Sonntagmorgen. In den Weiten des Dschungels vor dem Fenster erwachen die Zootiere. Der Schlafgefährte liegt noch in seinen Männerträumen. Auf dem Boden tappt ihr Kastanorka entgegen, ein Elefant, der in eine Schachtel paßt. Das Leben, die Liebe, die Zukunft. Wie weiter?
Früher war es immer von allein weitergegangen, als Zukunft nur ein anderes Wort für Märchen gewesen war. Bis zum Revolutionsherbst 1989, als die Geschichte sich überschlug und alles Vorstellbare Vergangenheit wurde. Die Zukunft gehörte nicht dazu. Läßt sie sich berechnen? Kann man vorbereitet sein? "Mit jedem meiner Liebesmenschen führe ich ein anderes Leben, eins von den vielen, die noch in mir bereitliegen. " Leben als Zwiesprache mit "der weiten Welt ringsum, voller Tausendfüßler aller Art" und mit drei Liebesmenschen: mit Leo, dem damals, als es schon mal ganz falsch weitergegangen war, Amerika das Leben gerettet hat, mit Toma, der tatarischen Nomadin, die immer weiter gen Osten zieht, und mit dem Mann an ihrer Seite: "Eröffne ihm nur klar umrissene Ausschnitte deiner Sehnsucht. Halte das wahre Ausmaß deiner Erwartungen geheim. Es liegt jenseits seiner Möglichkeiten.
" Das Leben, die Liebe, die große Geschichte alles zieht Angela Krauß in den Zauber ihres neuen Prosakunststücks, aus ihm leuchtet jene Ahnung von Glück, die das Weitermachen beflügelt.
Früher war es immer von allein weitergegangen, als Zukunft nur ein anderes Wort für Märchen gewesen war. Bis zum Revolutionsherbst 1989, als die Geschichte sich überschlug und alles Vorstellbare Vergangenheit wurde. Die Zukunft gehörte nicht dazu. Läßt sie sich berechnen? Kann man vorbereitet sein? "Mit jedem meiner Liebesmenschen führe ich ein anderes Leben, eins von den vielen, die noch in mir bereitliegen. " Leben als Zwiesprache mit "der weiten Welt ringsum, voller Tausendfüßler aller Art" und mit drei Liebesmenschen: mit Leo, dem damals, als es schon mal ganz falsch weitergegangen war, Amerika das Leben gerettet hat, mit Toma, der tatarischen Nomadin, die immer weiter gen Osten zieht, und mit dem Mann an ihrer Seite: "Eröffne ihm nur klar umrissene Ausschnitte deiner Sehnsucht. Halte das wahre Ausmaß deiner Erwartungen geheim. Es liegt jenseits seiner Möglichkeiten.
" Das Leben, die Liebe, die große Geschichte alles zieht Angela Krauß in den Zauber ihres neuen Prosakunststücks, aus ihm leuchtet jene Ahnung von Glück, die das Weitermachen beflügelt.
Angela Krauß im Literaturhaus
Er schläft, sie wacht. Das Trompeten der Elefanten im benachbarten Zoo hat sie geweckt. Nun sitzt sie kerzengerade im Bett und weiß nicht weiter. Wen soll sie fragen. Roman träumt gerade ein Heldenepos. Also ruft sie Leo an. Der Wiener Emigrant, den sie in New York auf einem der Twin Towers kennengelernt hatte, ist um Mitternacht hellwach und rät ihr zu einer beliebigen Handlung, die sie wieder neugierig und zu einer Entscheidung frei mache.
Die Ich-Erzählerin in dem ersten "Roman" von Angela Krauß hat sich das Bett als Basislager eines Lebens zwischen zwei historischen Epochen gewählt. Hier sitzt sie sonntagmorgens und spielt Mikado, um die Zartheit einzuüben, das Gleichgewicht zu beschwören, das ihr mit der deutsch-deutschen Wende abhandengekommen ist. Sie wünscht sich "Stillstand, Sammlung, die Erfahrung der reinen Substanz".
"Wie weiter" hat der Suhrkamp Verlag den 117 Seiten schmalen Band genannt, auf dem die Stäbchen des chinesischen Kaiserspiels prangen. Die Autorin aus Leipzig, die 1988 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten und 2004 die Frankfurter Poetik-Dozentur innehatte, war nicht zum ersten Mal Gast im Frankfurter Literaturhaus. Abermals stellte sie nun ein Buch vor, in dem die Protagonistin zwischen der untergegangenen Gesellschaft der DDR und der ungewohnten westlichen Lebensform Orientierung sucht.
Schwerelos wie eine Seiltänzerin bewegt sie sich zwischen ihren "Liebesmenschen" in Ost und West: dem Bettgefährten daheim, dem jüdischen Freund in Amerika und der Freundin Toma in Moskau, einer Nomadin, die an nichts hängt und sich weltweise gibt wie die Mutter, die kluge Ratschläge für die Liebe erteilt und sich wundert, warum eine Gesellschaft so rasch altert, die doch zwölf Jahre gebraucht hatte, um dem letzten Bauern sein Land zu nehmen.
Mit dem Mikado-Spiel hat die Schriftstellerin ein geniales Bild gefunden für den Schwebezustand ihres monologisierenden Ichs. Zwischen dem regressiven Stillstand im Bett und dem offensiven Weitermachen wird die behutsame Übung mit den Stäbchen zu einem Exerzitium der Achtsamkeit. So schließt sich der Kreis von der Anrufung eines Allwissenden am Anfang bis zur Offenheit für das Offene: "Sei nicht vorbereitet, warte, was geschieht."
c.s.
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Andrea Neuhaus gibt sich zunächst ratlos. Sie kann nicht sagen, ob sie einen Roman, ein Gebet oder eine Reflektion gelesen hat. Der schmale Band kreist um Erinnerungen, Monologe und Freundschaften einer Frauenfigur, die auf der Suche nach einem Plan für die Zukunft ist. Diesen findet sie am besten in der Vergangenheit, die sie sich aus Teilen als Ganzes konstruiert. Im Grunde sei die Heldin eine Romantikerin, die sich nach "verlorener Einheit", reiner Substanz oder etwas anderem sehnt. Daher braucht sie auch nicht in die Ferne, die Beschwörungsformeln der Klage gehören bereits zur Selbstfindung. Die "elegante und geschmeidige" Prosa, die viel Platz für Gedanken lässt, imponiert der Rezensentin,die das Buch schlussendlich auch empfehlen kann, was auch immer es nun ist.
© Perlentaucher Medien GmbH
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Ist es lautes Meditieren oder gar ein Sprechgesang? Jedenfalls ist es betörend, wenn Angela Krauß ihre Texte liest ... Sehr individuelle Romane, die zu poetischen Kraftzentren werden, magisch inszeniert von der Autorin.