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Claus Beck-Nielsen alias Madame Nielsen schreibt einen verkitschten Künstler- und Liebesroman
Identität ist das große Ding unserer Tage, für eine kleine radikale Minderheit die nationale, für die Mehrheit aber die psychische oder sexuelle oder Genderidentität. Die Erzählung "Der endlose Sommer" stößt uns im ersten Satz mit der Nase darauf: "Der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiß." Dabei ist es gar kein Satz, jedenfalls kein vollständiger. Was überraschend ist, denn dann folgen auf den nächsten 185 Seiten Sätze, die sich gewaschen haben: Sie sind nicht nur meistens vollständig, sondern auch ungefähr so endlos wie der Sommer, von dem das Buch handelt.
Dabei spielt dieser Junge, mit dem hier angefangen wird, nicht die Hauptrolle, aber er ist, wie wir dann nach und nach verstehen, der Erzähler, "dieser hübsche, scheue Junge mit den feinen Zügen, den großen Augen und der großen Angst, vor dem Krieg und vor Krankheiten, vor dem Körper, dem Geschlecht und dem Tod".
Dass der Erzähler, dessen Psyche offenbar nicht ganz in Ordnung ist, mit dem Autor, der vielleicht eine Autorin ist, identisch sein dürfte, erkennt man am Anfang aus kleinen Hinweisen, die dänische Leser schneller verstehen als wir (wie der Junge im Buch spielte der 1963 in Aarhus geborene Claus Beck-Nielsen, so sein bürgerlicher Name, von 1984 an in einer Band aus Odense und lernt ein Mädchen kennen, das Christina heißt wie Nielsens erste Ehefrau, die Schriftstellerin Christina Hesselholdt - deren Roman "Gefährten" eben auf Deutsch erschien).
Am Ende der Erzählung wird es dann deutlich: "Und der scheue Junge, mit dem alles begann, dieser zarte, schmale und oh so empfindsame Junge . . . wird endlich die alte Frau verstehen, die er ist, hauchfein und flüchtig wie Spinnweben . . . die zurückgezogen aus ihrer Zeit wie ein Schatten unter Fremden in der ,Stadt der Städte' lebt . . . als ihre eigene Muse . . . um zu erzählen, was verloren ging und bis eben vielleicht nie existiert hat." Das ist nicht nur eine einigermaßen selbstverliebte, kitschige Passage, sondern sie formuliert noch einmal, worum es Nielsen geht: dass nämlich erst die Kunst die Wirklichkeit erschafft.
Damit wird eine alte Anschauung übernommen, die einem in der Literatur immer wieder begegnet. Eine ihrer Vertreterinnen in Dänemark ist die Spätromantikerin Tania Blixen, der Nielsen nicht nur in Idee und Stil, sondern auch in Geschlecht und Aussehen nacheifert. Auch Stefan George (den Nielsen kennen könnte, er spricht sehr gut Deutsch) wäre ein Idol, wenn zum Beispiel vom "leuchtenden Schicksal" geträumt wird. Oder man denkt an Peter Høegs "Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert". Oder an den großen Impressionisten Eduard von Keyserling mit seinen kurländischen Adelsromanen.
Aber im Gegensatz zu diesem schildert Nielsen keine reale Welt, und sein Ton entspricht nicht der Atmosphäre unserer Zeit. Dem Vorwurf des Kolportageromans beugt Nielsen freilich vor, indem das Buch schon am Anfang mit metafiktionaler Selbstironie als "Kitschroman" bezeichnet wird.
Und Nielsen geht noch weiter und zweifelt, ob überhaupt alles stattgefunden habe, was mit dem Macbeth-Zitat untermauert wird: "Ein Märchen ists, erzählt von einem Blödling, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet"; hier im Deutsch von Dorothea Tieck. Nielsen zitiert natürlich auf Englisch und ersetzt das "nothing" am Schluss durch drei Pünktchen.
Worum geht es in diesem Märchen, "told by an idiot"? Eine kleine Gruppe junger Menschen trifft sich Mitte der achtziger Jahre halb zufällig in einem "weißen Hof" (da denkt man an Herman Bang), wohl auf Fünen, und erlebt einen summer of love auf ihre Weise: der scheue Junge, seine Freundin Christina, deren Mutter Ditte (Ende dreißig und Besitzerin des Hofs, eine "aristokratische Gestalt mit langen graziösen Gliedern und elfenbeinblondem Haar"), zwei jüngere Brüder, der schlaksige Lars und zwei portugiesische Rucksackreisende. Die rauschhafte Liebe zwischen dem einen der beiden, einem Künstler natürlich, und der doppelt so alten Mutter überstrahlt alles und mündet sogar in bürgerlicher Ehe: wahrscheinlich Anfang vom Ende des "endlosen Sommers".
Endlos sind wie gesagt auch die Sätze, allerdings sind sie Wunderwerke einer wie in Trance entstandenen großen Unlesbarkeit, sie gehen gefühlt über Seiten, aber sie stimmen, es gibt keine grammatikalischen Ungenauigkeiten, keine syntaktischen Unfälle, keine falschen Bezüge. Diese Feststellung ist mit Hochachtung für den Übersetzer verbunden, der die nicht ganz einfache Übung bewundernswert bewältigt hat.
Nielsen hat das blendend gemacht. Oder ist es doch nur Blendwerk? Nicht nur, weil wir uns hin und wieder dabei ertappen, zwei Seiten zurückblättern zu müssen, um den blendenden Satz noch einmal von vorn anzufangen, weil wir irgendwann den Überblick verloren haben. Sondern auch, weil die Geschichte an sich im Gegensatz zu den Sätzen, mit denen sie erzählt wird, eher dünn ist und sich darauf beschränkt, die Liebe als Aufhebung von Zeit und Raum zu feiern, und zwar mit einem oft pathetisch rosaroten Vokabular und einem triefend kitschigen Sound, so dass wir uns verwirrt fragen: Lesen wir jetzt eine billige Romanze, oder ist alles nur Ironie und Maskerade, so wie Lippenstift und Kleider Claus Beck-Nielsen zu einer Madame Nielsen machen?
"Der endlose Sommer" ist ein Künstler- und Liebesroman, dessen Figuren merkwürdig festgelegt sind. Was passiert eigentlich mit ihnen? Nach dem Rausch enden sie wieder im Reihenhaus eines gesichtslosen Provinzstädtchens. Nur der scheue Junge vom Anfang sitzt als alte Frau ganz unscheu in der "Stadt der Städte", nämlich Paris, und schreibt. Er/sie allein scheint eine Entwicklung durchgemacht zu haben, nur für ihn/sie geht der Sommer weiter.
PETER URBAN-HALLE
Madame Nielsen: "Der endlose Sommer". Roman.
Aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 190 S., geb., 18,- [Euro].
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
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