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Einwandererjugend in Amsterdam als Großstadtroman: Mano Bouzamours Debüt "Samir, genannt Sam"
Nichts ist schwieriger, als sich mit Gossensprache Gehör zu verschaffen, sich unverblümt auszudrücken, ohne aber vom Leser für unfähig gehalten zu werden, weil man sich vermeintlich nicht ausdrücken kann. Dass es doch bisweilen möglich ist, zeigt ein junger Autor aus dem Sprachgebiet des diesjährigen Ehrengastes der Frankfurter Buchmesse.
Dem Niederländer Mano Bouzamour gelingt nämlich genau das. Der 1991 in Amsterdam geborene und dort aufgewachsene Autor landete gleich mit seinem Debütroman "De belofte van Pisa" einen ganz großen Wurf. Das bereits 2013 in den Niederlanden erschienene Buch (F.A.Z. vom 2. Juli 2014) wurde für Bühne und Leinwand adaptiert und nun von Bettina Bach ins Deutsche übersetzt: unter dem Titel "Samir, genannt Sam".
Der von klassischer Musik begeisterte Klavierspieler Samir Zafar, ein Sohn muslimischer Marokkaner, wächst im Amsterdamer Stadtviertel De Pijp auf, zusammen mit seinen attraktiven Zwillingsschwestern Lina und Mina, einem wenig beachteten Großvater, der sein Schlafzimmer mit einem Harem von drei Frauen teilt, sowie einem älteren Bruder, dessen Name nie genannt wird. Als Samir ins bürgerliche Elitegymnasium Hervormd Lyceum aufgenommen wird, muss er dem Bruder im gleichnamigen Eiscafé "Das Versprechen von Pisa" geben: dass er die Schule ernst nehme und durchziehe. Als Gegenleistung verspricht der Bruder ihm Unterstützung und Beistand.
Dazu aber soll es nicht kommen; der große Bruder und dessen Kumpan Soussi werden wegen des Überfalls auf einen Geldtransporter verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Soussi gesteht und verrät seinen Mittäter vor Gericht, weshalb Sam, der ein inniges Verhältnis zu seinem Bruder pflegt, sich schwört, Rache zu nehmen. Während seiner Zeit auf dem Gymnasium, die ihn um die Erfahrung einiger Klavierkonzerte, eines skandalösen Betrugs, einer Ehrenrunde und zahlreicher sexueller Erfahrungen bereichert, hält er noch Briefkontakt mit dem inhaftierten Bruder und lernt zwei wohlhabende grundverschiedene Mädchen kennen. Sich zwischen den beiden zu entscheiden fällt Samir phasenweise sehr schwer: auf der einen Seite die vernünftige und verlegene Evelien, deren Eltern ihn aufgrund seiner Herkunft recht kritisch sehen, auf der anderen die selbstsichere, impulsive Kyra. Während des Wiederholungsjahrs freundet er sich mit Eis an, einem wohlhabenden Niederländer. Zur selben Zeit verschiebt sich sein Leben und löst sich aus dem zwielichtigen, ärmlichen, von Verbrechen geprägten bisherigen Umfeld, hin zum Umgang mit einer gebildeten und wohlhabenden Welt.
Als der Bruder nach sechs Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und in einem Sexshop zu arbeiten beginnt, wird schnell klar, dass das frühere Einverständnis in die Brüche gegangen ist. Durch die spätere Ausführung der angekündigten Rache an Soussi wird es endgültig zerstört. Auch Samirs Schulkamerad Eis wendet sich ab von ihm und hin zu seinem Bruder. Unterdessen besteht Samir nicht nur sein Abitur, sondern feiert auch den Beginn eines neuen Lebens: Er hat sich verändert und mit dem Racheakt vollends mit der Vergangenheit abgeschlossen. Der Auszug aus dem Elternhaus, einige Vertraute und sein nun hinreichend gefördertes Talent helfen ihm dabei. Der letzte Satz im Roman lautet: "Vergesst Pisa. Wir gehen ins Venezia." Er zeigt, dass Samir es geschafft hat.
"Samir, genannt Sam" ist ein berührendes Buch zwischen Wahnsinn und Vernunft, zwischen Vorurteilen und Integration, zwischen Vertrauen und Misstrauen. Hoffnung und Enttäuschung bei Freundschaften, in der Liebe und im alltäglichen Leben sind ständige Begleiter. Der Roman handelt auch von Reichtum und Armut. Die Botschaft, dass Veränderung schwer sein mag und unbequem, nicht immer einfach, aber lohnenswert, ist deutlich.
Bouzamours Jugendlichkeit ist an vielen Stellen zu spüren, er schreibt frech, mit Witz und unbequem. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, übt Kritik - auch am Islam. Manchmal meint man, dass der Autor über seinen Text nicht genug nachgedacht hat, so unpassend, so überraschend wirken einige Stellen. Man würde das in jedem anderen Roman als störend empfinden, übelnehmen - doch nicht bei Bouzamour. Dieser junge, naive, neuartige Stil des Schreibens wertet sein Werk vielmehr auf und lässt es einzigartig erscheinen.
Selten hat ein Roman so zu seiner Zeit gepasst. Ausgrenzung, misslungene Integration, Vorurteile und rechtspopulistische Probleme sind ebenso Thema wie Religionskritik oder Freizügigkeit. Man findet außerdem eine Hommage an Anne Frank, geschaffen durch Samir, der ihre Tagebücher umschreibt und das ermordete jüdische Mädchen überleben lässt, auch seines eigenen Gewissens wegen. Ein hingebungsvoller und experimentierender Umgang mit Sexualität und die Angst, sich zu binden, sich für eine Person entscheiden zu müssen, sind charakteristische, immer wieder auftretende Begleitthemen.
Perfekte Menschen sucht man in "Samir, genannt Sam" ebenso vergeblich wie durchweg bösartige. Es ist ein Roman, der aufwühlt, und eine neue Art von Großstadtroman.
TOBIAS BAYER
Mano Bouzamour: "Samir, genannt Sam". Roman.
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Residenz Verlag, Salzburg 2016.
296 S., geb., 22,- [Euro].
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
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