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Wie Darwin und Haeckel im Bürgertum ihr Echo fanden
Einen "Zweikampf auf dem Gebiet des Geistes" nannte die "Gartenlaube" die Debatte um die Thesen Charles Darwins, die der Berliner Mediziner Rudolf Virchow mit dem Jenaer Zoologen Ernst Haeckel von 1877 an führte. Daß Virchow Darwins Abstammungslehre mit dem Materialismus der Sozialdemokratie verglich, trug den Streit bis in den Reichstag. Wie Andreas Daum in seiner eindrucksvollen Studie über die Popularisierung der Naturwissenschaften in Deutschland zwischen 1848 und 1914 vorführt, erfaßte die Begeisterung für naturkundliche Themen immer breitere Kreise der Bevölkerung. In der nachrevolutionären Epoche besaß sie auch eine politische Stoßrichtung. Die Popularisierer bekämpften die Deutungsmacht, welche Staat und Kirche bei der Erklärung von Umwelt und Natur noch immer beanspruchten.
Freiprotestantische "Lichtfreunde" wie auch die von Rom abgefallenen "Deutschkatholiken" erhoben Alexander von Humboldt zum Patron ihrer mit missionarischem Eifer betriebenen Kampagne zur Verbreitung des naturwissenschaftlichen Wissens. "Wir brauchen keine Kirchen, / Du bist so schön Natur, / So schön ihr Waldgebirge, so schön du heil'ge Flur! / Der Schöpfung weise Wunder, / Der Mensch, ihr hoher Sohn / Sind unsere Symbole / Sind unsre Religion". So lautete das Glaubensbekenntnis der Freireligiösen.
Die emphatische Betonung von "Wissenschaft" und "Wahrheit", von "freiem Forschertum" und "Klarheit des Geistes" prägte aber auch die weniger weltanschaulich ausgerichteten Vereine, die in immer größerer Zahl die Beschäftigung mit der Natur propagierten. Die Arbeiten der Insekten- und Mineraliensammler, Sterngucker, Botanisierer und Aquarienfreunde bewegten sich, wie Daum in Anlehnung an die englischsprachige Forschung über die sogenannten "amateur sciences" herausstreicht, zum Teil durchaus auf wissenschaftlichem Niveau. Insofern etablierten sie sich als populäres Gegengewicht zu einer sich professionalisierenden und spezialisierenden universitären Naturwissenschaft. Durch ihre ausgedehnten Studien über die heimische Tier- und Pflanzenwelt, über Gesteine und Gebirgsformationen der Region machten die stark von Ärzten und Apothekern getragenen Vereine die abstrakten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit lokalen Beispielen anschaulich. So vermittelten sie zwischen Fachgelehrten und dem breiten Publikum.
Populäre Bücher wie "Brehms Tierleben", Artikel über naturwissenschaftliche Themen in der "Gartenlaube" oder in einer der viel gelesenen illustrierten Zeitungen, Vorträge und theatralische Darbietungen, wie sie etwa an der 1888 gegründeten Berliner Urania aufgeführt wurden, verbreiteten schnell die neuesten naturkundlichen Entdeckungen in der Gesellschaft des Kaiserreichs. Die große Nachfrage nach verständlichen Erklärungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse schuf einen eigenen Berufsstand professioneller Popularisierer, die zusammen mit bekannten Wissenschaftlern wie Justus von Liebig den großen Wissensdurst des Publikums befriedigten. Dagegen sperrte sich die preußische Kulturbehörde über lange Zeit gegen die Anerkennung der Naturwissenschaften im Schulunterricht an den Gymnasien und propagierte statt dessen unerschüttert das klassisch-philologische Bildungsideal als Gegenpol zu den angeblich materialistischen Tendenzen der Naturwissenschaften.
In seinem Tableau der Popularisierung der Naturkunde verbindet Daum kultur-, politik- und sozialgeschichtliche Ansätze. Er konzentriert sich auf die heute noch als Naturwissenschaften anerkannten Fächer Biologie, Chemie und Astronomie; der Anthropologie schenkt er kaum Beachtung. Bedauerlicherweise erschwert der Autor den Zugang durch eine schematische Gliederung des Buches nach unterschiedlichen Vermittlungswegen und -medien. Dies hat etwa zur Folge, daß Humboldts Werk erst nach den "Humboldt-Vereinen" vorgestellt wird. Wer sich jedoch die Mühe macht, das eher handbuchartige Werk und zumal die Sammlung von Kurzbiographien im Anhang gründlich zu studieren, wird mit einem bunten Bild der naturwissenschaftlichen Laienbewegung belohnt.
Ein Reiz der Studie liegt darin, daß sie die Naturwissenschaften weniger gemäß ihrem Selbstbild als "exakte Wissenschaften", sondern eher in ihrer "Weltanschauungswirkung" (Troeltsch) als Element der bürgerlichen Kultur vorführt. In diesem Sinne wendet sich Daum auch gegen die Vorstellung von der Existenz "zweier Kulturen" der Geistes- und Naturwissenschaften. Er zeigt, daß die bürgerliche Gesellschaft auch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Begeisterung für eine ganzheitliche Idee der "Natur" im Sinne der traditionellen Naturphilosophie noch nicht aufgegeben hatte. JAKOB VOGEL
Andreas Daum: "Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert". Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848 bis 1914. Oldenbourg Verlag, München 1998. XII, 617 S., geb., 148,- DM.
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