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Rätselspiele: Philip Manow erprobt die Aufschlusskraft von Carl Schmitts Befassung mit dem großen Wal
Einem Diktum Kleists zufolge findet die Verfertigung der Gedanken beim Reden statt; in Variation dessen kann man sagen, mitunter komme der entscheidende Gedanke auch erst nach dem Schreiben. Jedenfalls ist das der Eindruck, den man nach der Lektüre von Philip Manows aus drei bereits früher veröffentlichten Aufsätzen zusammengefügtem Buch über Carl Schmitts politische Ökonomien gewinnt. Der erste dieser Aufsätze dreht sich um eine Parallellektüre früher Arbeiten Schmitts mit Franz Kafkas Roman "Der Prozess", bei der Manow auf die von beiden traktierte Unzugänglichkeit des Rechts stößt, weil entweder Türwächter den Weg versperren oder man, bevor man zum Recht gelangt, auf den Staat und das von ihm dekretierte Gesetz stößt. Der zweite Aufsatz dreht sich um Schmitts Beschäftigung mit der politischen Theologie, insbesondere um die Auseinandersetzung mit den Arbeiten Erik Petersohns und dem Charisma-Begriff Max Webers, in der es Schmitt um die Rehabilitierung des katholischen Kirchenrechts gegen die protestantische Heilsvorstellung geht. Beide Aufsätze haben auf den ersten wie letzten Blick wenig mit Ökonomie, aber sehr viel mit dem Staat und dessen Legitimierung zu tun.
Umso stärker ist der dritte Aufsatz der Ökonomie gewidmet, in dem sich Manow mit Schmitts Schriften über den Sinn und Fehlschlag des Leviathan-Motivs als politisches Symbol bis zum Völkerrechtswerk über den "Nomos der Erde" beschäftigt und dabei dem Walfang von der Zeit eines Kampfes auf Leben und Tod zwischen dem Tier und seinem Jäger - Melvilles "Moby Dick" hat Schmitt immer wieder beschäftigt - bis zur industriellen Verarbeitung der riesigen Tiere noch auf hoher See seine Aufmerksamkeit widmet. Was für uns heute, nach dem Ende der Hochzeit des Walfangs, zu einer fernen Erinnerung geworden ist, die von einigen Organisationen zum Schutz der Tierwelt politisch bewirtschaftet wird, war einstens ein bedeutsamer Wirtschaftszweig zur Gewinnung von Fetten und Glycerin, der vor allem für das rohstoffarme Deutschland eine bedeutende Rolle spielte. In diesem Sinn kann Schmitts wiederkehrende Beschäftigung mit dem Wal und dem mythischen Seeungeheuer Leviathan durchaus als Thematisierung genuin ökonomischer Fragen gelesen werden.
Manow hat diese drei Aufsätze unter die von Schmitt geprägte völkerrechtliche Begriffstrias "Nehmen, Teilen, Weiden" gestellt. Dabei hat er das "Teilen" dem vor oder hinter dem Gesetz stehenden Staat zugeordnet, das "Nehmen" (mitsamt einem durchgestrichenen "Glauben") der Debatte über die katholische Hierarchie im Gegensatz zum protestantischen Charisma-Glauben als Vorbild staatlicher Ordnung und schließlich das "Weiden" der Befassung Schmitts mit dem Wal, dem artverwandten Unterseeboot, der Freiheit der Meere und dem geopolitischen Leitgegensatz zwischen Land und Meer.
Begründet hat Manow diese Zuordnung nicht weiter - und wahrscheinlich lässt sie sich auch nicht begründen und demzufolge auch nicht halten. Das ist letzten Endes aber auch nicht schlimm, denn jenseits der Buchbindersynthese, aufgepeppt mit der übergestülpten Schmitt'schen Begriffstrias, sind alle drei Aufsätze überaus lesenswert, was ihren Wiederabdruck in überarbeiteter Form durchaus rechtfertigt.
Zusätzlich zur sorgfältigen Schmitt-Philologie, die Manow in kritischer Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschung betreibt und bei der ihm einige diskussionswürdige Korrekturen am eingeschliffenen Schmitt-Bild gelingen, ist der Text über den Wal und sein trauriges Schicksal in einer Zeit, da in Reaktion auf den russischen Angriffskrieg vom Westen Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt worden sind, nicht bloß von ideengeschichtlicher, sondern auch von aktuell-politischer Relevanz. Liest man Manows Aufsatz aufmerksam, so wird bei Schmitt ein politisch rechter Antikapitalismus erkennbar, der dem liberalen Friedensversprechen, das durch wirtschaftliche Verflechtung und globalen Handel eingelöst werden soll, entschieden widerspricht und darauf besteht, dass der Handel immer auch sein Gegenteil, die Handelsblockade, mit sich führt, die dann ihrerseits zum Mittel der Kriegführung werden kann. In der Mythenausdeutung Schmitts: der mächtige Leviathan, der große Wal, hält dem Landungeheuer Behemoth mit seinen Flossen Mund und Nase zu, um ihn auszuhungern und ihm die Luft zu nehmen. Die Entkoppelung der westlichen von den russischen Wirtschaftskreisläufen ließe sich so beschreiben.
In Schmitts Deutung erliegt der Behemoth dem Leviathan. Nun zeigt sich aber beim Blick auf die Gegenwart, dass der Wal diesen Kampf nicht ohne eigene Verletzungen durchsteht; die Politik der Sanktionen führt zu beträchtlichen Wohlstandsverlusten auch bei den westlichen Akteuren. Russland ist jedenfalls in der Position, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg das Deutsche Reich einnahm. Das könnte erklären, warum die politische Rechte in Deutschland so große Sympathien mit Putin und der Landmacht Russland hat. Womit wir lernen: Schmitts verrätseltes Spiel mit den Symbolen des geopolitischen Gegensatzes lässt sich fortschreiben, und ein Erlöschen seiner Deutungskraft ist vorerst nicht zu erwarten. HERFRIED MÜNKLER
Philip Manow: "Nehmen, Teilen, Weiden". Carl Schmitts politische Ökonomien.
Konstanz University Press, Göttingen 2022. 188 S., Abb., geb.,
22,- Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
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