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Über die Tyrannei der Selbstoptimierung
Für die Menschen von heute ist Arbeit nicht mehr nur Mühsal. Wir tun unsere Arbeit gern, verstehen uns gar als Genussarbeiter. Das Genießen im engeren Sinn hingegen, der Müßiggang, gelingt uns immer seltener und wird regelrecht zur Anstrengung. Warum aber sind wir als moderne Leistungsträger hyperaktiv bis zum Burnout und halten das Nichtstun kaum mehr aus? Genießen nur, wenn wir arbeiten, oder höchstens noch beim Sport? Svenja Flaßpöhler geht den kulturellen und psychischen Ursachen von Arbeitssucht, Körperkult und Versagensangst auf den Grund und…mehr

Produktbeschreibung
Über die Tyrannei der Selbstoptimierung

Für die Menschen von heute ist Arbeit nicht mehr nur Mühsal. Wir tun unsere Arbeit gern, verstehen uns gar als Genussarbeiter. Das Genießen im engeren Sinn hingegen, der Müßiggang, gelingt uns immer seltener und wird regelrecht zur Anstrengung. Warum aber sind wir als moderne Leistungsträger hyperaktiv bis zum Burnout und halten das Nichtstun kaum mehr aus? Genießen nur, wenn wir arbeiten, oder höchstens noch beim Sport? Svenja Flaßpöhler geht den kulturellen und psychischen Ursachen von Arbeitssucht, Körperkult und Versagensangst auf den Grund und fragt nach dem prekären Verhältnis von Freiheit und Zwang in der heutigen Gesellschaft. Ihre eindringliche Analyse zeigt: Nur wenn wir inmitten des Optimierungswahns nicht ausschließlich tun, sondern auch lassen, offenbart sich die Möglichkeit wirklicher Freiheit.
Autorenporträt
Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und arbeitet nach mehreren Jahren in der Chefredaktion des "Philosophie Magazin" als Leitende Redakteurin Literatur und Geisteswissenschaften bei Deutschlandfunk Kultur. Seit 2013 ist sie Mitglied der Programmleitung des Philosophiefestivals phil.COLOGNE und seit 2017 Jurorin des "Bayerischen Buchpreises". Ihr Buch "Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe" (2007) wurde mit dem Arthur-Koestler-Preis ausgezeichnet. Svenja Flaßpöhler lebt mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Kindern in Berlin.
Rezensionen
"In ihrem blendend geschriebenen Buch geht Svenja Flaßpöhler nicht nur der Frage nach, was "Arbeit" bedeutet in Zeiten der postindustriellen Moderne. Sie fragt sich auch, wie es mit der Genussfähigkeit der heutigen "Genussarbeiter" aussieht." -- Deutschlandfunk (Sendung"Andruck")/ ORF (Sendung"Kontext"), 2011

"Svenja Flaßpöhler blickt mit kritischem Auge auf den Irrsinn unserer Leistungsgesellschaft und hat ihre Beobachtungen in diesem Buch niedergeschrieben. Es ist ein intelligentes und kluges Werk geworden, manchmal philosophisch, manchmal hintergründig, manchmal analytisch - aber immer mit opulenten Formulierungen gewürzt." -- deprilibri.fx7.de, 05.10.2011

"Ein kluges Buch." -- freiewelt.net, 12.10.2011

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Eben dachten wir noch, dass wir schuften müssen, bis wir wenigstens einen vorzeigbaren Burn-out vorweisen können, doch die Philosophin Svenja Flaßpöhler erklärt uns zum Glück, dass wir die neue Managementkultur falsch verstanden haben: Wir sollen bitteschön aus reiner Freude an unserer eigenen Kreativität und Effizienz viel arbeiten. Das führt nicht zur Erschöpfung, sondern zur Selbstoptimierung. Erfrischend findet Rezensentin Ruth Fühner diese Polemik gegen die neue Arbeitskultur, die dem einzelnen selbst in seiner Freizeit unerbittlichen Ehrgeiz abverlangt und die als einzigen Genuss die Arbeit gelten lässt, denn Rauchen und Faulsein sind ja mehr oder weniger verboten. Allerdings gibt Fühner auch zu bedenken, dass diese Hochleistungsform der Genussarbeit ein Mittelschichtsproblem ist, von dem Arbeitslose oder Knochenarbeiter nur träumen können.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.02.2012

Aufflammende Lust inmitten von Bibliotheksregalen

Wo sich Laienpsychologie und Körpersäfte, Marxismus und Glücksversprechen mischen: Svenja Flaßpöhler sucht das richtige Maß, den Zwängen der Leistungsgesellschaft zu entkommen.

