»Bis Mai 1947 registrierte der Suchdienst des Roten Kreuzes und der beiden großen Kirchen in Hamburg etwa 40.000 elternlose Kinder: Waisen, die im Bombenhagel oder durch andere Kampfhandlungen Mütter und Väter verloren hatten. Für 21.000 Mädchen und Jungen machten die Helfer keinen einzigen
Verwandten ausfindig, bei dem diese unterschlüpfen konnten. Mehr als 1.000 dieser verwaisten Kinder lebten…mehr»Bis Mai 1947 registrierte der Suchdienst des Roten Kreuzes und der beiden großen Kirchen in Hamburg etwa 40.000 elternlose Kinder: Waisen, die im Bombenhagel oder durch andere Kampfhandlungen Mütter und Väter verloren hatten. Für 21.000 Mädchen und Jungen machten die Helfer keinen einzigen Verwandten ausfindig, bei dem diese unterschlüpfen konnten. Mehr als 1.000 dieser verwaisten Kinder lebten nicht in Heimen, sondern schlugen sich, allein oder in Banden, in der verwüsteten Stadt durch. Sie hausten in selbstgebauten Unterkünften, in Nissenhütten oder Hochbunkern. Sie verdingten sich als Handlanger des Schwarzmarktes, als Kohlenklauer, Diebe oder Prostituierte.«
Eines dieser elternlosen Kinder ist es scheinbar, das Oberinspektor Frank Stave an diesem heißen Maitag des Nachkriegsjahres 1947 findet. Ermordet und liegend auf einem Blindgänger, mitten in den Ruinen einer Hamburger Werft. Wie kam der Junge dorthin – ins Sperrgebiet? Wer hat ihn brutal ermordet und wieso liegt die Leiche auf einer englischen 500-Pfund-Bombe?
Stave nimmt die Ermittlungen auf und hat schon bald einen alten Bekannten an seiner Seite: Lieutenant James C. MacDonald von den britischen Besatzungstruppen.
Dieser Krimi bietet dem Leser gute Unterhaltung plus einer reichlichen Portion Zeitgeschichte. Da gibt es detaillierte Beschreibungen des zerbombten Hamburg und seiner zerstörten Hafenanlagen. Die englischen Besatzungstruppen sind ein weiteres großes Thema und die von ihnen erzwungene Demontage der Werft von Blohm + Voss.
Ferner geht es um das normale Leben des Durchschnittsbürgers, das sich um Verlust, vermisste Personen, Kriegsgefangenschaft, traumatische Kriegserlebnisse, Lebensmittelkarten, Schwarzmarkt und Neuanfänge dreht. Und es geht um das Leben der vielen Kinder, die durch den Verlust ihrer Eltern plötzlich gezwungen waren, sich irgendwie allein durchzuschlagen. Wobei es sogar da noch Unterschiede gab, denn es gab die „normalen“ Waisen und es gab die sogenannten Wolfskinder.
»Wolfskinder – so nennen sich die Mädchen und Jungen aus dem Osten. Die Waisen, die in den Kämpfen oder bei der Flucht aus Ostpreußen und Schlesien ihre Eltern verloren haben. Manche kennen nicht einmal ihren Namen. Hausen in abgebrannten Scheunen und zertrümmerten Häusern. Schlagen sich irgendwann durch bis in die Westzonen. Ein paar Hundert sollen in Hamburgs Ruinen hausen.«
Stave geht das Schicksal dieser Kinder sehr nahe. Zumal es nicht bei diesem einen toten Jungen bleibt. Private Sorgen hat er außerdem, denn sein Sohn befindet sich noch immer in russischer Kriegsgefangenschaft. Und nachts plagen ihn Alpträume, in denen er wieder und wieder erlebt, wie seine Frau bei einem Fliegerangriff ums Leben kam.
Im Grunde könnte man also meinen, dass man es als Leser hier mit einem Buch zu tun hat, das einem aufgrund des ernsten Themas zusetzt. Tatsächlich gibt es aber immer zwischendurch Passagen, in denen ich lachen musste – und das liegt an Staves „Partner“, Lieutenant MacDonald. Die beiden haben sich bei einem früheren Fall Staves kennengelernt und zum beiderseitigen Erstaunen angefreundet. Und während Stave die personifizierte Ernsthaftigkeit ist, ist MacDonald – nun ja – eher das Gegenteil. Als Folge daraus gibt es herrliche Wortgefechte zwischen den beiden, da wird gefrotzelt und mit sarkastischen Bemerkungen geglänzt.
Nach dem „Trümmermörder“ muss Frank Stave hier seinen zweiten Fall lösen. Erneut schafft es der Autor, aus dem zeitgeschichtlichen Hintergrund eine passende Kriminalhandlung zu entwickeln. Auch Staves Seelenleben wird sehr schön skizziert, ich stellte für mich fest, dass ich gleichermaßen an seinen privaten Problemen wie an der Auflösung des Falls interessiert war. Es ist nicht notwendig, den „Trümmermörder“ zu kennen, obwohl ich dieses Buch auch sehr empfehlen kann ;-)
Fazit: Intelligente Krimihandlung mit viel Zeitgeschichte, Stoff zum Nachdenken und einigen sehr unterhaltsamen Dialogen.