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Ein kaum übertragbares Modell
In den vergangenen Jahren versuchten einige Autoren zu beweisen, dass man mit weniger Arbeitszeit letztendlich produktiver sei. Der amerikanische Unternehmer Timothy Ferriss predigte in seinem Bestseller "Die 4-Stunden-Woche", wir sollten uns im Job rarmachen: Das bringe Reichtum und Glück. Bei Ferriss klappte das Prinzip allerdings nur deswegen, weil er andere für sich arbeiten ließ. "Outsourcing, Delegieren und das konsequente Aussitzen von Problemen sind der erste Schritt in die persönliche Freiheit", meinte er. Man kann nur hoffen, dass diese Grundsätze nicht von Krankenpflegern, Busfahrern oder Lehrern beherzigt wurden. Mit einigen Ratschlägen hatte Ferriss allerdings nicht ganz unrecht. So forderte er, E-Mails seltener zu lesen und Informationsdiät zu halten. Auf die Spitze treibt diese Forderung inzwischen Rolf Dobelli, dessen neuer Ratgeber "Die Kunst des digitalen Lebens" dazu auffordert, weniger Newshäppchen aufzunehmen und mehr Wissen zu generieren. Parallel wirbt auch der Deutsche Lasse Rheingans für weniger Ablenkung und weniger Präsenzpflicht am Arbeitsplatz. Denn erbrachte Leistung und verbrachte Zeit seien zu unterscheiden. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis, aber: Rheingans hat immerhin versucht, den 5-Stunden-Tag einzuführen. Das bedeutet: Drei Stunden weniger Präsenzpflicht in seiner Bielefelder Digitalagentur, konkret nur noch von 8 bis 13 Uhr, danach gemeinsames Kochen. Warum macht er das? Und: Konnte er das durchhalten?
Sein Buch gibt auf das "Warum" vier Antworten. Erstens: In Studien sei nachgewiesen worden, dass die menschliche Aufmerksamkeit nach fünf Stunden zurückgeht. Arbeitszeitforscher predigten daher, dass man bei einer reduzierten Arbeitszeit sehr effizient und produktiv arbeiten würde. Zweitens: Die meisten Arbeitnehmer haben nur eine geringe emotionale Bindung an ihr Unternehmen. Das könne man ändern, indem Mitarbeiter mehr Zeit für ihr Privatleben bekommen. Das sei auch für die Firma vorteilhaft, denn es sei wesentlich einfacher und billiger, einen zufriedenen Mitarbeiter zu halten, als einen neuen zu gewinnen. Zudem hat Rheingans festgestellt, dass viele junge Leute nach Hamburg oder Berlin wollen. Damit er sie nach Bielefeld locken kann, muss er etwas Besonderes bieten. Drittens: Die Digitalisierung hat die Produktivität steigen lassen. Der daraus generierte Gewinn wandere bisher aber nur in die Taschen der Unternehmer und Kapitalgeber. "Damit verschenken wir die Möglichkeit, aus Mensch und Maschine Verbündete zu machen." Viertens: Rheingans ist ein Anhänger der "New Work"-Bewegung, die von Frithjof Bergmann geprägt wurde. Neben der Erwerbstätigkeit soll das Leben auch bewussten Konsum ermöglichen und zudem Tätigkeiten enthalten, die man wirklich machen möchte. Um das zu erreichen, müsse die Zeit der Erwerbsarbeit reduziert werden. In der Theorie klingt das alles schön und gut. Wie aber sieht es in der Praxis aus, etwas beim Chef selbst? Rheingans berichtet, dass es ihm mehrheitlich nicht gelang, um 13 Uhr das Büro zu verlassen. Vor allem wegen der Übernahme einer bestehenden Agentur konnte er den 5-Stunden-Tag nicht einhalten. Dennoch habe er sich bemüht, die Kollegen darin zu bestärken, um 13 Uhr zu gehen.
Das mag in einer kleinen Digitalagentur mit vor allem jüngeren Mitarbeitern funktionieren. Doch in vielen anderen Branchen ist der 5-Stunden-Tag eine Illusion. Beispiel: Pflege. Wie soll man dort, bei immensem Fachkräftemangel, Arbeitszeit reduzieren? Zumal, wenn der Zuzug ausländischer Pflegekräfte bei einem Teil der Bevölkerung, nicht nur im Osten Deutschlands, Hysterie auslöst? Hinzu kommt, dass in den nächsten 15 Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen.
Rheingans spricht diese Tatsachen an, hat aber keine Lösung dafür, wie hier ein 5-Stunden-Tag praktisch umgesetzt werden könnte. Sein Vorbild ist der amerikanische Unternehmer Stephan Aarstol. Er hatte 2016 im Buch "The Five-Hour Workday" erklärt, wie seine Firma für Stand-up-Paddle-Boards enorme Zuwachsraten aufweist, trotz reduzierter Präsenzpflicht der Mitarbeiter. Teile dieses Modells übertrug Rheingans nach Bielefeld. Dazu schuf er kurze Regelsätze zur Steigerung der Produktivität, etwa diese: Termine finden nur mit zuvor angefertigter Agenda statt. Es werden keine Termine für den aktuellen Tag geplant. Die Mitarbeiter melden ihre Aufgaben für die bevorstehende Woche an das Projektmanagement. Jeder Mitarbeiter priorisiert, abgeleitet davon, seine Tagesaufgaben selbst. Private Pop-Up-Mitteilungen auf dem Smartphone bitte deaktivieren. Aber helfen diese Regeln? Im Großen und Ganzen wohl schon, wobei es für eine belastbare Evaluation nach knapp zwanzig Monaten (November 2017 bis Sommer 2019) zu früh erscheint, das Buch mithin erst in einigen Jahren erscheinen dürfte.
Immerhin ist Rheingans so ehrlich, zu berichten, wie sein 5-Stunden-Traum teilweise zerfiel: An zwei Nachmittagen finden doch noch Teamgespräche statt. Und einige Monate lang musste deutlich mehr gearbeitet werden. "Bei einer 25-Stunden-Woche fehlt der Puffer, um Auftragsausfälle oder Erkrankungen von Mitarbeitern auszugleichen", gibt Rheingans zu. Ein Professor habe ihm erklärt, dass ausgerechnet die mit Akribie eliminierten Zeitkiller eine Ursache dafür sein könnten, dass die Arbeit nicht mehr in fünf Stunden geschafft werde. Schwätzchen, Smalltalk und die private E-Mail seien von großer Bedeutung für Motivation und Funktionsfähigkeit von Teams. Manche Mitarbeiter fühlten sich nicht wohl damit, fünf Stunden hochkonzentriert arbeiten und dabei ablenkungsfrei kreativ bleiben zu müssen. Fazit: Der 5-Stunden-Tag taugt aus verschiedenen Gründen kaum als Vorbild, trotzdem ist spannend zu lesen, wie versucht wurde, diese Utopie einmal umzusetzen.
JOCHEN ZENTHÖFER
Lasse Rheingans: Die 5-Stunden-Revolution. Campus 2019. 224 Seiten. 24,95 Euro.
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