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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
© Perlentaucher Medien GmbH
Ein "Tell"-Übersetzer wird zum philippinischen Nationalhelden
"Wilhelm Tell für die Schule" heißt ein 1971 erschienenes Buch von Max Frisch, das die Textvarianten der Tell-Sage mit dem Drama von Schiller vergleicht und die Frage aufwirft, wie viel historisch-politische Realität sich in der patriotischen Legende spiegelt. Es lohnt sich, den fast vergessenen Band zur Hand zu nehmen, um sich dem ganz anders gearteten Buch einer 1970 geborenen Schweizer Autorin zu nähern, die den Fernwirkungen des Rütli-Schwurs nachgegangen ist bis nach Manila, ans andere Ende der Welt.
José Rizal (1861 bis 1896), der Nationaldichter der Philippinen, ist hierzulande nur Experten ein Begriff, obwohl er in Madrid, Paris, Leipzig und Heidelberg Medizin studierte und 1886 nach Berlin ging. Dort hielt er etwa einen Vortrag über die in der Gegend um Manila gebräuchliche Sprache Tagalog, die damals noch kaum kodifiziert, geschweige denn literarisch erprobt worden war. Vor allem aber vollendete er in Berlin seinen Roman "Noli me tangere", der 1887 dort im spanischen Original erschienen und bis heute Pflichtlektüre an philippinischen Schulen ist.
"Wenn du in deinem Buch gelogen hast, wirst du Erfolg haben", warnte ihn sein in Manila zurückgebliebener Bruder, "und wenn nicht, dann werden sie dich verleumden. So wird es wohl kommen." So kam es denn auch, und nach seiner Rückkehr aus Europa wurde Rizal als angeblicher Agent Bismarcks, Freimaurer und revolutionärer Aufwiegler verhaftet, zum Tode verurteilt und erschossen, obwohl er den Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft weder angezettelt noch gebilligt, wohl aber geistig vorbereitet hatte. 1898 verlor Spanien schließlich auch noch die letzten Außenposten seines Weltreichs, Kuba und die Philippinen, und in beiden Fällen versuchten die Vereinigten Staaten mit mehr oder weniger Erfolg, die Lücke zu füllen, um sich die frei werdenden Territorien einzuverleiben.
Doch wie ist es zu erklären, dass Rizal das Hauptwerk der philippinischen Literatur ausgerechnet in Berlin geschrieben hat? Nach dem Sieg über Frankreich wurde das unter preußischer Ägide geeinte Deutschland zum Mekka der Wissenschaft: Universalgelehrte wie Theodor Mommsen und Hermann von Helmholtz, Koryphäen der Medizin wie Robert Koch und Rudolf von Virchow, bei dem Rizal studierte, zogen Intellektuelle aus Kolonialgebieten an, deren Streben nach kultureller Selbstfindung, Freiheit und Unabhängigkeit sich an deutschen Vorbildern orientierte, unter ihnen der japanische Arzt und Dichter Mori Ogai und der nordamerikanische Bürgerrechtler W. E. B. Dubois.
"Bei Humboldt", so schreibt Annette Hug in ihrem Buch "Wilhelm Tell in Manila", fand Rizal den Gedanken, dass das tagalische Verb ein "Kunstwerk" sei, geschaffen "ausgerechnet dort, wo die alten javanischen Handelslinien ausgefranst waren, wo nur Holzhütten standen, kein einziger Tempel auf siebentausend Inseln". Die Beschäftigung mit dem Tagalischen blieb nicht die einzige, mit der sich der Autor seiner fernen Heimat zuwandte. Parallel zur Arbeit an seinem Roman "Noli me tangere", der das spanische Kolonialregime demaskiert, übersetzte Rizal "Wilhelm Tell" auf Tagalog und legte die revolutionäre Sprengkraft von Schillers Drama frei, das in Europa als Rührstück aus der Rumpelkammer des Feudalismus galt, auf den Philippinen aber von aktuellem Interesse war - nicht nur, weil es dort wolkenverhangene Berge gibt.
Den Prozess, bei dem abgesunkenes Kulturgut in einem fremden Kontext seine politische Brisanz offenbart, macht Hugs Buch nun direkt nachvollziehbar: Nicht in Form einer soziologischen Feldstudie oder einer historischen Dokumentation, sondern in einem klug komponierten, mitreißend geschriebenen Roman, der sinnliche Anschaulichkeit mit Gelehrsamkeit verbindet, ohne mit dem Fachwissen der Autorin zu protzen.
Annette Hug, die heute als freie Autorin in Zürich lebt, hat lange Zeit auf den Philippinen verbracht und deren Sprachen, Kultur und Geschichte gründlich studiert. Und so erkennt man in der folgenden Passage nicht nur den Stil von Rizal, den Hug charakterisiert, sondern auch die eigene Schreibkunst, die ihr Buch so lesenswert macht: "Was ihn wirklich begeistert, sind Romane von Eugène Sue und Alexandre Dumas: Zeitsprünge und Ortswechsel, auf zehn Seiten einmal um die Welt, jedes Kästchen hat einen doppelten Boden, jeder Flur eine Falltür - im Überfluss der Stadt Paris genießt er auch seinen eigenen: José Potasio Rizal Mercado y Alonso devenu Joseph Rizal, écrivain de Manille."
HANS CHRISTOPH BUCH
Annette Hug: "Wilhelm Tell in Manila". Roman.
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2016. 192 S., geb., 19,80 [Euro].
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