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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
© Perlentaucher Medien GmbH
Ryad Assani-Razaki beschreibt Afrikas Gegenwart
Im Grunde erzählt der Roman "Iman" die Geschichte von 23 Euro: Für diese Summe verkauft Toumanis Vater seinen Sohn ins Unglück. Mit einem Gesicht, das "zu einer Maske erstarrt" ist, zählt er die Geldscheine. Toumani muss in die Stadt ziehen und einem fremden Herrn dienen. Er gerät an Monsieur Bia: "Die beste Zeit meines Lebens war vorbei." Von seinem sadistischen Peiniger ausgerechnet Apollinaire getauft, wird Toumani das Opfer von Räuschen, in denen "Alcools" sehr handfeste Folgen zeitigen: In Gewaltorgien prügelt sein Herr sich das Unglück aus dem Leib. Die letzte überlebt Toumani zwar mit Mühe und Not, aber die Brutalität kann sich in seinem Körper einnisten, wie der Leser ganz am Ende von Ryad Assani-Razakis fulminantem Debütroman erfährt. Toumanis Geschichte ist ein beeindruckendes Gleichnis auf die afrikanische Gegenwart.
Aus wechselnden Perspektiven erzählt Assani-Razaki die Schicksale dreier Jugendlicher, die durch Bande der Freundschaft, der Liebe und schließlich des Hasses aneinander gebunden werden. Toumani wird durch Iman gerettet: Der Vierzehnjährige zieht den sieben Jahre Jüngeren aus dem Kanalschacht, in den Monsieur Bia ihn halbtot geworfen hatte. Iman pflegt ihn gesund; Toumani, um ein Bein ärmer, dankt es dem Älteren mit einem Gefühl, das weit abgründiger ist als Freundschaft. Iman ist leicht zu lieben: ein charismatischer, attraktiver Jüngling, der sich schon dadurch von seiner Umwelt abhebt, dass er Sohn eines Franzosen ist. Er schlägt sich durch, ist loyal, aber letzten Endes indifferent: Von seiner Mutter verstoßen, träumt er von einem anderen Leben, das für ihn in Europa spielt; die aussichtslose Liaison mit einer Weißen verstärkt ihn darin. Toumani hingegen ist zu gedanklichen Fluchten nicht mehr in der Lage und beäugt die Phantasien mit Misstrauen und Eifersucht.
Zum nunmehr erwachsenen Duo stößt Alissa hinzu; Toumani kennt sie aus der Zeit bei der Kinderhändlerin. Die Zuneigung aus früheren Jahren hat Alissa sich bewahrt: Sie ist eine verheißungsvolle Wiederkehr des Glücks aus Kindertagen. Alissa ist nicht nur wunderschön, sondern auch selbstlos und bereit, einen Krüppel zu lieben, der in einer Wäscherei ackert und eine Baracke am Rande eines Slums behaust; sie ist die Einzige, der man zutraut, der Misere etwas abzugewinnen. Allerdings begehrt Iman die Schöne ebenfalls, und - schlimmer noch - Toumani stehen die eigenen Ängste im Wege: Er ist das erschreckende Beispiel dafür, wie Elend und Gewalt zur Selbstsabotage führen. Die drei verstricken sich in Gefühle, die von einem Extrem ins andere schlagen.
Ryad Assani-Razaki, 1981 in Benin geboren, hat Informatik studiert und lebt in Kanada. Sein Lebenslauf hat wenig mit dem seiner drei Helden zu tun. Umso beeindruckender ist die Wirkung von hautnaher Authentizität, die an "City of God" erinnert - "Iman" hätte das Zeug zu einer ähnlich gelungenen Verfilmung. Assani-Razaki will jedoch mehr als Realitätseffekte: Das Liebesdreieck wird durch Imans Familiengeschichte mit einer zeitlichen Tiefe versehen, die den Roman gleich mehrfach in die afrikanische Historie stellt. Großmutter Hadscha, eine gläubige Muslimin, und Mutter Zainab, eine eiserne Egoistin, schildern ihre Schicksale und erweitern das Panorama. Assani-Razaki schafft eine Ahnenreihe von Unglück und emotionaler Kälte, die das Geschehen in der Vergangenheit verankert: Die turbulenten Jahre der afrikanischen Unabhängigkeit und der politischen Terrorregime, die den Kern der Romane Ahmadou Kouroumas darstellen, zeichnen sich im Hintergrund ab; eine Reverenz an den Autor von "Der letzte Fürst" lässt sich erahnen.
Für Assani-Razaki ist die postkoloniale Situation zwar in den Hintergrund gerückt, dennoch ist sie der Fokus, der die Gegenwart zu verstehen erlaubt: "Ich wusste nicht, was aus seinen Träumen geworden war, aus unser aller Träumen. Waren die Neger tatsächlich zu Afrikanern geworden?", fragt sich Großmutter Hadscha. Wenn ja, so lautet die harte Antwort des Romans, dann nur wenige, und das um einen hohen Preis. Wenn ja, dann dadurch, dass Gewalt perpetuiert und Teil jeder Glückssuche wurde.
So konkret die Geschichte wirkt: Sie ist allgemein gehalten, Stadt und Land sind namenlos. Ähnlich unbestimmt, ja unfassbar ist die Titelfigur: "Wenn er mit mir sprach, sah er oft durch mich hindurch, als wären seine Worte an jemanden gerichtet, der hinter mir stand. Anfangs störte mich das, aber bald gewöhnte ich mich daran. Man gewöhnt sich schnell an Iman. An seine Freundlichkeit, seine geschmeidigen Bewegungen, seine Gelassenheit. Iman war so ruhig wie ein stiller See." Die Unnahbarkeit, die charismatisch wirkt, ist Ausdruck einer völligen Unverfügbarkeit: "Seine Gefühle verschloss er tief in seinem Herzen. Sein Körper war ein Panzerschrank, und niemand hatte den Schlüssel dazu, nicht einmal er selbst."
Wofür steht Iman? Der Name wirft die Frage auf, denn ein Motto zu Beginn des Romans lässt den "Gesandten Allahs" sagen: "Wahrlich, der Glaube (Iman) wird immer wieder nach Al-Madina zurückfinden, wie eine Schlange, die immer wieder zu ihrem Loch zurückfindet." Suggeriert der Roman eine allegorische Lesart: Iman als die Projektionsfläche, die den Anderen den Glauben ermöglicht? Das wird angedeutet, als Toumani von seiner Rettung durch Iman erzählt. Zum Glück spielt die Lesart, die das dichte Geschehen auf eine Parabel reduzieren würde, später keine Rolle mehr - wenn nicht jene, den Leser dazu zu ermuntern, den kämpfenden und leidenden Figuren allgemeine Bedeutung abzugewinnen. So mysteriös Iman, Toumani und Alissa sich und dem Leser mitunter erscheinen, so universell ist ihr Schicksal: Die Spannung zwischen Rätsel und Erkenntnis, das ist begeisternde Literatur.
NIKLAS BENDER
Ryad Assani-Razaki: "Iman". Roman.
Aus dem Französischen von Sonja Finck. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2014. 320 S., geb., 22,90 [Euro].
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