Was die Philosophin und stellvertretende Chefredakteurin des Magazins "Philosophie" Svenja Flaßpöhler in Buchform vorlegt, ist Etikettenschwindel, Sympton einer Krise. Denn von Anfang bis Ende wird hier wieder nur über die schrecklichen Auswirkungen der Arbeit geklagt, unkritisch nachgebetet, dass "wir in einem Burn-out-Zeitalter leben" und was als Ergebnis herauskommt ist, dass man auch mal etwas sein lassen soll. Mit ein bisschen Freud, Marx und einer Dosis Hirnforschung gibt jemand vor, die Welt zu erklären durch eine Hinter-Welt, die nur dem Eingeweihten zugänglich ist. Der gravitätische Ton und die Humorlosigkeit, mit denen das vorgetragen wird, verfehlen nicht ihre Wirkung.

Da wird begierig aufgesogen, dass Triebverzicht nach Freud darauf zurückzuführen sei, dass unsere männlichen Vorfahren in einer Art homosexuellen Aktes das phallisch aufragende Feuer auspinkelten. Dass solche unfreiwillig komischen Deutungen heute wissenschaftlich, vorsichtig gesagt, als überholt gelten, hindert die Autorin nicht daran, sich vor lauter Begeisterung diese Pinkelgeschichte am liebsten über den Schreibtisch zu hängen. Und so geht es weiter, wenn Bettnässen nichts anderes als das Selbstherstellen mangelnder Mutterwärme sein soll und bei einer Frau "die öffentliche Zurschaustellung ihrer geistigen Fähigkeiten (. . .) bedeutete, dass sie sich selbst als im Besitz des Penis ihres Vaters zur Schau stellte". Da wird umstandslos eine frauenfeindliche Ikonographie des neunzehnten Jahrhunderts in eine Zeitdiagnose des einundzwanzigsten Jahrhunderts umgetitelt.

Richtig lustig wird es, wenn angeblich das Über-Ich zum Genießen zwingt und die Arbeitsleidenschaft nur durch Triebverzicht zu erklären sein soll. Wie ist dann das Phänomen Dominique Strauss-Kahn zu erklären, dessen Arbeitsleidenschaft keinesfalls mit Triebverzicht einherging? Doch solche mystisch klingenden psychoanalytischen Deutungen beschwichtigen offenbar die allgemeine Ratlosigkeit. Wie verzweifelt muss diese Ratlosigkeit sein, wenn man sich dazu hinreißen lässt, zu behaupten, "dass die Studierzelle nicht asketischer ist als ein Schlafzimmer. Oder ein Bordell. Denn all diese Orte haben gemeinsam, dass es in ihnen um die Produktion von Lust geht: Hier sollen Körpersäfte fließen, dort Gedanken hervorsprudeln."

Sehr beliebt ist heute die Laienpsychologie, mit der man scheinbar alles erklären und vor allem Betroffenheit erzeugen kann. Nur leider stimmt dann meistens das meiste nicht. Dass "Aktivismus häufig nichts anderes als ein verzweifelter Kampf gegen die Depression" ist, klingt gut, kann in Wirklichkeit aber nur jemand behaupten, der noch nie eine schwere Depression erlebt hat. Mit den Begriffen "Arbeitssucht" und "Sportsucht" wird dann versucht, möglichst breite Bevölkerungskreise den psychisch Kranken zuzurechnen, und wenn es dramatisch heißt, neun Prozent der Deutschen seien "kaufsüchtig", dann wäre das Weihnachtsgeschäft ein einziger Horrortrip und man könnte weite Teile Deutschlands zu psychiatrischen Freilandversuchen erklären. In Wirklichkeit würden solche Zahlen natürlich die völlige Auflösung des Suchtbegriffs bedeuten.

