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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
© Perlentaucher Medien GmbH
Wir haben uns auseinandergelebt, auch ganz ohne Donald Trumps Zutun. Amerika und Europa - Geschichte einer sehr wechselvollen Beziehung.
Das Jahr 2024 ist erst wenige Wochen alt und steht doch schon im Schatten eines Datums, das erst an seinem Ende liegen wird. Am 5. November 2024 wird in den Vereinigten Staaten ein neuer Präsident gewählt. Ausgehend von gegenwärtigen Umfragewerten, könnte dieser Präsident wieder Donald Trump heißen, dessen in jeder Hinsicht turbulente erste Amtszeit mit einer Erstürmung des US-Kapitols endete.
Falls sich weder die Demokratische noch die Republikanische Partei ihrer großartigen Traditionen besinnen sollten, bleibt es bei einem Kandidatenduell zweier alter Männer, die zusammen auf gut 160 Lebensjahre kommen. Ein überzeugendes Plädoyer für die Erneuerungskraft und die Energie der US-amerikanischen Demokratie ist dies nicht gerade. Und ob deren Institutionen den erneuten Stresstest durch einen erratischen Präsidenten überstehen, ist derzeit völlig ungewiss.
In jedem Fall wird der siegreiche Kandidat ein Jahr nach Amtsantritt an der Spitze der Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stehen und, wer auch immer dann Präsident ist, wird es sich sicher nicht nehmen lassen, in pathetischen Worten die Strahlkraft der US-Demokratie auf die übrige Welt in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten zu preisen.
Eine besondere Beziehung hatten die USA dabei seither zu Europa. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts aber entwickelte sich eine transatlantische Partnerschaft, die die amerikanische Historikerin Mary Nolan in einem neuen englischsprachigen Aufsatzband in den Blick nimmt. Die lange Jahre an der New York University lehrende und forschende Wissenschaftlerin geht dabei insbesondere dem Prozess der Amerikanisierung und seiner Gegenbewegung, dem Antiamerikanismus, sowie dessen Pendant, dem Antieuropäismus in den USA, nach. Neu und originell ist Nolans genderspezifische Perspektive auf diese altbekannten Phänomene. Ausgehend von einem Zitat des neokonservativen Vordenkers und Europakritikers Robert Kagan aus dem Jahr 2003 ("America is from Mars and Europe is from Venus"), wirft sie einen Blick auf die Geschlechterzuschreibungen der beiden Kontinente und auf die Rollenbilder amerikanischer und europäischer Frauen, wobei ihr manche Wertung zu schematisch gerät. Etwa dann, wenn sie weder die emanzipatorische Wirkung der Einführung des Frauenwahlrechts in der Weimarer Reichsverfassung noch die verfassungsrechtliche Gleichstellung der Geschlechter im Grundgesetz berücksichtigt.
Mary Nolan, geboren 1947 in Chicago und aufgewachsen in der Nähe von Seattle, ist eine von wenigen Wissenschaftlerinnen ihrer Generation, die sich mit deutscher Geschichte beschäftigt, ohne selbst deutsche Wurzeln zu haben, wie das etwa auf ihren berühmten Doktorvater Fritz Stern zutraf, der 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft mit seiner Familie aus Deutschland in die USA flüchten musste. Auf den 2016 verstorbenen Stern geht Nolans Gastprofessur am Jena Center für die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Wintersemester 2017/18 zurück, in deren Rahmen der vorliegende Band entstand, der neben drei älteren, wieder abgedruckten Aufsätzen einen seinerzeit in Jena gehaltenen Vortrag sowie ein längeres lebensgeschichtliches, auf Deutsch geführtes Interview mit der Autorin enthält, von der bislang nur sehr wenige Aufsätze ins Deutsche übersetzt worden sind.
Ihre an der Columbia University Mitte der 1970er-Jahre entstandene Doktorarbeit zur radikalen Arbeiterschaft in Düsseldorf an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert etwa wurde nie ins Deutsche übertragen, brachte ihr jedoch eine Vollzeitstelle in Harvard ein, was selbst zur damaligen Zeit für Frauen noch sehr ungewöhnlich war. Bereits 1966/67 hatte Nolan eines der begehrten Fulbright-Stipendien bekommen und studierte in politisch aufgewühlten Zeiten ein Jahr lang an der Freien Universität Berlin, wo sie zusammen mit anderen Landsleuten gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. Hier kam sie auch in intensiven Kontakt mit der Neuen Linken und deren dezidiertem Antiamerikanismus, der ihr später zum Forschungsthema werden sollte.
In einem 2005 erstmals in der Fachzeitschrift "Politics & Society" erschienenen und im Band wieder abgedruckten Aufsatz geht sie der Amerikanisierung in Deutschland im gesamten 20. Jahrhundert nach, die stets vom Antiamerikanismus begleitet wurde. Sie unterscheidet die massenkonsum- und kulturorientierte Amerikanisierung dabei von der eher auf intellektuellen Austausch gerichteten "Westernisierung" und der sich auf Phänomene wie Rationalisierung und Säkularisierung beschränkenden "Modernisierung". In der Bundesrepublik Deutschland sieht sie trotz der Gegenbewegungen das am stärksten "amerikanisierte" Land Europas.
Doch haben sich die beiden Länder, so wie ganz Westeuropa, bereits lange vor den Präsidentschaften Bush und Trump auseinandergelebt, und eine erneute Amtszeit Trumps würde diese in den 1970er-Jahren begonnene Entwicklung nur weiter verstärken. Nolan möchte deshalb auch nicht vom "amerikanischen Jahrhundert in Europa" sprechen (auch wenn der Buchtitel das nahelegt), sondern eher vom "amerikanischen Vierteljahrhundert", denn wirklich dominierend war der US-amerikanische Einfluss auf die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Europa ihrer Ansicht nach nur in der Zeit von 1945 bis 1970. Und schon in einem 2014 veröffentlichten Aufsatz erwog sie, dass die transatlantische Partnerschaft eines Tages auch an ihr Ende kommen könnte. RENÉ SCHLOTT
Mary Nolan: America's Century in Europe. Reflections on Americanization, Anti-Americanism and the Transatlantic Partnership.
Wallstein Verlag, Göttingen 2023. 216 S., 16,- Euro.
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