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Perlentaucher-Notiz zur Dlf-Rezension
© Perlentaucher Medien GmbH
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wie er
Zu allen Zeiten arbeiten sich Söhne
schmerzvoll an ihren Vätern ab.
Andreas Schäfer schreibt die gigantische
literarische Tradition dieser Beziehung
in die Gegenwart fort
VON ULRICH RÜDENAUER
Als die Männer der Jahrgänge um 1970 vor einigen Jahren Kinder bekamen und sich in die Erzieherrolle einfinden mussten, fiel auffallend häufig der Satz: „Ich möchte alles anders machen als mein Vater.“ Wem sie da auf keinen Fall nacheifern wollten, konnte sich je nach Familienkonstellation unterscheiden – dem dauerhaft abwesenden, dem notorisch abweisenden, dem ständig abreisenden Vater. Offenbar stimmte auch mit dieser Nachkriegsgeneration irgendetwas nicht, die viel mit sich selbst, dem wirtschaftlichen Aufstieg und wiederum den eigenen Vätern zu tun gehabt hatte. Im Prinzip aber setzte sich in da ein uraltes Prinzip fort: Vatermord ist noch immer der zuverlässigste Motor gesellschaftlichen Wandels.
Die von Männern verfasste Literatur hat sich immer für diese psychologisch komplexe Lage interessiert. „Väter und Söhne“, der deutsche Titel von Turgenjews 1861 entstandenem Roman, könnte über einer ganzen Bibliothek von Vater-Sohn-Geschichten prangen. Der Fokus hat sich dabei stets ein wenig verschoben, je nach gesellschaftlichen Bedrängnissen, therapeutischem Erkenntnisstand und politischen Stimmungslagen. Aber gemeinsam ist ihnen doch, dass es um patriarchale Machtkämpfe geht, um Abrechnungen mit dem Pater familias, um Ablösungsprozesse und Erlösungssehnsüchte.
Richtige Höhenkammtexte hat das hervorgebracht, man denke nur an Kafkas „Brief an den Vater“ oder „Das Urteil“. Und in den 1970er-Jahren hierzulande auch einige einflussreiche Erkundungen, die das Unbehagen an den Nazi-Vätern und den Zwiespalt der Söhne auf subjektive Weise neu formulierten, Bernward Vespers „Die Reise“ etwa oder Christoph Meckels „Suchbild. Über meinen Vater“. Interessanterweise beides Vergeltungsbücher: Schreibende Über-Väter mussten von der Bühne geschubst werden, auf der man selbst reüssieren wollte. Väter sind in diesen Texten entweder furchtbar grell leuchtende Heroen oder tyrannische Instanzen, unerreichbare Vorbilder oder zu bekämpfende Gegner.
Eine Auseinandersetzung mit kühlem Kopf setzt meist spät ein, dann, wenn die Kräfte der Altvorderen schwinden, sie dahinsiechen, von ihrem Sockel plumpsen oder bereits abgetreten sind. Ein Autor bekannte einmal im Gespräch, er habe erst wirklich mit dem Schreiben beginnen können, als sein Vater gestorben war. Endlich Luft zum Atmen!
Die in den vergangenen Jahren erschienenen Vater-Bücher unterscheiden sich von jenen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren schon alleine dadurch, dass nun zunehmend die im oder nach dem Krieg geborenen Väter in den Blick geraten. Die Beschädigungen der Kriegskinder sind andere als die der Täter und Mitläufer. Einfacher macht das die Sache nicht. Am Ende bleibt es bei den ewig gleichen Fragen – nach verkorksten Lebensläufen, schwierig auszutarierenden Beziehungsstrukturen, lästigen Konkurrenzgefühlen, Abgrenzungsverlangen und der eigenen Identität. Wie wurde ich bloß zu dem, der ich bin?
„Natürlich war ich wie er“, bekennt Andreas Schäfer. „Nicht nur erkannte ich immer öfter seine Züge im eigenen Spiegelbild (und wurde besonders bei schnellen, unbedachten Blicken von der Ähnlichkeit überrascht). Vollführte ich im Schreck nicht auch ähnlich ruckartige Bewegungen, floh vor den eigenen vier Wänden ins Café oder geriet viel zu schnell – ein Funken genügte – in Rage?“ Der 1969 geborene Schäfer, der vier Romane veröffentlicht hat und als Theaterkritiker bekannt wurde, liefert mit „Die Schuhe meines Vaters“ das jüngste Beispiel für das Sohn-Vater-Genre, und er wählt dafür eine Form, die in angelsächsischen Ländern schon länger hohes Ansehen genießt, aber auch in der deutschsprachigen Literatur inzwischen angekommen ist – den Personal Essay.
Die herausragendsten dieser Versuche verwandeln eine persönliche Erfahrung in literarische Meisterstücke, in denen grundsätzliche Bedingungen des Menschseins aufscheinen – so wie es Joan Didion in ihrem Trauerbuch „Das Jahr des magischen Denkens“ gelungen ist oder Julian Barnes in seinen „Lebensstufen“. Um es gleich vorweg zu sagen: Andreas Schäfers „Die Schuhe meines Vaters“ muss sich vor diesen Büchern nicht verstecken. Ihm glückt die Balance zwischen zweifelnd-zärtlicher Hommage und befreiender Inventarisierung. Ein Schicksal wendet sich hier, auch dank der hochreflektierten, das eigene Tun hinterfragenden Machart des Buches, ins Allgemeine. Der Vater ist ein Einzelner und zugleich Vertreter einer von Kriegstraumata beschwerten Generation: Requiem auf einen Mann, der immer vom Verlust seines inneren Gleichgewichts bedroht war.
