sei die anhaltende Irritation, die einige philosophische Fragen seit Jahrhunderten erzeugen, gerade ein Hinweis darauf, daß sie auf etwas zielen, was Menschen sich nicht verständlich machen können.

McGinn geht die wichtigsten Theorien zum Verhältnis von Körper und Geist kurz durch und referiert die üblichen Argumente gegen Materialismus und Dualismus. Dann fordert er seine Leser auf, ihre geistige Schiefertafel sauber zu wischen. In den folgenden Kapiteln findet er immer neue eindrückliche Formulierungen und Bilder für die berühmte, zwischen Geist und Gehirn klaffende Erklärungslücke. Darin liegt die Stärke des Buches.

Bewußtsein, so McGinn, ist eine Sekretion des Gehirns. Wie könnten wir der entscheidenden Eigenschaft des Gehirns auf die Spur kommen, die ihm erlaubt, Bewußtsein zu erzeugen? Die Introspektion reicht nicht. Sie sagt, was sich derzeit im Bewußtsein abspielt, aber nicht, wie es zustande kommt. Und im Gehirn ist die gesuchte Eigenschaft ebensowenig sichtbar, meint McGinn, denn sobald es "von außen" betrachtet wird, ist es nur noch ein Haufen komplex verschalteter Neuronen. Zwar mögen sich interessante Korrelationen zwischen Gehirn- und Bewußtseinszuständen finden, doch es wird nie gelingen, das Gehirn in die Sphäre der Introspektion oder das Bewußtsein in die der Neurologie hinüberzuziehen.

Nicht nur das Gehirn, auch das Bewußtsein muß eine verborgene Eigenschaft haben, die es am Gehirn befestigt. Um dies zu belegen, bemüht McGinn das Phänomen der Blindsicht. Manche Menschen, die aufgrund von Läsionen im visuellen Kortex erblindet sind, können im Experiment zum Beispiel die Form von Gegenständen, die man ihnen präsentiert, signifikant besser "erraten", als es der Zufall erwarten ließe. Ihnen sind anscheinend Reste visueller Fähigkeiten erhalten geblieben, die ihnen aber nicht bewußt sind. Das zeigt, so McGinn, daß Sehen eine Erfahrungskomponente hat, die der Introspektion nicht zugänglich ist. Dies ist die versteckte Eigenschaft des Bewußtseins, die es zu einem Geheimnis macht. Ähnliches gilt für die Identität der Person, für den Tod und den freien Willen: Sie alle müssen verborgene Eigenschaften haben, die, wären sie bekannt, eine Erklärung ermöglichten.

Und warum werden sie uns verborgen bleiben? Weil der menschliche Geist sich nicht entwickelt hat, um Philosophie zu treiben, so McGinns evolutionspsychologische Erklärung. Wir denken kompositorisch und räumlich - falsche Kategorien für den Geist. Unsere Art, Wissenschaft zu betreiben, hat einfach die falsche Grammatik für dieses Problem. Der Autor führt auch gleich vor, was herauskommt, wenn man sich mit den so beschränkten Fähigkeiten dennoch an der verborgenen Eigenschaft des Gehirns versucht: Der Raum, sagen die Kosmologen, entstand mit dem Urknall. Vielleicht, so McGinn, blieb die nichträumliche Dimension des Universums vor dem Urknall irgendwo erhalten, bis sie im Gehirn zu neuem Leben erweckt wurde und sich nun in das Gewand des nichträumlichen Bewußtseins kleidet. Ist das Bewußtsein also gar ein Fossil aus der Zeit vor dem Urknall?

Man will das Buch gerade entnervt zuschlagen, als McGinn versichert, er verlange von seinem Leser keineswegs, dies zu glauben. Aber man müsse im Falle des Bewußtseins eben die radikalsten Ideen prüfen. Er selbst könne sich auf diese Gedanken nur fünf Minuten pro Monat einlassen: "Wir befinden uns am Rande des Sagbaren." Und des Verstehbaren leider auch.

McGinn sieht eine neue Disziplin entstehen, die "Geographie des menschlichen Nichtwissens". Für diese versteht er eloquent, bisweilen auch ein wenig derb zu werben. Insider-Slang vermeidet er konsequent. Sein Buch ist eine gute Einführung in die Tiefen des Leib-Seele-Problems; seine Lösung hoffentlich falsch.

MANUELA LENZEN

Colin McGinn: "Wie kommt der Geist in die Materie?" Das Rätsel des Bewußtseins. Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg. Verlag C. H. Beck, München 2001. 267 S., br., 38,- DM.

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