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Maria Matios besingt die "Mitternachtsblüte"
Todessummen kriecht über die blühende Julierde. Iwanka hat Angst, sie versteht ihre kleine Welt nicht mehr. Im Dorf ist das unter Epilepsie leidende Mädchen ein Paria und doch Teil der Gemeinschaft aus Ukrainern, Russen und Juden. Ungläubig und mit Schrecken erlebt sie, wie 1939 zuerst die Sowjets das Kommando im Dorf übernehmen und ukrainische Bauern deportieren. Sie bangt um ihren Großvater, der sich wie der ein oder andere Schmuggler in die Wälder flüchtete. Wenig später richten die Deutschen mit Hilfe der Rumänen unter der jüdischen Bevölkerung ein Massaker an. Wird die Jüdin Chaja, die, in der Kirche versteckt, auf dem Altar ihr Kind zur Welt bringt, sich und das Baby retten können? Wird der Großvater überleben? Was wird aus einem Mädchen wie Iwanka im Krieg?
Ukraine bedeutet wörtlich "am Rande", ein Grenzland schlechthin, das in der Geschichte immer wieder zum Killing Field des Kontinents wurde. An ihrem westlichen Rand liegt die Bukowina, Grenzland im Grenzland, wo Mittel-, Südost- und Osteuropa nicht nur geographisch aufeinandertreffen. Kulturell war dieses Land der Buchenwälder stets Teil Europas, von hier kamen Sprachzauberer wie Itzig Manger, Paul Celan, Rose Ausländer oder der unvergessene Gregor von Rezzori. Ihre Namen stehen für eine versunkene Kulturlandschaft. Maria Matios, eine der bekanntesten ukrainischen Schriftstellerinnen, stammt aus einem bukowinischen Dorf, das sich allein in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in vier verschiedenen Staatsgebilden wiederfinden musste und in dem die Macht in wenigen Jahren vierzehnmal hin und her wechselte. Wie schon in ihrem Romandebüt "Darina, die Süße" erzählt sie die Geschichte dieser blutgetränkten Erde aus der naiv-unschuldigen Perspektive einer chronisch kranken Psyche mit deren magischer Phantasie, in einer bildreichen, melodischen Volkssprache, in die sich auch das Jiddische mischt. Die zerbrechliche Iwanka wird zur Verkörperung einer geschundenen Gemeinschaft, die zwischen fremden Machtinteressen zerrieben wird. Der Roman ist gerade in diesen Tagen Mahnung und Hommage zugleich. Er erinnert an die mythische Sagenwelt und den kulturellen Reichtum einer Landschaft, der durch politischen Wahn brutal ausgelöscht wurde.
sber.
Maria Matios: "Mitternachtsblüte".
Roman. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Haymon Verlag, Wien 2015. 220 S., geb., 19,90 [Euro].
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