„Die Schuhe meines Vaters“ setzt ein mit einem Abschied: Zum letzten Mal kommt Robert Schäfer zu Besuch nach Berlin. Eine Krebsdiagnose und ein operativer Eingriff schweben unheilvoll über dieser Reise. Noch einmal gibt es Gespräche mit dem Sohn Andreas, ein vermeintlich unbeschwertes Zusammensein mit der Enkeltochter. Ein paar Tage später der Anruf aus dem Krankenhaus: Nach einer Hirnblutung liegt der Vater im Koma.
Andreas Schäfer reist nach Frankfurt. Die seit Langem wieder in ihrer Heimat lebende griechische Mutter – vor Jahrzehnten hatten sich die Eltern getrennt – eilt ebenfalls ans Krankenbett. Hoffnung besteht keine mehr. Das Einzige, was zu tun bleibt, ist, den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen – wann sollen die Maschinen abgestellt werden? Kann das Kind zum Richter über den Vater werden?
Wie in Philip Roths innigem Porträt „Mein Leben als Sohn“ setzt dieser existenzielle Moment einen Erinnerungsprozess in Gang, den Wunsch, dem lange Zeit unverstandenen und auch gefürchteten Vater eine Geschichte zu geben. Unversehens entsteht aus staunendem Unglauben und aus der Trauer ein Erzähldrang, beginnt die „Verwandlung eines realen Menschen in eine Buchfigur“. Zwei Jahre nach Robert Schäfers Tod fängt der Sohn damit an, den Vaterroman zu schreiben.
Aus Fotoalben, Notizen, Reisetagebüchern, Landkarten, Flugtickets, unscheinbaren und verborgenen Zeugnissen, setzt sich für Andreas Schäfer erst nach und nach ein komplettes Leben zusammen, wo vorher eine rätselhaft zerrissene Gestalt regierte. „Es war mir offenbar unmöglich, mich von den Dingen des Vaters zu trennen, ohne dass sich an den Rändern des Bewusstseins das vage Gebilde einer Vater-Erfindung abzeichnete.“
Es gibt nämlich mindestens zwei Robert Schäfers, und es ist eine Herausforderung, diese beiden miteinander in Einklang zu bringen: Da ist der launenhafte, zu Besserwisserei und cholerischen Anfällen neigende Vater, ehemals Revisor bei der Coop-Genossenschaft; ein Einzelkämpfer, der nach der Trennung von seiner Frau jahrzehntelang alleine lebt. Und jener Mann, der mutig mit den eigenen Eltern bricht, weil diese etwas gegen die „dahergelaufene“ Griechin einzuwenden haben; der im Alter zu abenteuerlichen Reisen aufbricht, zu schreiben beginnt und zum reizenden Großvater wird. Er ist der peinlich selbstgefällige Schwadroneur und der neugierige und begeisterungsfähige Rentner, der Bekanntschaften in der ganzen Welt schließt.
Wer Abschied nimmt, neigt zur Nachsicht. Die Melancholie trübt den Blick, aber sie kann ihn zuweilen auch schärfen. Andreas Schäfer lässt seinem Vater Gerechtigkeit widerfahren, weil er dessen Widersprüche nicht kassiert. Die erst führen zum Kern, zum Unerschlossenen und Verschwiegenen. Der Autor stöbert in der Kindheit des Vaters wie ein Analytiker in der Seele seines Patienten, und er stößt auf das die lebenslange Unruhe erklärende Trauma: In den letzten Kriegstagen wurde das Heim der Familie ausgebombt. „Sein nervöses, flatterndes Herz, das schnelle Außer-sich-Geraten – bis heute besteht in meinem Vater-Bild ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem in Flammen stehenden Haus und seiner eigenen, jeden Moment möglichen Entflammbarkeit.“
Der „seelische Schmiss“, den Schäfer an sich selbst diagnostiziert, entstellt schon den Vater. Andreas Schäfer will die „aus Schutz vor Verletzung aufgebaute Halbdistanz“ überwinden, versucht, im Vater den kleinen Jungen zu sehen, der in Berlin auf- und in den Krieg hineingewachsen ist. Er fährt mit diesem Kind an den Bodensee zu Tante Mariechen, die ihm ein Gefühl von Heimat gegeben hat, als in der Hauptstadt die Bomben fielen. Und Andreas Schäfer fragt sich, was dieser Halbwüchsige von seiner Zeit mitbekommen haben mag, ob er die riesigen Menschenmengen übersehen konnte, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Familie zu den Bahnhöfen und schließlich in den Tod getrieben wurden.
Er schlüpft in die Haut des Vaters. Und nicht zuletzt das führt zur ernüchternden Erkenntnis, bei allen Fluchtbewegungen „natürlich wie er zu sein“. Es ist eine schonungslose Selbstbesinnung, die Andreas Schäfer zu den eigenen Abgründen führt: „,Ich habe noch nie keine Angst vor dir gehabt‘, hatte meine Tochter mal gesagt, als wir uns nach einem Streit wieder vertragen hatten und ich sie fragte, ob sie sich manchmal vor mir fürchte.“ Einen ehrlicheren, erschreckenderen Satz kann man sich kaum denken. Ohne die vorausgegangene Vatersuche wäre er wohl kaum möglich.
Anruf aus dem Krankenhaus:
Nach einer Hirnblutung
liegt der Vater im Koma
Der selbstgefällige Schwadroneur
und der begeisterungsfähige
Rentner in einer Person
Andreas Schäfer: Die Schuhe meines Vaters. Dumont, Köln 2022.
192 Seiten, 22 Euro.
Will im Schreiben über den Vater die „aus Schutz vor Verletzung aufgebaute Halbdistanz“ überwinden: Der Journalist und Autor Andreas Schäfer.
Foto: Mirella Weingarten/Dumont
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