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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
© Perlentaucher Medien GmbH
Wie unterscheidet sich ein Markt für Äpfel von einem für menschliche Nieren? Ökonomen würden sagen: kaum. Märkte sind Institutionen, die einen freiwilligen Tausch zwischen zwei oder mehr Parteien ermöglichen - die Moralität der Güter spielt dabei keine Rolle. Ein Eingriff in einen Markt ist folglich nur dann legitim, wenn er sich als ineffizient erweist. In der Realität ruft der Handel mit Organen, Sex, Kinderarbeit, Drogen und Waffen jedoch häufig Abscheu und Unbehagen hervor, wie die aktuelle Debatte um das Thema Prostitution zeigt. Die Frage ist nur, was daraus folgt: Wann ist es legitim, in diese Märkte einzugreifen oder sie gar zu verbieten?
Debra Satz, Philosophieprofessorin in Stanford, kritisiert in ihrem Buch ("Von Waren und Werten". Die Macht der Märkte und warum manche Dinge nicht zum Verkauf stehen sollten. Hamburger Edition, Hamburg 2013. 318 S., geb., 32,- [Euro]) die "eindimensionale Sichtweise" der Wirtschaftswissenschaften und argumentiert, dass Märkte auch Grenzen moralischer Natur haben. Die egalitaristische Vision einer Gesellschaft von Gleichen ist ihre zentrale Prämisse: Märkte müssen eingeschränkt werden, wenn sie den Parteien die Fähigkeit nehmen, als Gleiche zu interagieren. Um herauszufinden, wann ein Markt "toxisch" ist, formuliert Satz vier Kriterien: die Verwundbarkeit der beteiligten Marktteilnehmer, eingeschränkte Handlungsfähigkeit, schädliche Resultate für den Einzelnen und schädliche Resultate für die Gesellschaft.
Satz versucht nicht, die soziale Bedeutung der Güter zu beurteilen. Ob es moralisch zu vertreten ist, seine Organe zu verkaufen oder sich zu prostituieren, darüber mag jeder anderer Meinung sein. Doch Schlussfolgerungen für die Politik kann auch Satz nicht geben. Beispiel Nierenmarkt: Wer seine Niere verkauft, hat möglicherweise keine andere Wahl und kann die gesundheitlichen Risiken nicht richtig einschätzen. Diese Probleme würden sich laut Satz noch beheben lassen, wenn man den Markt nur richtig reguliert. Anders verhält es sich mit den Konsequenzen für die Gesellschaft: Wenn, wie in bestimmten Regionen Indiens, Nieren als potentielles Pfand für einen Kredit gelten, könnte es für jemanden, der seine Niere nicht verkaufen will, schwieriger werden, ein Darlehen zu bekommen. Sollten also Menschen dafür büßen, dass sie ihre Organe nicht verkaufen wollen? Selbst diesem Argument kann Satz als Begründung für ein Verbot eines Nierenmarktes "nur bedingt zustimmen" - weil auch diejenigen schwer wiegen, die mangels eines Transplantats sterben.
Dass ein Markt toxisch ist, bedeutet also nicht zwangsläufig, dass man ihn auch verbieten sollte. Satz lässt sich nicht zu einfachen Antworten hinreißen; gleichzeitig verliert man aber genau deshalb leicht die Übersicht. Sie richtet sich ganz klar an ein wissenschaftliches Publikum; diesem ermöglicht sie eine neue Perspektive auf Märkte, die über die Vorstellung hinausgeht, dass ein aus Verzweiflung abgeschlossenes Geschäft immer auch ausbeuterisch und schon deshalb zu verbieten ist.
BRITTA BEEGER
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