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Starbuck - das ist der Steuermann der Pequod aus Melvilles Roman "Moby Dick". Starbuck - das war der Deckname des deutschen Terroristen Holger Meins. Holger Meins starb als erstes RAF-Mitglied 1974 in Untersuchungshaft im Hungerstreik. Er wurde 33 Jahre alt. 25 Jahre nach seinem Tod begibt sich der Filmemacher und Freund Gerd Conradt auf Spurensuche nach dem Steuermann der "Baader-Meinhof-Gruppe". Wer war Holger Meins?
Was führte ihn in den Untergrund? Welche Umstände führten zu seinem Tod, mit dem er zum erklärten Symbol des radikalen Widerstandes wurde? Was bleibt von ihm? Auf dem Weg
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Produktbeschreibung
Starbuck - das ist der Steuermann der Pequod aus Melvilles Roman "Moby Dick". Starbuck - das war der Deckname des deutschen Terroristen Holger Meins. Holger Meins starb als erstes RAF-Mitglied 1974 in Untersuchungshaft im Hungerstreik. Er wurde 33 Jahre alt. 25 Jahre nach seinem Tod begibt sich der Filmemacher und Freund Gerd Conradt auf Spurensuche nach dem Steuermann der "Baader-Meinhof-Gruppe". Wer war Holger Meins?

Was führte ihn in den Untergrund? Welche Umstände führten zu seinem Tod, mit dem er zum erklärten Symbol des radikalen Widerstandes wurde? Was bleibt von ihm? Auf dem Weg durch dieses tragische Kapitel deutscher Geschichte geben ihm anhand der vielfältigen Zeitdokumente die unterschiedlichsten Weggefährten Auskunft...

Bonusmaterial

DVD-Ausstattung / Bonusmaterial: - Kapitel- / Szenenanwahl - DVD-Menü mit Soundeffekten - Interviews - Bildergalerie - Kurzfilm "Oskar Langenfeld" - Kurzfilm "The Fight goes on"
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.05.2002

Aber er war doch so begabt!
Verdruckst: Gerd Conradts Dokumentarfilm "Starbuck" zeigt den Künstler Holger Meins

Warum jetzt? Jahrzehntelang umschlich der deutsche Film das Thema "RAF". Einige der wichtigsten Regisseure von Rainer Werner Fassbinder bis Margarete von Trotta versuchten sich daran. Aber man meint ihren Werken die Scheu anzumerken, den Wunsch, sich dem Erwartungsdruck zu entziehen. Nach der Selbstauflösungserklärung der Rote-Armee-Fraktion 1998 hat sich das geändert. Es entstanden nicht nur mehr Filme als lange zuvor, sie erprobten auch neue Formen, von der zeitgeschichtlichen Collage bis hin zum Klamauk. Es war Volker Schlöndorff, der mit der "Stille nach dem Schuß" als erster in die Kinos kam. Doch für das, was folgte, zeichnet eine Generation, die an die Anfänge des Terrors keine Erinnerung hat.

Was immer man von den Filmen im einzelnen halten mag, die Freiheit, nicht erklären zu müssen, auf welcher Seite man selbst seinerzeit stand, hat dem Genre gutgetan. Erstaunlich an den Biographien eines Joschka Fischer oder Otto Schily ist ja nicht, daß aus Staatsgegnern Staatsvertreter geworden sind, sondern die Kontinuität, mit der sie Schlüsselpositionen bekleiden. Wenn derselbe Mann mal als Kopf einer Sponti-Gruppe und mal als Bundesminister reüssiert, können beide Systeme so ganz gegensätzlich nicht sein. Das gilt zumal für die RAF, die ihrem Anspruch zum Trotz ein elitärer Zirkel war. Kein "Kader" ihrer ersten Generation hätte die "Propaganda der Tat" gebraucht, um sich Gehör zu verschaffen. Es kostet wenig Phantasie, sich auszumalen, wie Ulrike Meinhof heute wieder in einigen der zahllosen Talkshows säße und mit ihrem einnehmenden Lächeln von damals erzählte.

Auf diese Spur begeben sich die jüngeren Aufarbeitungen des Themas. Sie fragen nach dem, was vor Jahren noch als Obszönität erschienen wäre: dem Charisma des Terrors. Christopher Roths auf der Berlinale gezeigter Film "Baader" präsentiert die Terroristen als lebenshungrige junge Leute, für die Revolution nur ein Weg zum großen Abenteuer Untergrund ist. Andreas Veiels Dokumentation "Black Box BRD" beschreibt die fanclubartige Struktur der Sympathisantenszene, der Wolfgang Grams entstammte. Heute kommt ein weiterer Dokumentarfilm in die Kinos, gewidmet dem ersten Märtyrer der RAF, der im Hungerstreik gegen die Isolationshaft 1974 starb.

