In einem Caféhaus sitzen ein paar junge Männer, trinken und lesen sich ihre Texte vor. Heftig, abgehackt und assoziativ hält die Künstlerbohème mit ihren Saufgelagen und ihrer Wut auf alles Gutbürgerliche Einzug in die Literatur. Der Zerfall der bürgerlichen Identitäten, der Gschlechterrollen, die Befreiung der Sexualität - der Einbruch der Moderne in die psychologische Verfasstheit findet sich in der Figur des "Trottel" wieder, der willensschwach, dämonisch und barbarisch auftritt und zutiefst einsam bleibt. Franz Jung hatte in Leipzig, Jena und Breslau Volkswirtschaft, Jura, Kunst und Theologie studiert und war 1911 nach München gezogen. Hier war er in engem Kontakt mit Erich Mühsam und der Münchener Bohème. 1913 zog er nach Berlin und gehörte dort zum Kreis der Künstler, aus denen die Dada-Bewegung entstand. Jung führte ein abenteuerliches Leben als Roman- und Theaterautor, Herumtreiber und revolutionärer Aktivist. Mit dem Trottelbuch meldete sich Franz Jung erstmals zu Wort. "Ein Charakter, wie man ihn heutzutage nur noch auf Leinwänden trifft", beschreibt ihn Günter Kunert.
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.04.2013Gesindelgeschichten
Es beginnt brutal: Zwei Betrunkene schlagen mit Stöcken auf eine Katze ein, die sich auf einen Baum zu retten versucht. Fast ist sie schon außer Reichweite, da holt einer zum letzten Schlag aus und zertrümmert dem Tier das Rückgrat. Vor 101 Jahren erschien "Das Trottelbuch". Die Katzenszene gibt den Ton vor: unkommentierte, unerklärte Gewalt, die den Leser ins Innerste trifft. Ihr Autor ist Franz Jung, zum Entstehungszeitpunkt des Buches 24 Jahre alt, Student in München und Anhänger des Künstler- und Literatenkreises der Schwabinger Boheme, später Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung und kommunistischer Aktivist. Der Nautilus Verlag, der das vierzehnbändige Gesamtwerk sowie eine Biographie Jungs veröffentlicht hat, bringt nun mit dem "Trottelbuch" das Erstlingswerk anlässlich des fünfzigsten Todestages des Schriftstellers in einer Neuausgabe heraus: ein eindringliches Beispiel frühexpressionistischer Prosa. Keine unterhaltsame Lektüre, aber, wie der expressionistische Dichterkollege Ernst Blass sagte: "Unheimlich und menschlich". (Franz Jung: "Das Trottelbuch". Edition Nautilus, Hamburg 2013. 94 S., br., 14,- [Euro].) karu
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Es beginnt brutal: Zwei Betrunkene schlagen mit Stöcken auf eine Katze ein, die sich auf einen Baum zu retten versucht. Fast ist sie schon außer Reichweite, da holt einer zum letzten Schlag aus und zertrümmert dem Tier das Rückgrat. Vor 101 Jahren erschien "Das Trottelbuch". Die Katzenszene gibt den Ton vor: unkommentierte, unerklärte Gewalt, die den Leser ins Innerste trifft. Ihr Autor ist Franz Jung, zum Entstehungszeitpunkt des Buches 24 Jahre alt, Student in München und Anhänger des Künstler- und Literatenkreises der Schwabinger Boheme, später Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung und kommunistischer Aktivist. Der Nautilus Verlag, der das vierzehnbändige Gesamtwerk sowie eine Biographie Jungs veröffentlicht hat, bringt nun mit dem "Trottelbuch" das Erstlingswerk anlässlich des fünfzigsten Todestages des Schriftstellers in einer Neuausgabe heraus: ein eindringliches Beispiel frühexpressionistischer Prosa. Keine unterhaltsame Lektüre, aber, wie der expressionistische Dichterkollege Ernst Blass sagte: "Unheimlich und menschlich". (Franz Jung: "Das Trottelbuch". Edition Nautilus, Hamburg 2013. 94 S., br., 14,- [Euro].) karu
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