Auch ansonsten ist psychiatrisch-psychotherapeutisch fast alles falsch, klingt aber trotzdem wegen des Klagehabitus gut: Natürlich ist Burn-out kein Euphemismus für Depression, natürlich gibt es keine "neurotische Selbstoptimierung", und es ist schlicht Volksverdummung, zu behaupten, dass "gerade Psychopharmaka enorme Nebenwirkungen" hätten und "Stimmungsaufheller" schnell gegen ein bedrückendes Gefühl auf der Brust wirkten. Man mag es einer jungen Philosophin durchgehen lassen: "Schmerz gibt Anlass zum Denken, wer ihn eindämmt, um möglichst schnell wieder arbeiten zu können, beugt sich dem Leistungsdiktat." Wer sich auch nur ein wenig mit wirklichen Schmerzen und moderner Schmerztherapie auskennt, kann bei solchen wirklichkeitsfremden Spekulationen aber nur den Kopf schütteln. Was man einer Philosophin allerdings nicht durchgehen lassen darf, ist, dass sie behauptet, dass Kant irre, bloß weil sie Kants transzendentalen philosophischen Pflichtbegriff in der Eile mit dem psychologischen Pflichtgefühl verwechselt. Und dann ist da noch dieses nervige inklusive "Wir", das schon im Titel prangt und das ganze Buch durchzieht.

Allerdings mit unfreiwillig komischen Effekten. So raunt es masochistisch: "Es scheint, als sehnten wir uns heute regelrecht nach dem Schmerz", und andererseits flötet es kapriziös: "Wer kennt sie nicht, die aufflammende Lust inmitten von Bibliotheksregalen?" "Wir", das scheint freilich bloß der engere Freundeskreis der Autorin zu sein. Auf diese jedenfalls Besserverdienenden wird dann aber, weil es an neuen Einsichten mangelt, ebenso umstandslos das alte marxistische Konstrukt der entfremdeten Arbeit angewandt, bei der man getrieben wird, auch abends und am Wochenende zu arbeiten, da man sonst nicht mehr im Sattel sitzt. Leute, bei denen der böse krakenhafte ausbeuterische Arbeitgeber in einer abgefeimten "Konkurrenzgesellschaft" profitgierig auch noch die Freizeit auffrisst, stehen andererseits aber nicht lustvoll in Bibliotheken, so dass die Klage spektakulär ins Leere läuft.

Svenja Flaßpöhlers Kenntnis des Christentums ist erschreckend mager. Da wird dann aus dem - falschen - antikatholischen Klischee der "Werkgerechtigkeit" und dem - falschen - antiprotestantischen Klischee der Weltverachtung am Schreibtisch eine neue Sekte zusammengezimmert und umstandslos "Christentum" genannt. Leider ist auch unbekannt, dass die strenge Trennung von geistiger und körperlicher Liebe keineswegs die Auffassung des Christentums war, sondern der Irrtum seiner Häresien seit den Montanisten, den Enkratiten und den Manichäern. Luther und natürlich auch barocke Katholiken waren höchst genussfähig und die Gnade Gottes entlastete Christen vom Zwang, alles selbst machen zu müssen, wie noch der kluge Agnostiker Max Weber sehr gut wusste. Unvermeidlich dann die Klage über den Niedergang sexueller Lust, die es schon bei Freud gibt und die bei der Autorin darin gipfelt, Sexualität schon als "ehemaliges Glücksversprechen" in Rente zu schicken.

Das Buch ist eine Mischung von unverdautem Marxismus, dessen praktisches Scheitern an der Bibliothek der Autorin offensichtlich komplett vorbeigegangen ist, von unfreiwillig komischen Psychoanalyse-Highligths ohne ernsthaften Erkenntnisgewinn, von allgemeiner Zeitgeistklage, wie man sie sonst eher von Konservativen hört, und das alles aus einem Milieu der Besserverdienenden heraus, für die die Probleme der breiten Masse des Volkes offenbar "Peanuts" sind und die Billigwaren natürlich nur kaufen, weil die Jagd darauf so Spaß macht, und nicht, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Es war immer schon richtig, dass man "zu viel des Guten" auch bei der Arbeit tun kann.

MANFRED LÜTZ

Svenja Flaßpöhler: "Wir Genussarbeiter". Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft.

Deutsche Verlagsanstalt, München 2011. 208 S., geb. 17,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Das Buch ist eine (...) virtuose Tour durch die verbotenen Abgründe der Gesellschaft im Jahr 2011." Stern