Holger Meins zählte nicht zu den Wortführern der Gruppe; er war das, was man damals einen verkrachten Künstler nannte: asketisch, schwermütig und besessen von unfertigen Ideen. Es ist schwer zu ergründen, was Gudrun Ensslin in ihm sah, als sie, den "Moby Dick" nach Decknamen durchstöbernd, ausgerechnet den des unbeirrbar vernünftigen Steuermanns für ihn fand. "Starbuck - Holger Meins" ist auch der Titel von Gerd Conradts Film. Er zeigt nicht den Terroristen, sondern den Filmemacher und Maler, den Kommunarden und Freund. Der Zuschauer erkennt viele Ähnlichkeiten mit Wolfgang Grams: die Schüchternheit, die fanatische Gerechtigkeitsliebe, das soziale Engagement. Doch er bemerkt auch den Gegensatz, der vielleicht eher dem Wechsel der Generationen als der Unterschiedlichkeit der Charaktere geschuldet ist: Grams' Weggefährten waren dem Anschein nach drop-outs, die heute in Schrebergartenbehausungen die rote Fahne hissen. Meins gehörte bis zum Beginn des "bewaffneten Kampfes" zur linken Avantgarde. Arrivierte Filmkünstler wie Michael Ballhaus oder Harun Farocki erinnern sich mit Sympathie an die gemeinsame Zeit mit "dem Holger". Prominente von Schily bis Dutschke nahmen an seiner Beerdigung teil.

Conradt fragt in aller Naivität, wie ein so talentierter junger Mann zum Verbrecher werden konnte. Man könnte das für den Kunstgriff einer neuen Unbefangenheit halten, wären nicht die Zeitzeugeninterviews, aus denen der Film zum großen Teil besteht, gleichermaßen naiv arrangiert: Der Regisseur Peter Lilienthal bekommt eine Kamera in die Hand gedrückt. Die ehemalige Terroristin Margrit Schiller posiert vor einer Wand mit Schlagzeilen über sie. Der BKA-Hauptkommissar a.D. Alfred Klaus - heute hieße man ihn wohl einen "Profiler" - erzählt von der Starbuck-Assoziation an Bord eines Bootes mit einem Selbstporträt von Holger Meins vor der Reling.

Man errät leicht, daß Gerd Conradt kein unbefangener Jungfilmer ist. Er war einer der Kommilitonen von Meins im ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin 1966, und er gehörte auch zu den achtzehn Studenten, die zwei Jahre später wegen ihrer politischen Agitation exmatrikuliert wurden. In dieser selten gewordenen Nähe des Autors zu seinem Gegenstand liegt die Stärke des Films ebenso wie seine Schwäche. Als gebannter Archivar dieser Epoche verfügt er über unbekanntes und sehr sprechendes Material: politische und unpolitische Filme von Holger Meins, Auftritte als Agitator und Schauspieler, Gespräche mit dem Vater, der seinem Sohn unverbrüchlich die Treue hielt. Manches beiläufige "Du weißt ja" aus dem Mund der Interviewten verrät ihre Erleichterung darüber, ohne Vorrede erzählen zu können. In manchen Momenten blitzt die Fratze auf, die Holger Meins gesehen haben muß, als er im Staat seinen Todfeind erkannte: wenn der rheinland-pfälzische Justizminister in gedrechseltem Amtsdeutsch ausführt, wie es sein konnte, daß Meins trotz Zwangsernährung starb, wenn die SPD-Abgeordneten Beifall klatschen zu Helmut Schmidts zynischer Bemerkung, ein Untersuchungsgefängnis sei kein Erholungsheim.

Gerd Conradt, der sich heute auf Steiner, Freud und die Bibel beruft, hält den Film von Wertungen frei - anders als das obskure Begleitheft, wo von der "Ermordung" der Terroristin Petra Schelm durch die Polizei, vom "angeblichen" Selbstmord von Ulrike Meinhof und vom "früheren NS-Offizier" Hanns-Martin Schleyer gesprochen wird. Doch seine Fokussierung des Künstlers läßt das Gesamtbild unscharf werden. Zum Beispiel war Holger Meins besessen von Waffen. Noch mehr als Andreas Baader soll er damit herumgefuchtelt und selbst Helfer bedroht haben. Weiß man das, ist es aufschlußreich, aus dem Film zu erfahren, daß er auch die Kamera benutzte, um Distanz herzustellen und Kontrolle auszuüben. Weiß man es nicht, behält man nur die Platitüde im Ohr, Meins habe die Kamera gegen die Waffe eingetauscht.

Diese Verdruckstheit im Umgang mit den zentralen Punkten macht den Porträtierten zu einem Chamäleon, das mehr über seine Umgebung als über sich selbst offenbart. Conradt tappt noch in dem Niemandsland, das sich auftat, als es in der radikalen Linken nur noch Problem oder Lösung, Schwein oder Genosse gab. Er vergibt die Chance, heute, am Ende der Dichotomien, den Kreis zu schließen, der von der Kunst über den Terror zurück zur Kunst führen könnte. Ihm genügt die Rolle eines Verwandten im Geiste, der kopfschüttelnd ausruft: "Aber er war doch so begabt." Eine Generation früher hätte er damit Aufsehen erregt. Heute ist sein Film das, was die RAF sicher nicht ist: merkwürdiges Relikt einer vergangenen Zeit.

MICHAEL ALLMAIER

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