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Kathrin Schmidts Gedichte erproben Grenz- und Zeilenfälle
Wer "zwischen den schultern / die flügelmutter" hat, kann sich offenbar mühelos auf verschiedene literarische Spurweiten einstellen. Was in ihrem Debütroman "Die Gunnar-Lennefsen-Expedition" ins Kolossale gewuchert war, hat Kathrin Schmidt in ihrem vierten Gedichtband wieder zurückgeschraubt auf das lyrische Maß, das ihrer Worterfindungswut förderliche Fesseln anlegt und ihre überbordende Bilderflut in kunstreich angelegte Kanäle lenkt.
Auch hier geht es um verborgene Zusammenhänge zwischen Körper und Geschichte, um die gewaltsam eingedämmten Sprengkräfte weiblicher Weltwahrnehmung unter den Vorzeichen einer DDR-Sozialisation, deren Residuen lange nach dem Mauerfall noch immer in den Adern kreisen, im "souterrain der lungen" nisten und aus Liebeslagern dünsten. Aber die familiäre "kleinhausordnung" im östlichen Deutschland war in den frühen Sechzigern, den Kindheitsjahren der Autorin, von jener im westlichen nicht gar so verschieden, und überall dort, wo die Gedichte unverhüllt mit Reminiszenzen an den untergegangenen Versuchsstaat spielen, schwingt die Erfahrung mit, daß es eben nicht oder nicht nur politische Systeme sind, die Barrieren zwischen Individuen, zwischen den Geschlechtern, zwischen dem lyrischen Ich und der Welt errichten.
Mit "grenzblick" erkundete die "pimpfkinderhorde" die Landschaft "und probte den grenzfall"; später dann wird "der deutsche reisende, furunkelträger" an den "körpergrenzen" kontrolliert. Die sexuelle Vereinigung, Gewehr bei Fuß, vollzieht sich da, "wo die / grenzlinien übereinanderfallen und kein dazwischen ist"; erst wenn die "gedrechselten / redenswaffen" schweigen, kann es zuweilen geschehen, daß "der grenzrahmen bricht". Die Kriegsmetaphorik ist so allgegenwärtig wie das Grenzmotiv, die Dichterin und ihr männliches Gegenüber befinden sich "im belagerungsabstand im summenden / ausseelungskampf". Dann wieder kommen sie schrankenlos deftig zur Sache, wie bei einer sommerlichen, stark nach Günter Grass schmeckenden Buttermahlzeit am Saarmunder Bodden: "in deinen hosen entsteht was, wie tosen / geht jetzt das meer mir vorbei an ohren / und arsch". Mit Säften und Sekreten, mit "ramba und zamba" trotzt eine aufmüpfige, nicht immer appetitanregende Sinnlichkeit dem fahlen Aroma von "ersatzkaffee" und "rauhputzfassaden" und zugleich dem "schlappmut der doktorwut", den der Geliebte auf der Stirn trägt.
Kindheit und Alter sind, neben dem "Paarsegeln", Themen der Kathrin Schmidt, außerdem die Agonie der Natur, die Analogie zwischen Körper- und Maschinenwelt, gentechnische Verheißungen, aber auch aktuelle deutsche Befindlichkeiten. "Hinterm wohlfühlgewicht dieses land / läufigen aufschwungs": damit ist viel, wenn nicht alles gesagt. Das Titelgedicht "go-in der belladonnen" entfaltet ironisch und wortlüstern ein Berlin-Panorama aus weiblicher Außenseitersicht. Viel Kryptisches, viel Codiertes findet sich in diesen Versen, aber es erweitert die grenzkontrollfreien Assoziationsräume, die mit Hilfe von Wortschöpfungen und Wortverdrehungen so fintenreich wie routiniert geöffnet werden. Natürlich ist, wer auf dem Buchstabenspielfeld sich tummelt, nicht gegen Manierismen gefeit: Eingebungen wie "gefallender engel", "spiegelverkehr", "achtgebet", "kreuzorträtsel" reizen zu beliebiger Vermehrung, Adjektive wie "würzbecherfarben" oder "mondhohngeschützt" kokettieren ein wenig mit ihrer leeren Schönheit, und im Schutzraum des Lyrischen dürfen sich der "kardamom des instinkts", die "herzhundestaffel" oder die "drosophila der schwarzbiernacht" spreizen, ohne durch Nachfragen belästigt zu werden.
Dafür steht Kathrin Schmidt mit Jambus und Daktylus auf ausgezeichnetem Fuß, und wo sie sich zur Reduktion statt zur Ausschweifung entschließt, können kleine Perlen der Verrätselung entstehen, wie der Achtzeiler "auch das asyl". Mit etwas Pathos ließe sich resümieren, dies seien die Gedichte einer Unbehausten, die in ihrem privaten Sprachkosmos zuverlässiges Asyl gefunden hat und von dort auf alle Schein-Geborgenheiten spöttisch zurückblickt: "dabei hieß es / doch früher immer, wo ein hauswart / dir lacht, findet alles sein gütliches ende".
KRISTINA MAIDT-ZINKE
Kathrin Schmidt: "go-in der belladonnen". Gedichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000. 88 S., geb., 32,- DM.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
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